Aus: Ausgabe vom 17.06.2017, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der eigenen Kraft vertrauen

Im nordirakischen Sengal wird eine jesidische Selbstverwaltung aufgebaut. Doch die muss weiter geschützt werden

Von Karl Plumba
Wachsam: Im Sengal-Gebirge sind die Stellungen der PKK oft nur wenige Meter von denen der feindlichen Peschmerga entfernt
Explosiv: Mit selbstgebauten gepanzerten Bombenautos wie diesem versuchten die Kämpfer des IS, durch die Verteidigungslinien zu brechen
Mangel: Von der Barsani-Regierung wurden die Möglichkeiten zur Einfuhr von Produkten aus der Autonomen Region Kurdistan stark eingeschränkt
Hoffnung: Die Jesiden wollen mit ihren eigenen Verwaltungs- und Verteidigungsstrukturen ihr Schicksal selbst bestimmen
Seit der Befreiung vom IS können die Kinder Schengals wieder ein Leben in relativer Sicherheit führen
In Bereitschaft: Mit den Widerstandseinheiten YBS und den Frauenmilizen YPG organisiert die jesidische Bevölkerung ihre Verteidigung selbst

Im Norden des Irak, auf dem Gebiet der Kurdischen Autonomieregion (KRG) liegt das Sengal-Gebirge (Sindschar-Gebirge). Die Berge und ihr Umland sind seit Jahrtausenden das Siedlungsgebiet der Jesiden, einer religiösen Minderheit, die seit jeher wegen ihres Glaubens verfolgt wird.

Als sich 2014 die Terrororganisation »Islamischer Staat« über fast den gesamten Irak auszubreiten begann und die Großstadt Mossul über Nacht einnahm, war ihr nächstes Ziel der Distrikt Sengal. In der Ideologie des IS gelten die Jesiden als »Teufelsanbeter«, die umgebracht werden müssen. Ursprünglich waren in der Region 12.000 Peschmerga der KRG-Regierung stationiert. Doch angesichts des Vormarsches der Dschihadisten zogen sie im August 2014 über Nacht mit all ihren Waffen ab und überließen die schutzlose Bevölkerung den Mörderbanden des IS. Tausende Menschen wurden umgebracht, Frauen und Mädchen verschleppt, vergewaltigt und in die Sklaverei verkauft. Wer entkam, floh entweder nach Europa, in die KRG oder in die schutzbietenden Berge des Sengals.

Eine Handvoll Guerilleros der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) konnte die vorrückenden IS-Verbände am Vordringen in die Berge hindern und so eine Schutzzone für die Jesiden errichten. Zur Verstärkung anrückende PKK-Einheiten aus den Kandilbergen und syrisch-kurdische Volksverteidigungskräfte (YPG/YPJ) kämpften schließlich einen Korridor ins benachbarte nordsyrische Rojava frei.

Seitdem baut die kurdische Befreiungsbewegung gemeinsam mit den Jesiden neue gesellschaftliche Institutionen auf, die auf Selbstverwaltung, Rätedemokratie, Frauen­befreiung und Selbstverteidigung basieren. Weil nun eine eigene jesidische Miliz zur Verteidigung des Sengal geschaffen wurde – die »Widerstandskräfte des Sengal« (YBS) – und in einigen Gebieten Ruhe einkehrte, kamen viele Geflüchtete wieder zurück.

Am 3. März 2017 aber spitzte sich die Situation erneut zu. Diesmal griff nicht der »Islamische Staat« an, sondern die mit der Türkei verbündete Demokratische Partei Kurdistans (KDP) des Klanchefs Masud Barsani. Dessen Peschmerga rückten in Richtung der Kleinstadt Khan Al-Sur vor, die YBS-Kämpfer stellten sich ihnen entgegen. Jeder Versuch zu verhandeln scheiterte, die Peschmerga eröffneten das Feuer. Fünf jesidische Kämpfer und zwei Guerilleros der PKK starben.

Seitdem wurden Gräben ausgehoben, eine regelrechte Frontlinie entstand. Für zusätzliche Spannung sorgen die Angriffspläne des türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan. Dieser drohte Ende April, die Kandilberge – das Kerngebiet der PKK – und Gire Sipi (Tal Abjad) – den Grenzkorridor zwischen dem Irak, der Türkei und Syrien – als auch den Sengal angreifen zu wollen. Ziel der Operation sei es, die PKK in der Region »auszulöschen«. Für die Jesiden Sengals, die in der PKK nicht den Feind, sondern den Retter in der Not sehen, bedeutet dies erneut eine ungewisse Zukunft und die Furcht vor einem neuen Krieg.

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