Aus: Ausgabe vom 03.06.2017, Seite 5 / Inland

Reichtum durch Niedriglohn

Einzelhandel: Konzerne scheffeln Milliarden auf Kosten der Beschäftigten. Mehr prekäre und schlecht bezahlte Jobs. Gewerkschaft leistet Widerstand

Von Daniel Behruzi
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Mehr Geld und Tarifverträge für alle in der Branche: Dafür gehen die Angestellten derzeit auf die Straße (Streikende am 26. Mai in Hannover)

Demo in Düsseldorf: Am Freitag streikten wieder Beschäftigte des Einzelhandels. »Der Unmut wächst«, sagte ver.di-Verhandlungsführerin Silke Zimmer. Die bisherigen Angebote in der Tarifrunde seien »beschämend«. Ab Juli soll es gerade mal 1,5 Prozent mehr Geld geben und im Mai 2018 ein weiteres Prozent. Eine Einmalzahlung von 150 Euro pro Jahr soll nicht in die Lohntabelle eingehen. Bemerkenswert ist der Geiz der Einzelhandelskonzerne insbesondere vor dem Hintergrund der steigenden Umsätze und satten Gewinne, die in der Branche eingefahren werden. Dem stehen extrem prekäre Arbeitsbedingungen gegenüber, wie die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion bestätigt.

Auf der einen Seite unvorstellbarer Reichtum: Mit jeweils rund 20 Milliarden Euro Privatvermögen stehen die Familien Brenninkmeijer (C&A), Albrecht/Heister (Aldi Süd) und Schwarz (Lidl/Kaufland) auf der Liste der deutschen Superreichen ganz oben. Etliche weitere Händler haben ebenfalls Milliarden angehäuft. Woher das Geld kommt? Das zeigt die andere Seite: miese Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung, prekäre Beschäftigung.

Aktuelle Zahlen dazu liefert die Bundesregierung: Die Beschäftigung in der Branche hat demnach in den vergangenen zehn Jahren um 7,7 Prozent zugenommen, auf mehr als drei Millionen Erwerbstätige. Doch während die Zahl der Teilzeitstellen um 66 Prozent wuchs, ging die der Vollzeitstellen um sechs Prozent zurück. Mittlerweile arbeiten laut Bundesregierung nur noch 1,19 Millionen Einzelhandelsbeschäftigte in Vollzeit. 1,13 Millionen haben einen Teilzeitvertrag und 680.000 sind Minijobber. Viele von ihnen würden gerne länger arbeiten, doch die Unternehmen setzen auf Teilzeit, um ihre Arbeitskräfte noch flexibler einsetzen zu können. Betroffen sind vor allem Frauen: 87,6 Prozent der Teilzeitangestellten sind weiblich.

Die Daten der Regierung widerlegen die Propaganda des Handelsverbands Deutschland (HDE). Deren Hauptgeschäftsführer Stefan Genth hatte im April in einer Pressemitteilung erklärt: »Die vielfach behauptete Verdrängung von sozialversicherungspflichtiger Arbeit durch sogenannte prekäre Beschäftigungsformen findet im Handel nicht statt.« Von einer Niedriglohnbranche sei der Einzelhandel »weit entfernt«.

Fakt ist dagegen, dass viele Beschäftigte mit ihrem Lohn nicht über die Runden kommen. Jeder dritte verdient weniger als zehn Euro pro Stunde. Subventioniert wird das Niedriglohnmodell mit Steuergeld: 2015 zahlte der Staat insgesamt 1,413 Milliarden Euro zur Aufstockung von Hungerlöhnen im Einzelhandel.

