Aus: Ausgabe vom 19.06.2017, Seite 5 / Inland

Gutscheine statt Arbeitsrecht

Discounter Lidl expandiert in die USA. Hierzulande werden Betriebsräte blockiert und Arbeitsplätze überwacht

Von Simon Zeise
Lidl_eroeffnet_erste_53760737.jpg
Unter welchen Bedingungen die Regale befüllt wurden, wird die Mitarbeiterin den Kunden nicht erzählt haben (Virgina-Beach, USA, 15. Juni)

Wieder mal wird deutsche Qualitätsware exportiert. Der Lebensmittelhändler Lidl hat am Donnerstag in den USA seine ersten zehn Filialen eröffnet. In den Bundesstaaten Virgina, North und South Carolina wurden die ersten Geschäfte eingeweiht, im Laufe des nächsten Jahres sollen an der Ostküste Hunderte weitere folgen. Am frühen Donnerstag morgen kampierten die ersten Kunden in Virgina-Beach vor noch verschlossenen Ladentüren. Sie wollten in der Morgendämmerung die ersten sein, die ihre als Werbegeschenke erhaltenen Gutscheine einlösen durften.

Lidl-Boss Klaus Gehrig sagte der Heilbronner Stimme vom Samstag: »Der Start in neue Länder ist immer gut.« In Europa verkauft der Konzern seine Produkte bereits an 11.463 Standorten. Erst in vier Wochen könne man beurteilen, wie der Markteintritt gelaufen sei. Hundertprozentig zufrieden sei er nie, so Gehrig. Was grämt den Manager noch? Vielleicht seine Angestellten. Die streikten am Freitag im Rahmen der Tarifauseinandersetzung im Einzelhandel. Im Logistikzentrum in Graben, Kreis Augsburg, legten 60 der 150 Beschäftigten die Arbeit nieder. Neben der zentralen Forderung der Gewerkschaft ver.di: ein Euro mehr Lohn pro Stunde, fordern die Mitarbeiter, genauso bezahlt zu werden wie ihre eigenen Kollegen. Logistiker verdienten bei Lidl rund ein Drittel weniger als Filialmitarbeiter. Die Geschäftsführung behaupte, das Logistikzentrum sei ein Speditionsunternehmen und wende daher den in dieser Branche üblichen Tarif an, erklärte ein Beschäftigter am Freitag der Augsburger Allgemeinen. Um Lieferengpässe zu vermeiden, habe die Geschäftsführung Mitarbeiter aus einem 70 Kilometer entfernten Zentrallager einbestellt, erklärte die Gewerkschaft. Lidl-Betriebsratsvorsitzender Christian Layer erklärte, Mitarbeiter der Spätschicht seien am Vorabend gefragt worden, ob sie 30 Minuten länger arbeiten würden. Als Entschädigung hätten diese einen 25-Euro-Gutschein angeboten bekommen.

Im Schleifen des Arbeitsrechts scheint Lidl wieder Gefallen zu finden. 2014 hatte ver.di das »Schwarzbuch Lidl« veröffentlicht, in dem ausführlich die »systematische Verletzung elementarer Arbeitnehmerrechte« nachgewiesen wurde. Das Medienecho war enorm. Berichte über Lohndrückerei, Behinderung der Betriebsratsarbeit und Überwachung am Arbeitsplatz häuften sich. 2008 war herausgekommen, dass in zahlreichen Filialen versteckte Kameras installiert waren. Über lange Zeit wurden persönliche Informationen gesammelt. Lidl musste ein Bußgeld von 1,5 Millionen Euro zahlen. Der Konzern hatte daraufhin die Kameras abgeschraubt.

Nun will der Konzern offensichtlich alte Traditionen wieder aufleben lassen. Die Kameras sollen zurück, berichtete die FAZ am Samstag. Weil in den vergangenen fünf Jahren etwa 600mal beim Discounter eingebrochen worden sei. Während 2008 einzelne Filialbetreiber spioniert hätten, würden künftig die Filmchen von der Zentrale ausgewertet. Bis zu zwölf Kameras sollen pro Verkaufseinrichtung installiert werden, die Daten können bis zu 48 Stunden gespeichert werden. Unternehmensboss Gehrig wird ein Stückchen zufriedener sein.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland