Aus: Ausgabe vom 01.06.2017, Seite 7 / Ausland

»Ramadan-Wunder«

Schiitische Einheiten erreichen Grenze zwischen Irak und Syrien. Türkei befürchtet ­wachsenden Einfluss des Iran

Von Nick Brauns
RTX389ZP.jpg
Haschd-Kämpfer am Dienstag an der irakisch-syrischen Grenze

Im Windschatten der laufenden Offensive der irakischen Armee zur Befreiung der nordirakischen Stadt Mossul ist der schiitischen Milizen der Haschd Al-Schaabi (Volksmobilisierungseinheiten) zu Wochenbeginn ein »Ramadan-Wunder« gelungen. So bezeichnete der Generalsekretär der einflussreichen schiitischen »Badr-Organisation« im Irak, Hadi Al-Amiri, die Tatsache, dass pünktlich zum islamischen Fastenmonat eine von der Bagdader Zentralregierung zum Kampf gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) gebildete Allianz die Grenze zu Syrien erreicht hat.

Die überwiegend aus Schiiten gebildeten und vom Iran logistisch und personell unterstützten Einheiten hatten am 12. Mai mit ihrem Vorstoß auf die südlich des Sengal- bzw. Sindschargebirges gelegenen Siedlungsgebiete der jesidischen Religionsgemeinschaft begonnen. Zu Wochenbeginn befreiten sie unterstützt von jesidischen Kämpfern die letzten vom IS besetzten Dörfer. In Kocho, Scheich Khide und Til Izer stießen die Kämpfer auf elf Massengräber. Nach dem Einmarsch des IS im August 2014 hatten die Dschihadisten Hunderte Männer ermordet, während Tausende Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppt wurden.

Sengal-Stadt und die nördlich des Gebirges gelegenen jesidischen Siedlungsgebiete waren bereits im Herbst 2015 von einer Koalition aus Peschmerga der kurdischen Regionalregierung, Guerillakämpfern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sowie von diesen ausgebildeten jesidischen Schingal-Verteidigungseinheiten (YBS) befreit worden. Doch die in Erbil regierende Demokratische Partei Kurdistans (KDP) von Präsident Masud Barsani hinderte die jesidischen Kämpfer daran, auch die Dörfer im Süden des Gebirges zu befreien. Die KDP verhängte sogar eine Blockade über die Region und ließ im März eine unter dem Namen Rojava-Peschmerga firmierende Söldnertruppe unter dem Kommando türkischer Spezialkräfte zum Kampf gegen die YBS und PKK einmarschieren.

In Erbil wird mit Sorge registriert, dass viele Jesiden den KDP-Peschmerga ihre kampflose Flucht vor den IS-Milizen im Sommer 2014 nicht verziehen haben und für eine Selbstverwaltung anstelle eines Anschlusses an das kurdische Autonomiegebiet eintreten. In den letzten Wochen schlossen sich Hunderte jesidische Peschmerga den Haschd an. Auch aus den Reihen der YBS sollen Jesiden, die mit der ideologischen Ausrichtung der PKK-nahen Miliz unzufrieden waren, zu den schiitischen Milizen übergetreten sein, berichtet die irakisch-kurdische Nachrichtenseite NRT.

Die Peschmergaführung in Erbil droht den Haschd nun mit Vernichtung, wenn sie es wagen sollten, auf das Gebiet der Autonomieregion vorzudringen. Trotzdem scheint eine direkte Konfrontation zwischen Haschd und Peschmerga derzeit unwahrscheinlich. Ein militärisches Eingreifen der Türkei ist dagegen nicht auszuschließen. So hatte Ankara bereits in der Vergangenheit die Haschd als »Terrororganisation« bezeichnet und den Iran beschuldigt, mit Hilfe der PKK einen schiitischen Korridor bis an das Mittelmeer bilden zu wollen.

Entgegen den Befürchtungen aus Ankara ist das Verhältnis zwischen den Haschd und den YBS sowie den Kurden in Nordsyrien alles andere als spannungsfrei. So hinderten schiitische Milizionäre die YBS am Montag daran, in das befreite Dorf Scheich Khide einzurücken. Das islamische Recht verbiete es Frauen, in Streitkräften zu dienen, störten sich die schiitischen Führer an der Anwesenheit von Kämpferinnen der Guerilla.

An der irakisch-syrischen Grenze stehen sich nun die Haschd und die von den USA unterstützten Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDK) gegenüber. Es gelte zu verhindern, dass die Grenze unter Kontrolle der USA geriete, erklärte Badr-Führer Al-Amiri. In der nordsyrischen Stadt Kamischli versammelten sich am Montag Sicherheitskräfte der Demokratischen Konföderation Nordsyrien, um über den Bildung eines Verteidigungssystems gegen das von Damaskus unterstützte »iranische Projekt« zu beraten, berichtete die syrisch-kurdische Nachrichtenagentur ARA-News.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Erdogans nächster Krieg (26.04.2017) Dutzende Tote durch türkische Luftangriffe im Irak und in Nordsyrien. Ankara zieht Truppen an der Grenze zusammen
  • Vor dem Einmarsch (03.11.2016) Türkische Armee bereitet sich auf Angriff gegen Kurden und Schiiten im Irak vor. Erdogan erhebt Gebietsansprüche in Nachbarländern
  • Staaten zerschlagen (13.10.2014) Westliche Strategen planen eine »Neuordnung« des Mittleren Ostens. Das setzt die Zerstörung der territorialen Einheit Syriens und des Irak voraus. Dieser Prozess spielt sich gegenwärtig ab
Mehr aus: Ausland