Aus: Ausgabe vom 19.06.2017, Seite 11 / Feuilleton

Cello im Rausch

Ein Esche-und-Esche-Abend in der jW-Ladengalerie

Von Frank Burkhard
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Viel mehr als dieses eine Gedicht: Esther Esche und Andreas Greger am Samstag in der jW-Ladengalerie

In der jW-Ladengalerie gab es einen bemerkenswerten Samstag abend. »Der Hase im Rausch spielt Cello« hieß das Programm, doch das Cello wurde von Andreas Greger gespielt, der von seiner entscheidenden Begegnung mit Eberhard Esche erzählte. Sie fand im Treppenhaus statt, und Esche meinte: »Sie spielen Cello an der Staatsoper? Dann müssen Sie doch gut genug sein, um mich auf der Bühne zu begleiten!«

Eberhard Esche, 1933 in Leipzig geboren und 2006 in Berlin gestorben, war Mitte der 60er Jahre mit seiner Rolle des Lanzelot in Benno Bessons Inszenierung von »Der Drache« ein legendärer Schauspieler geworden. Von 1961 an spielte er (mit einer kurzen Unterbrechung) rund vier Jahrzehnte am Deutschen Theater, und dabei wäre er fast zum Berliner Ensemble gegangen. Darüber und über viele großartige Kollegen erzählte Esche in zwei Büchern, die er in größeren Pausen zwischen seinen Auftritten geschrieben hatte. Dabei begann er mit seiner Familiengeschichte um den Strumpfwirker Johann Esche, einem Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs.

So passten die musikalischen Einsprengsel von Andreas Greger sehr gut ins Programm, das von Esther Esche, einer Tochter des Schauspielers, gestaltet wurde. Auch sie wurde eine preisgekrönte Aktrice und ist aus vielen Fernsehrollen (am besten als Haushälterin Sonja in der Serie »Klemperer – Ein Leben in Deutschland«) bekannt. Leicht verschmitzt erinnert sie an ihren Vater und trägt seine Texte mit Gefühl für dessen Pointen vor, wenn sie beispielsweise die Probleme eines alten Hundes mit dem Stoffwechsel auf der Bühne des Deutschen Theaters schildert. Und wie er eine Autofahrt mit Thälmann – so nennt Esche seinen Kollegen Günther Simon – wiedergibt, ist eine Klasse für sich. Doch er erschöpft sich nicht im Anekdotischen. Deutlich kommt sein Unbehagen mit den Wandlungen nach 1990 zum Ausdruck, damit, dass sich die DDR verabschiedete. »Wir haben durch unser Verschwinden die Welt beschissen«, meinte Esche. Das soziale Ungleichgewicht ist durch die Auflösung des sozialistischen Lagers in allen Ländern katastrophal geworden.

Im Kapitel über seine epochemachende Interpretation der Michalkow-Fabel vom »Hasen im Rausch« kokettiert er damit, dass er nur durch dieses eine Gedicht populär sei. Vielleicht hat er deshalb am Ende seines Lebens noch mal in einer beliebten Serie mitgespielt: als Nachbar in »Mama ist unmöglich«.

Wer traurig ist, dieses Programm verpasst zu haben, sei unbesorgt. Ab und an steht es auf dem Spielplan des Theaters im Palais in Berlin, und Gastspiele führen Esther Esche und Andreas Greger in viele Städte der ehemaligen Republik.

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