Aus: Ausgabe vom 08.06.2017, Seite 10 / Feuilleton

Rasa tanzt

Die Macht der Schande. Saleem Haddads ­großartiges Romandebüt »Guapa«

Von Detlef Grumbach
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»Meine Großmutter hat Taymour und mich letzte Nacht erwischt. Riesenchaos.« Rasa, ein Mann von siebenundzwanzig in einem nicht näher bezeichneten arabischen Land, schreibt die SMS an seinen vertrauten Freund Maj. Rasa lebt bei seiner ultrakonservativen Großmutter Rosetta, kurz Teta genannt. Die Mutter ist schon lange verschwunden, der Vater an Krebs gestorben. Jetzt hat Teta ihn mit seinem Geliebten im Bett erwischt und sich in ihr Zimmer eingeschlossen. Taymour ist gegangen. Nichts ist mehr, wie es war. Und keine Antwort auf die SMS.

Von dem Tag nach diese Katastrophe handelt das literarische Debüt von Saleem Haddad, der 1983 in Kuwait-Stadt geboren wurde, für Ärzte ohne Grenzen in Syrien, im Jemen und im Irak tätig war und heute in London lebt. Der Roman spielt während des »arabischen Frühlings«, der Zeit der Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben, in einem nicht genannten Land im Nahen Osten. Doch der Polizeiterror hat bereits eingesetzt, es gibt beinah täglich Tote und Verletzte. Rasa arbeitet nach seinem Studium in den USA in einem Übersetzungsbüro. Er und seine Kollegen begleiten ausländische Auftraggeber, stellen Kontakte her, führen sie in die Kreise der Opposition genauso wie in die der Kämpfer für einen islamistischen Gottesstaat.

Der Roman erzählt in einer kunstvoll arrangierten Montage aus Rückblenden, Erinnerungsfetzen und Gedankensplittern von einem ganzen Leben: So von der Kindheit Rasas mit den für ihn unverständlichen Spannungen in der Familie. »Man kann nicht mehr vor die Tür gehen, ohne mit einem religiösen oder einem autoritären Spinner zusammenzustoßen«, hatte die liberale Mutter einmal gesagt, aber auch zu Hause musste sie sich einem rigiden System aus Moralvorstellungen, Anstand und Geschlechterrollen unterwerfen und wurde depressiv. Eines Tages war sie weg.

Er erzählt auch von der lebenslangen Freundschaft zu Maj, der schon als Kind ein Außenseiter war, selbstbewusst auftritt und immer wieder den Preis dafür zahlt. Auf die SMS kann er nicht antworten, weil er in der Nacht an einem Schwulentreffpunkt verhaftet und von der Polizei übel zugerichtet worden ist. Das zentrale der drei Romankapitel handelt von Rasas Studium in den USA. Er wollte dort zu sich finden, ist nach dem 11. September 2001 aber derart mit der Zuschreibung als »Araber« beschäftigt, dass er zur Auseinandersetzung mit seinem Leben als Schwuler gar nicht mehr kommt. Dann, zurück bei der Großmutter, lernt er Taymour kennen.

Der eine Pol in seinem Leben ist die Bar Guapa, die dem Roman den Titel gibt. Hier sitzen Rasa und seine Freunde zusammen und führen hitzige Debatten, hier tritt Maj nach der Polizeistunde als Dragqueen auf, tanzt Rasa mit Taymour. Guapa ist die Oase, in der er sich für Momente frei fühlen kann. Der andere Pol ist das Regime der Großmutter. »Scham« und »Schande« (arabisch »eib«) stehen für den unerbittlichen Zwang, das eigene Leben den Mächten von Religion und Tradition unterordnen zu müssen. Auch wenn Rasa sich dagegen wehrt, haben sie doch Macht über ihn – genauso wie über Taymour. Nie würden sie einander verlassen, hatten sich die beiden geschworen, hatten für ein besseres Leben gekämpft. Doch Taymour bereitet schon seine von den Eltern erzwungene Hochzeit vor. Das würde nichts ändern, haben sie sich eingeredet, aber jetzt, wo Teta Bescheid weiß, wo die Schande quasi öffentlich ist? »Bloß ein Tag, bloß eine Umdrehung der Erde, und all das ist nur noch Asche.«

Ein Happyend verträgt diese spannende und anrührend erzählte Geschichte nicht. Doch findet Rasa zum Ende dieses großartigen Romans eine tiefe innere Kraft. Er besinnt sich auf seine Mutter. Schon deren Leben wurde durch die von Teta verkörperte Macht zerstört. Ihrem Vermächtnis will er nachspüren, doch das geht nur gegen die Großmutter. »›Ich habe genug von dieser ewigen Scham‹, sage ich. ›Ich habe genug von deinen Regeln, was eib ist und was nicht. Ich habe jetzt meine eigenen Regeln.‹«

Saleem Haddad: Guapa. Albino-Verlag, Berlin 2017, 392 Seiten, 16,99 Euro

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