Tarifbindung geht zurück

Von der allgemeinen Lohnentwicklung wird die Branche zunehmend abgekoppelt. So stiegen die Nominallöhne in der Gesamtwirtschaft zwischen 2007 und 2016 um 22,7 Prozent. Im Einzelhandel waren es nur 14,4 Prozent. Eine zentrale Ursache dafür ist der Rückgang der Tarifbindung: Nur noch 26 Prozent der Beschäftigten in Ostdeutschland und 38 Prozent im Westen werden vom Verbandstarifvertrag erfasst. Anfang des Jahrhunderts profitierten im Osten noch ein Drittel, im Westen zwei Drittel vom Flächentarif.

Stefanie Nutzenberger vom ver.di-Bundesvorstand sieht die neuen Daten als Bestätigung der Gewerkschaftsforderung nach Tarifverträgen, die für alle Betriebe einer Branche gelten. »Die Ergebnisse zeigen: Wir brauchen für den Einzel- und Versandhandel allgemeinverbindliche Tarifverträge, um die Beschäftigten vor Lohndumping und schlechten Arbeitsbedingungen zu schützen«, betonte sie am Donnerstag in Berlin. Die gewerkschaftspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Jutta Krellmann, kritisierte in diesem Zusammenhang das sogenannte Tarifstärkungsgesetz der Bundesregierung, das »den Arbeitgeberverbänden bei der Allgemeinverbindlichkeitserklärung ein Vetorecht gibt«. In der Tat ist der Einzelhandel ein Beispiel dafür, wie die Unternehmerverbände allgemeinverbindliche Tarifverträge blockieren. Bis zur Jahrhundertwende sorgten diese in der Branche für einigermaßen stabile Tarifnormen. Seit die Konzerne sie ablehnen, geraten Löhne und Arbeitsbedingungen immer stärker unter Druck.

Streiks haben Wirkung

Um dem etwas entgegenzusetzen, gehen die Belegschaften auf die Straße. So legten am Freitag in Baden-Württemberg rund 400 Beschäftigte ganztägig ihre Arbeit nieder. Sie untermauerten damit die ver.di-Forderung nach sechs Prozent mehr Geld und einem tariflichen Mindesteinkommen von 1.900 Euro im Monat. In Betrieben in Mannheim, Heidelberg, Walldorf, Heilbronn, Bad Friedrichshall, Reutlingen und Göppingen kam es nach Gewerkschaftsangaben zu erheblichen Beeinträchtigungen der Geschäftsabläufe. So auch bei Kaufhof in Mannheim. In den vergangenen Jahren sei so viel Personal abgebaut worden, dass Streiks sofort massive Auswirkungen haben, erklärte die Betriebsratsvorsitzende Sabine Jakoby am Freitag auf jW-Nachfrage. Es seien sogar Beschäftigte aus dem Urlaub geholt worden, um die Streikfolgen abzumildern.

Im Mannheimer Kaufhof hat gewerkschaftlicher Widerstand Tradition. Die Ausbreitung prekärer Arbeitsverhältnisse konnte der Betriebsrat hier teilweise verhindern. So gibt es nur sehr wenige Minijobber, fast alle 130 Angestellten sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Allerdings nimmt auch in Mannheim der Anteil der Teilzeitkräfte zu. Nur noch jeder Dritte habe eine volle Stelle, im Verkauf würden fast keine Vollzeitverträge mehr angeboten, berichtete Jakoby. Besonders Frauen, die wegen der Kinderbetreuung Teilzeitjobs hätten, wollten später oft wieder länger arbeiten – zum Beispiel, weil sie plötzlich alleinerziehend sind. Mit einer Teilzeitstelle im Handel komme man aber nicht über die Runden, betonte die Vorsitzende der ver.di-Bundesfachgruppe Einzelhandel. »Von einer auskömmlichen Rente ganz zu schweigen.« Selbst einer Vollzeitangestellten, die kürzlich nach über 45 Arbeitsjahren in Rente ging, blieben nur etwa 1.100 Euro im Monat. »Wer im Einzelhandel länger in Teilzeit arbeitet, landet sicher in der Altersarmut«, kritisierte Jakoby. »Dagegen wehren wir uns.«

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Lohndumping Die Arbeitskosten und die Konkurrenz

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