Aus: Ausgabe vom 01.06.2017, Seite 8 / Inland

»Drogenfreie Gesellschaft wird es nicht geben«

Umgang der Bundesregierung mit den Suchtmitteln ist gescheitert. Repression muss zurückgefahren werden. Gespräch mit Urs Köthner

Interview: Kristian Stemmler
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Repressionsstrategie: Polizisten suchen bei einer Razzia im Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main bei einem Mann nach Drogen (23. März)

Sie haben am Dienstag mit Kollegen den vierten Alternativen Suchtbericht in Berlin vorgestellt. Tenor des Reports: Die offizielle Drogenpolitik ist gescheitert. Wie kommen Sie zu dem Schluss?

Die vorherrschende Prohibitionspolitik hat die Verfügbarkeit von Drogen nicht eingeschränkt und produziert erhebliche Kollateralschäden und Kosten für Drogengebraucher und die gesamte Gesellschaft. Die Gefahren, welche durch Drogen verursacht werden können, werden nicht reduziert, sondern durch diese Politik potenziert. Eine drogenfreie Gesellschaft hat es nie gegeben und wird es auch nicht geben.

Derzeit werden Millionen in den »Kampf gegen die Dealerszene« investiert.

Ja. Es wird versucht, mit polizeilicher und strafrechtlicher Repression »das Drogenproblem« zu lösen oder wenigstens weniger sichtbar zu machen, wie aktuelle Beispiele im Görlitzer Park – Stichwort: Null-Toleranz-Zone – und die Taskforce der Polizei in Hamburg zeigen. Solche Maßnahmen kosten sehr viel Geld, das bei der Gestaltung von Präventions- und Hilfsangeboten fehlt.

2012 starben rund 1.000 Menschen an den Folgen des Konsums illegalisierter Drogen. Seitdem stieg die Zahl der Toten kontinuierlich an, im vergangenen Jahr waren es 1.333. Wie kommt es dazu?

Die meisten Todesfälle stehen im Zusammenhang mit Opioiden, 60 Prozent. Hier gibt es erprobte Präventionsmaßnahmen, die seit Jahren von Fachverbänden eingefordert werden. Drogenkonsumräume retten seit 1994 Menschenleben, trotzdem gibt es sie, mit sehr eingeschränkten Kapazitäten, in nur sechs Bundesländern. Naloxon-Vergabe und Notfalltraining für Drogengebraucher ist eine weitere, seit Jahren bestehende Forderung. Außer vereinzelten, sehr begrenzten Modellprojekten in Berlin, Frankfurt, Bochum, Köln und aktuell in München regt sich nichts in Deutschland, obwohl es weltweit gute Erfahrungen damit gibt.

Wie retten diese Räume Leben?

In Drogenkonsumräumen können selbst mitgebrachte Drogen, wie Heroin, Kokain, Crack, Amphetamine, Benzodiazepine unter Aufsicht konsumiert werden. Die Mitarbeiter sind in erster Hilfe geschult, begleitende und weiterführende Angebote stehen zur Verfügung. Dort, wo sie mit Unterstützung der Politik eingeführt wurden, retten multiprofessionelle Teams fast täglich Menschenleben und leisten wertvolle Hilfen. Gegenwärtig gibt es 23 solche Räume in 14 Städten.

Ist es richtig, dass eine Ursache für die Zunahme der Todesfälle der aus der Illegalität der Substanzen resultierende schwankende Reinheitsgehalt und die Streckung ist?

Ja, illegalisierte Drogen werden zur Profitmaximierung mit Streckmitteln gepanscht, häufig mehrfach, da sie, bis sie beim Endverbraucher ankommen, durch mehrere Hände gehen. Dadurch werden sie unkalkulierbar. Nicht selten sind die Streckmittel gefährlicher als die Drogen selber.

Wie hilft Naloxon?

Naloxon ist ein Opiatantagonist (der Stoff verdrängt Opiate, jW), der schon seit über 40 Jahren in der Notfallmedizin zur Behandlung von Opiatüberdosierungen eingesetzt wird. Seine Verabreichung ist der schnellste bekannte Weg, um lebensbedrohliche Auswirkungen einer Überdosierung innerhalb weniger Minuten aufzuheben. Viele tödliche Opiatüberdosierungen könnten vermieden werden, wenn Naloxon in Deutschland flächendeckend allen Konsumierenden sowie ihren Angehörigen, Freundinnen und Freunden und Bekannten zur Verfügung stehen würde.

Seit Jahrzehnten hält die Politik wider besseres Wissen am Abstinenzdogma fest. Warum?

Je länger man sich mit dem Thema beschäftigt, desto mehr schält sich heraus, dass dieses Drogenverbotssystem letztlich wirtschaftlich motiviert ist und leider zu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse widerspiegelt und berücksichtigt. Das sind keine neuen Kämpfe. Wir müssen weg von einer strafrechtsdominierten Kontroll- und Verbotspolitik, hin zu einer gesundheitspolitischen, die Selbstverantwortung fördernden Orientierung, zu regulierten Drogenmärkten mit Qualitätskontrollen, Verbraucher- und Jugendschutz.

Urs Köthner ist Geschäftsführer des Vereines Freiraum, der in Hamburg einen Drogenkonsumraum betreibt. Er ist zudem im Vorstand von »Akzept – Bundesverband für akzeptierende Drogenarbei und humane Drogenpolitik«

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