Aus: Ausgabe vom 30.05.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Perspektive kalter Frieden

Ukraine will Bahnverkehr mit Russland einstellen. Moskau lässt Umgehungsstrecke bauen – am Gebiet des feindlichen Nachbarn vorbei

Von Reinhard Lauterbach
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Großbaustelle: Mit der Querung wird ab 2018 die Halbinsel Krim mit dem russischen Festland verbunden

Drei Jahre nach Beginn des Ukraine-Konflikts richten sich beide Seiten offenbar darauf ein, längerfristig nebeneinander und nicht miteinander zu leben. Auf ukrainischer Seite gehen die Abgrenzungsmaßnahmen weiter. Vergangene Woche berichtete die Moskauer Zeitung Kommersant, Kiew wolle noch in diesem Sommer den Bahnpassagierverkehr mit Russland einstellen – angeblich als Vergeltung dafür, dass die russische Eisenbahn einen Regionalzug in den Donbass fahren lasse und damit die Souveränität der Ukraine verletze.

Das stimmt faktisch nicht: Die Grenze zur Russischen Föderation passiert einmal täglich ein Zug der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk, kein russischer. Nur wartet in der benachbarten Grenzsta­tion ein Anschlusszug nach Rostow am Don. Die Nachricht von der geplanten Einstellung des Bahnverkehrs wurde in Kiew zwar dementiert; verschiedene Anzeichen lassen diese Dementis aber als wenig glaubwürdig erscheinen.

Erstens ist das Schienenverkehrsaufkommen zwischen beiden Ländern stark zurückgegangen. Waren im Rahmenfahrplan der russischen und ukrainischen Eisenbahn für 2014 noch 109 Zugpaare zwischen beiden Ländern vorgesehen, so sind es aktuell noch neun. Diese werden, was die Waggons angeht, inzwischen ausschließlich von der ukrainischen Seite gestellt. Russland hat bereits 2014 begonnen, den Transitverkehr durch die Ukraine nach Südosteuropa um das Land herumzuleiten. Aktuell verkehren selbst Kurswagen von Moskau nach Belgrad oder Bukarest über Belarus, Polen, Tschechien und Ungarn – länger und teurer, aber dafür sicher vor Angriffen und Raubüberfällen ukrainischer Rechter, wie sie 2014 häufig vorkamen.

Die ukrainische Bahn setzt ihrerseits für die Züge nach Russland Waggons in üblem Zustand ein, in denen oft weder Klimaanlage noch Toiletten funktionieren. Dafür sind die Preise auf das Niveau eines Flugtickets – umgerechnet 135 Euro pro Strecke – angehoben worden. Kein Wunder, dass die Fahrgäste ausbleiben. Den direkten Flugverkehr nach Russland hatte die Ukraine schon 2015 eingestellt, als »Sanktion« dafür, dass russische Fluglinien nach der Übernahme der Krim auch Verbindungen zum dortigen Flughafen Simferopol in ihr Angebot aufgenommen hatten.

All dies bedeutet nicht, dass der Personenverkehr zwischen beiden Ländern unter dem Strich zurückgegangen wäre. Nach wie vor sind zwei bis drei Millionen Ukrainer als Arbeitsmigranten in Russland tätig. Aber anders als früher, als sie als Devisenbringer respektiert wurden, gelten sie inzwischen für die Kiewer Politik beinahe als Verräter. Ein Abgeordneter der Regierungskoalition sagte neulich im Parlament, all diese Russland-Migranten sollten am besten dort bleiben, wo sie seien, wenn sie sich nicht schämten, im »Aggressorstaat« zu arbeiten. Für Leute, die aufs Geld schauen müssen, ist inzwischen ein engmaschiges Fernbusnetz entstanden. Wer es eilig hat, fliegt von Kiew über Minsk nach Moskau oder St. Petersburg. Die belorussische Hauptstadt ist inzwischen das von Kiew aus am häufigsten angeflogene Ziel im Ausland.

Während auf ukrainischer Seite die Selbstschädigung als »Sanktion« ausgegeben wird, betreibt Russland gezielt die Entflechtung der Infrastruktur beider Länder. Flaggschiffprojekt ist die Brücke über die Straße von Kertsch auf die Krim, die die Halbinsel über die Meerenge hinweg mit dem russischen Festland verbinden soll. Wie der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow vor zwei Wochen mitteilte, soll die Brücke, in die Russland umgerechnet knapp vier Milliarden Euro investiert, Ende 2018 für den Straßen- und 2019 für den Bahnverkehr freigegeben werden. Der Minister betonte, dass die Arbeiten völlig im Zeitplan lägen. Noch in diesem Herbst sollten alle Brückenbögen montiert sein.

Der 19 Kilometer lange Überweg soll sich in der Mitte 35 Meter über die Wasseroberfläche erheben, um die Schiffahrt nach Kertsch – und auch ins nach wie vor ukrainische Mariupol – nicht zu behindern. Das zweite große russische Infrastrukturprojekt ist eine 137 Kilometer lange neue Bahnlinie zwischen Schurawka im Gebiet Woronesch und Millerowo im Gebiet Rostow am Don. Sie soll die bisher durch das ukrainische Gebiet Lugansk verlaufende alte Strecke ersetzen und den Bahnverkehr nach Rostow und weiter in den Kaukasus – und auf die Krim – vom Transit durch die Ukraine unabhängig machen. Auch hier investiert Russland umgerechnet eine knappe Milliarde Euro in eine zweigleisige elektrifizierte Strecke, die für Geschwindigkeiten bis zu 160 Kilometer in der Stunde ausgelegt sein soll. Das klingt nicht nach einem Provisorium.

Das 2015 in Angriff genommene Projekt soll nach russischen Angaben schon im August fertig sein. Da nach aktuellen Informationen russischer Medien erst 90 Prozent der Erdarbeiten abgeschlossen und etwa 60 Prozent der Gleise verlegt sind, wirkt diese Ankündigung doch etwas voreilig. Interessant an beiden Projekten ist deren politische Pointe: Hatten 2014 noch alle westlichen Experten unisono prophezeit, dass Russland zwangsläufig, schon um die Krim auf dem Landwege erreichen zu können, die Süd­ukraine mindestens bis zum Unterlauf des Dnipro erobern müsse, zeigen die praktischen Baufortschritte, dass dies offenbar nicht geplant ist. Der angebliche Aggressor hat nicht die Panzer, sondern die Planierraupen in Marsch gesetzt. Russland bereitet sich auf einen längeren kalten Frieden an der Südwestgrenze vor.

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