Aus: Ausgabe vom 31.05.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Organe der Arbeiter und Armen«

In Rojava organisieren sich die Menschen in Kommunen. Gespräch mit Nujiyan Zagros

Von Peter Schaber
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Frauen auf einer Demonstration für die Freilassung des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan am 24. Mai in Kobani

Was ist eine Kommune und welchen Zweck erfüllt sie? Wie sind die Kommunen in Rojava entstanden?

Die Kommunen wurden aus dem Widerstand geboren. Sie sind ein Ausdruck der Notwendigkeiten, die es in der Gesellschaft gibt. Je besser man den Menschen die Dinge vermittelt, sie überall erklärt, desto größer ist die Partizipation. Ganz am Anfang waren viele skeptisch: Warum soll man so was überhaupt aufbauen? Was für eine Funktion erfüllt das? Wie soll das funktionieren?

Langsam gab es ein Verständnis davon, dass man mit der eigenen Kraft etwas aufbauen kann. Es gab große Fortschritte bei der Frauenselbstorganisierung, aber auch in allen anderen Bereichen. Nehmen wir zum Beispiel den Gesundheitsbereich. Auch dieser Sektor ist eine Art Selbstverteidigung. Es geht darum, wie man die eigene Familie vor Krankheiten beschützt. Da geht es um Bewusstseinsschaffung. Dasselbe bei Elektrizität und Wasser, den Dienstleistungen insgesamt. Wir wollen die allgemeinen Bedürfnisse verstehen und die Lösungen für sie organisieren.

Die Kommune hat dabei eine sehr positive Wirkung. Schauen Sie zum Beispiel auf die Bewältigung von Konflikten innerhalb der Gesellschaft. Bevor es die Selbstorganisierung gab, haben die Familien Probleme oft gewaltsam ausgetragen. Heute spielt das Kommunesystem eine Mediationsrolle, es gibt keine Selbstjustiz mehr.

Sie sind seit langer Zeit Vorsitzende der Kommune hier. Wie kam es dazu, fanden keine Neuwahlen statt?

Ich arbeite hier in dieser Funktion seit sechs Jahren. Das hat folgenden Hintergrund: Man schlägt sich für diese Funktion nicht selbst vor. Es ist im wesentlichen etwas, was die Menschen in der Nachbarschaft bestimmen. Die Gesellschaft anerkennt, wenn man seine Arbeiten gut verrichtet.

Wie steht es um die Unterschiede zwischen Arm und Reich? Wie geht die Kommune mit dem Klassenwiderspruch um?

Natürlich gibt es hier Widersprüche zwischen Arm und Reich. Wie sollte es keine geben? Die reichen Teile der Gesellschaft achten nur auf ihre Interessen. Sie bleiben unter sich. Viele Reiche haben die Gegend auch verlassen. Die Armen blieben zurück.

Für die Armen macht die Organisierung mehr Sinn. Es ist für sie notwendig, sich zusammenzuschließen und sich zu organisieren. Die Kommunen sind vor allem Organe der Armen und der Arbeiter. Unser Fokus liegt auf der Organisierung von armen Fami­lien, vor allem auch der Kinder, denen wir Schulbildung ermöglichen wollen. Und die Gesundheitsversorgung ist uns sehr wichtig.

Leute, die sehr arm und in einer verzweifelten Situation sind, sehen oft auch selbst keinen Ausweg aus ihrer Lage. Selbstorganisierung gibt ihnen eine Perspektive. Wenigen Gruppen reicher Menschen stehen viele Arme gegenüber. Es gibt also gar keine andere Lösung als die Selbstorganisation. Und wir haben da wirklich viel geschafft. Die kurdische Gesellschaft ist eine an ethischen Grundsätzen orien­tierte geworden.

Was tun die Kommunen im wirtschaftlichen Bereich, um den Wohlstand der Gesellschaft zu heben?

Auf dem Feld der Ökonomie gab es seit langem eine Reihe kleinerer Initiativen. Jetzt wird versucht, das in einen systematischeren Ansatz zu überführen. Es sind gemeinsame Obstgärten entstanden, viele kooperative Landwirtschaftsbetriebe, wir haben eine große Milchkooperative aufgebaut. Es gibt viele derartige Projekte. Jede kleine Initiative beginnt von der Basis. Das braucht Zeit, aber es ist ein nachhaltiger Weg, eine Gesellschaft aufzubauen.

Nujiyan Zagros ist Kovorsitzende der Komuna Taxa Sor in Derik

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