Aus: Ausgabe vom 02.06.2017, Seite 8 / Inland

»Die Schüler wurden zu Boden gedrückt«

Polizei holt jungen Afghanen aus Berufsschule. Dann wendet sie Gewalt an gegen protestierende Klassenkameraden. Gespräch mit Jens S.

Interview: Johannes Supe
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Die Polizei geht gegen Schüler vor, die mit einer Sitzblockade die Abschiebung eines Klassenkameraden verhindern wollen (Nürnberg, 31. Mai)

Am Mittwoch morgen betraten Polizeibeamte eine Nürnberger Berufsschule und holten einen afghanischen Jugendlichen aus dem Unterricht: Er sollte abgeschoben werden. Bis zu 300 Schüler versuchten, die Beamten aufzuhalten, und blockierten den Wagen, in dem der Junge weggebracht werden sollte. Auch Sie haben sich an dem Protest beteiligt. Wie war die Situation, als Sie an der Schule eintrafen?

Ich bin zusammen mit jemand anderem hingekommen. Es wird wohl etwa zehn Uhr gewesen sein; nach dem, was mir erzählt wurde, muss der afghanische Schüler wohl zwischen neun Uhr und zehn Uhr aus der Schule geholt worden sein. Bei unserer Ankunft wirkte alles ganz ruhig, zumal die Berufsschule ein großer Gebäudekomplex ist. Aber als wir weiter über das Gelände gingen, sahen wir eine große Gruppe von Schülerinnen und Schülern. Erst als wir näher kamen, haben wir bemerkt, dass sie um ein Polizeiauto herum standen. Es waren auch etliche Beamte da, doch zu dem Zeitpunkt war alles noch friedlich. Man konnte aber mitbekommen, dass es immer mehr Absprachen zwischen den Polizisten gab. Später sahen wir, dass die Bereitschaftspolizei bereits hinter einer Ecke wartete.

Wie erfuhren Sie als Student überhaupt von den Vorgängen an der Berufsschule?

Die Schülervertretung der Berufsschule, sie heißt hier SMV, hatte schon in der vergangenen Woche eine Demonstration organisiert, mit der sie auf die anstehende Abschiebung hinwies. Am Mittwoch liefen die Informationen dann über viele Kanäle. Ich bin gewerkschaftlich und politisch aktiv, von diversen Leuten erhielt ich am Morgen Nachrichten über Whatsapp.

Sie schilderten eben, dass die Lage anfangs ruhig war. Das blieb aber nicht lange so, oder?

Erst mal ist nicht viel passiert. Es war sehr warm, die Zeit kam einem lang vor, aber ich glaube, es blieb vielleicht nur eine dreiviertel Stunde so. Die Bereitschaftspolizei stellte sich irgendwann vor die erste Reihe der Blockade, aber das sah nicht nach einem ungewöhnlichen Vorgang aus. Doch dann fing die Polizei aus heiterem Himmel an, in die Blockade »reinzupacken«. Schülern wurde ins Gesicht gegriffen, sogar in den Mund, oder sie wurden zu Boden gedrückt. Immer wieder wurde auch ein Polizeihund eingesetzt. Der hatte zwar einen Maulkorb um, doch natürlich weicht man zurück, wenn er einen anspringt.

Setzten die Beamten auch den Schlagstock gegen Schüler ein?

Meine Beobachtung ist die: Anfangs wurde er nicht eingesetzt. Doch der Polizei gelang es, den Jungen aus dem blockierten Auto zu holen, denn das wurde hauptsächlich vorn und hinten und nicht an der Seite blockiert. Die Beamten wollten ihn in einen anderen Wagen bringen, um ihn wegzufahren. Als wir versucht haben, unsere Position zu ändern, um das zu verhindern, da setzte die Polizei Schlagstöcke ein. Wir sollten weiter zurückgetrieben werden. Viele sind dabei gestürzt, einige wurden von der Polizei am Boden fixiert. Darunter war auch eine junge Schülerin. Direkt neben ihr stand der Polizeihund – und der sprang ihr dann ins Gesicht.

Haben Sie in der Situation den jungen Afghanen sehen und sich mit ihm verständigen können?

Die Polizei schirmte ihn ab, ich konnte nur seinen Rücken oder mal seinen Kopf aus der Ferne sehen. Andere waren ihm näher. Als er von den Beamten aus dem Auto gezerrt wurde, soll er von Tränen überströmt gewesen sein. Und dann ging es ganz schnell. Es dauerte vielleicht fünf Minuten, da war er im anderen Wagen und wurde fortgebracht. An der Schule blieb immer noch eine beträchtliche Zahl an Polizisten.

Wie reagierten die Schüler?

Das Entsetzen war zunächst groß. Aber man wollte nicht so einfach aufgeben. Es bildete sich dann eine Spontandemonstration, die zum Ausländeramt der Stadt führte. Da wurde gefordert, dass der Chef mit den Schülern spricht. Tatsächlich passierte das auch. Die Stadt will sich nun mit dem Jungen und seinem Fall beschäftigten. Das ist zwar etwas vage, aber ich finde es schon enorm, was der Protest bewirkt hat. In der Regel sprechen die doch nicht mit uns. Allerdings ist die Abschiebung des Jungen bisher nur ausgesetzt.

Jens S. studiert in Nürnberg. Er ist Mitglied der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ). Sein Name ist der Redaktion bekannt

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