Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 2 / Inland

»Stärkeres Interesse am Antiimperialismus«

Im Vergleich zu den 70er Jahren ist die Linke heute schwächer. Die objektiven Bedingungen für Verbesserung wären gegeben. Gespräch mit Torkil Lauesen

Interview: Gabriel Kuhn
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»Den Sozialstaat kann es ohne Imperialismus nicht geben«: Arbeiterinnen in Bangladesh fordern ihre Löhne ein (1. Oktober 2014)

Sie werden am 24. Mai bei der Veranstaltung »Geteilte Welt, geteilte Klasse?« in Berlin sprechen. Worüber werden sie referieren?

Über den Imperialismus als untrennbaren Teil des Kapitalismus. Es wird um transnationale Produktionsketten gehen, um die Aufteilung der Welt in Produktionsländer und Konsumtionsländer und um den »verborgenen Wert«, der vom globalen Süden in den Norden fließt. Aber diese Ordnung ist alles andere als stabil. Es gibt Klassenkämpfe, die die neoliberale Globalisierung ins Wanken bringen. Die Krise ist eine dreifache: eine ökonomische, politische und ökologische. Es wird in den kommenden Jahrzehnten zu dramatischen Veränderungen kommen.

Hat die Linke eine antiimperialistische Perspektive verloren?

Im Vergleich zu den 1970er Jahren ja. Aber es gibt wieder stärkeres Interesse an antiimperialistischen Theorien. Für die Entwicklung effektiver Strategien gegen den Kapitalismus ist das wesentlich.

Wie haben sich die Voraussetzungen für antiimperialistischen Widerstand seit den 1970er Jahren verändert?

Die subjektiven Kräfte waren damals stärker. Antiimperialistische Bewegungen mit sozialistischer Orientierung gab es überall, auch in den USA und in Europa, wo sie das Hinterland unsicher machten. Aber der Kapitalismus hatte seine Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Die neoliberale Ära verschaffte ihm einige goldene Jahrzehnte.

Heute ist die Situation umgekehrt. Das System wackelt, und die objektiven Bedingungen sind günstig. Das Problem sind die subjektiven Kräfte. Es fehlt an Organisationen und Strategien. In den 1970er Jahren waren wir vielleicht zu optimistisch, heute sind wir zu pessimistisch. Das ist ein Teil des Problems.

Was ist von der Zukunft zu erwarten?

Es gibt die Tendenz zu glauben, dass alles immer so sein wird, wie es ist. Aber wer hätte gedacht, dass der Rechtspopulismus die EU und den Neoliberalismus aus dem Gleichgewicht bringen könnte? Gesellschaftliche Entwicklungen setzen Klassenkräfte frei, die neue Bedingungen schaffen. Es kann besser oder schlechter werden. Das hängt von uns ab.

Die Gruppen, in denen Sie früher organisiert waren, betrachteten die westeuropäische Arbeiterklasse als Arbeiteraristokratie. Was für eine Rolle können westeuropäische Arbeiter in revolutionären Prozessen spielen?

Der größte Teil der europäischen Arbeiterklasse hat mehr zu verlieren als ihre Ketten. Oder sagen wir es so: Die Ketten, die der Kapitalismus ihnen anlegt, sind verziert. Wir profitieren von den niedrigen Löhnen im globalen Süden, nur deshalb sind unsere Smartphones, Schuhe, Kleider und Verbrauchswaren so billig. Unsere Pensionen sind in Aktien angelegt. Viele von uns besitzen Immobilien. Kurz, der europäische Lebensstandard beruht darauf, dass es dem Kapitalismus gut geht. Die spontane Antwort auf die Krise des Kapitalismus ist daher nicht die Forderung nach einer anderen Weltordnung, sondern nach einem funktionierenden Wohlfahrtsstaat. Aber den kann es ohne Imperialismus nicht geben.

Trotzdem gibt es Gruppen, die Widerstand leisten. Diese sind vorläufig eine Minderheit – aber eine wichtige, die im »Herzen der Metropole« operiert. Dabei müssen wir uns mit der Spaltung der globalen Arbeiterklasse auseinandersetzen, ebenso mit dem schlechten Ruf, den der Sozialismus derzeit hat. Auch müssen wir uns der Frage stellen, wie ein revolutionärer Prozess in einer globalisierten Welt aussehen kann.

Wir müssen die imperialistischen Kriege bekämpfen, dem Rassismus und faschistischen Tendenzen entgegenwirken und Allianzen zwischen Arbeitern im Süden und Norden schaffen. Wesentlich dafür ist neben einer globalen Perspektive eine langfristige: Immer nur wenige Monate weit zu denken führt nirgendwohin, es geht darum, in Perioden von fünf bis zehn Jahren zu planen. Außerdem müssen unsere Lösungsansätze radikale sein. Es ist nicht sinnvoll, ein System zu reformieren, dessen Zusammenbruch bevorsteht.

Torkil Lauesen war Mitglied der »Blekingegade«-Gruppe, die in den 1970er und 80er Jahren in Dänemark mit legalen und illegalen Mitteln materielle Unterstützung für Befreiungsbewegungen in der sogenannten dritten Welt leistete. 1991 wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt

Veranstaltung »Geteilte Welt, geteilte Klasse? – Klassenkämpferische Perspektiven und globale Ungleichheit«: Mittwoch, 24. Mai, 19 Uhr, Aquarium, Skalitzer Str. 6, Berlin-Kreuzberg, www.radikale-linke.net

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