Aus: Ausgabe vom 08.06.2017, Seite 6 / Ausland

Ankara bangt um seinen Partner

Die Türkei sieht die Katar-Krise als Bedrohung. Das Land pflegt eine wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit Doha

Von Nick Brauns
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Recep Tayyip Erdogan (Mitte) bei der Eröffnung des neuen Gebäudes der türkischen Botschaft in Doha am 4. Dezember 2013

Seit Ausbruch der Katar-Krise übt sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in hektischer Telefondiplomatie, um zwischen den Golfstaaten zu vermitteln. Gespräche wurden seit Wochenbeginn mit dem katarischen Emir Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, dem saudischen König Salman bin Abdulasis Al Saud, dem kuwaitischen Emir Scheich Dschaber Al-Ahmed Al-Sabah sowie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin geführt, meldete die regierungsnahe Tageszeitung Daily Sabah.

Am Montag hatten Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Jemen ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen und Sanktionen gegen das Land verhängt. Der Vorwurf lautete, dass das Golfemirat durch die Unterstützung terroristischer Gruppierungen wie der Muslimbrüder, Al-Qaidas und des »Islamischen Staats« (IS) zur Destabilisierung der Region beitrage. Hauptgrund für die von US-Präsident Donald Trump bei seinem jüngsten Saudi-Arabien-Besuch nach dessen eigenen Angaben gutgeheißenen Maßnahmen ist wohl die kompromissbereite Haltung des Golf­emirats gegenüber dem Iran.

In Ankara ließ die Isolation Katars die Alarmlampen rot leuchten. Denn die der Muslimbruderschaft nahestehende türkische Regierungspartei AKP sieht Parallelen zwischen dem Vorgehen gegen Katar und dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Mohammed Morsi im Jahr 2013. »Sie sehen es als Teil einer von Israel und den USA orchestrierten konzertierten Kampagne gegen die Muslimbruderschaft und ihre Verbündeten, zu denen sie eine ideologische Nähe verspüren, und sie ziehen Verbindungen zum Putsch vom 15. Juli [2016 in der Türkei]«, zitiert das US-basierte Nachrichtenportal Al-Monitor eine anonyme regierungsnahe türkische Quelle.

Erdogans Vermittlungsversuche sind so nicht nur der Tatsache geschuldet, dass die Türkei derzeit den Vorsitz in der Organisation für islamische Zusammenarbeit hat. Vielmehr ist das Golf­emirat in den letzten Jahren zu einem engen Verbündeten der AKP-Regierung geworden. »Mit Katar teilen wir die gleiche Sichtweise auf alle regionalen Probleme«, erklärte Erdogan auf einer Reise durch die Golfstaaten Mitte Februar. So unterstützen beide Länder dschihadistische Gruppen aus dem Umfeld von Al-Qaida in Syrien.

Für die strukturell auf beständige ausländische Kapitalzuflüsse angewiesene türkische Wirtschaft ist Katar eine der wichtigsten Quellen für »Hot money« geworden. »Die katarischen Finanzspritzen haben den stagnierenden türkischen Finanzen etwas Entlastung gebracht«, schreibt die Journalistin Amberin Zaman auf Al-Monitor. Katarische Unternehmen kauften unter anderem die türkischen Banken Finansbank und Abank sowie 50 Prozent der Anteile am Nutzfahrzeughersteller BMC. Auch der Satellitensender Digitürk, der Fußballübertragungsrechte hat, ist in katarischem Besitz. Umgekehrt hoffen die großen türkischen Baukonzerne, die bereits bis April 2015 Aufträge für 118 Projekte mit einem Volumen von 11,6 Milliarden US-Dollar in Katar erhielten, auf weitere lukrative Geschäfte in dem Golfemirat.

Seit 2015 errichtet die Türkei eine Militärbasis in Katar, deren Kosten das Emirat trägt. Derzeit sind erst rund 100 türkische Soldaten in dem Land stationiert. Doch innerhalb von zwei Jahren soll die Truppenstärke auf bis zu 3.000 Mann anwachsen. Zu Ausbildungszwecken sollen zudem katarische Soldaten in die Türkei kommen. In Doha ist ein gemeinsames taktisches Divisionshauptquartier unter Führung eines türkischen und eines katarischen Generals vorgesehen. Für Ankara eröffnet sich so die Möglichkeit zu Militäroperationen im Roten Meer und dem Persischen Golf. Für Katar wiederum, dessen Armee nur rund 11.800 Mann stark ist, dient die türkische Truppenstationierung dem Ziel einer Diversifizierung seiner Sicherheitsstrategie. Das kleine Land hofft, so unabhängiger von den USA zu werden, die bereits eine große Basis im Land haben.

Dazu trägt auch Rüstungskooperation mit der Türkei bei. So wurden während eines Besuches des Emirs in der türkischen Schwarzmeerstadt Trabzon im Dezember 2016 Lieferungen von Militärtechnik im Wert von zwei Milliarden US-Dollar vereinbart. Als Teile der türkischen Armee am 15. Juli letzten Jahres putschten, entsandte Katars Emir zudem bereits 150 Kommandosoldaten zum persönlichen Schutz des türkischen Präsidenten nach Ankara.

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