Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 8 / Inland

»Huawei möchte sein Geschäft ausweiten«

Chinesisches Unternehmen akzeptiert Tarifbindung. Zuerst ­mussten die Beschäftigten ihre Stärke zeigen. Gespräch mit Martin Weiss

Interview: Johannes Supe
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Jetzt auch mit Tarifvertrag: Das chinesische Unternehmen Huawai

Für die Beschäftigten der in Deutschland tätigen Huawei Technologies Service GmbH, HTS, wird auch künftig ein Tarifvertrag gelten. Das teilte die IG Metall vor rund einer Woche mit. Erklären Sie bitte, inwiefern das chinesische Unternehmen Huawei in der Bundesrepublik tätig ist.

HTS stellt den Netzbetrieb für Vodafone sicher. Die Beschäftigten waren vor einigen Jahren direkt bei Vodafone angestellt, dann erledigte Ericsson mit den selben Beschäftigten das Geschäft. Vor anderthalb Jahren gab es einen erneuten Wechsel, Huawei übernahm. Generell ist der Konzern als Hersteller von Hardware bekannt, aber in Deutschland expandiert er im Bereich Dienstleistungen. Offenbar ist der hiesige Absatzmarkt für ihn von Interesse.

Und als erstes kündigte das Unternehmen den bis dato gültigen Tarifvertrag auf?

Nein. Bei einem Betriebsübergang wie diesem stellt sich immer die Frage, ob das aufnehmende Unternehmen – also HTS – tarifgebunden ist. Das war nicht der Fall. Es galt für uns also, den vorher bei Ericsson geltenden Tarifvertrag wieder gültig zu machen. Dazu hätten wir entweder einen Haustarifvertrag abschließen können oder, was nun passiert ist, HTS dazu bringen müssen, dem Arbeitgeberverband beizutreten. Von Anfang an nahm HTS auch Gespräche mit uns auf, deswegen würde ich nicht so sehr von einem richtigen Widerwillen gegen einen Tarifvertrag sprechen. Es war aber erkennbar, dass Huawei aus Kostengründen die vorher geltende Regelung nicht akzeptieren wollte.

Was schwebte Huawei vor?

Offenbar ist der Kostendruck auf Huawei durch ihren Vertrag mit Vodafone erheblich. Deshalb bestand wohl die Hoffnung, sowohl die Arbeitszeit verlängern als auch einen größeren Teil der Vergütung variabel gestalten zu können. Dabei ging es etwa um das Urlaubs- und Weihnachtsgeld, das die Beschäftigten beziehen. Es macht etwa zehn Prozent ihrer Jahresvergütung aus. HTS legte zwar keine genauen Regelungen vor, aber man hätte die Auszahlung der Gelder wohl gern vom Unternehmenserfolg abhängig gemacht.

Letztlich haben Sie es doch geschafft, HTS in die Tarifbindung zu bekommen.

Am wichtigsten war es, dass dem Unternehmen klarwurde, dass fast alle Beschäftigten in der IG Metall organisiert sind. Wäre es zu einem größeren Konflikt gekommen, wäre also mit Streiks zu rechnen gewesen. Anfang Februar ist es bereits den Betriebsräten gelungen, in vier Regionen gleichzeitig zu Betriebsversammlungen aufzurufen. An dem Tag wurde also im gesamten Bundesgebiet bei HTS nicht gearbeitet. Nach Tarifverhandlungen gab es dann jeweils wieder Betriebsversammlungen.

Entscheidend war auch, dass der Arbeitgeber ein großes Interesse daran hat, dass das Übernehmen der Serviceleistungen für Vodafone gut funktioniert. Denn Huawei möchte sein Geschäft in Deutschland ausweiten. Für sie ist es also wichtig, dass es zu keinen Störungen kommt.

Als die IG Metall auf Ihren Erfolg hinwies, äußerte sie sich auch allgemein zu chinesischen Investoren. Die Stellungnahme liest sich erstaunlich positiv: »Chinesische Investoren wollen Märkte erobern, was zu Beschäftigungsaufbau führt. Sie akzeptieren in der Regel die betriebliche Mitbestimmung. Sie denken langfristig.« Können Sie das bestätigen?

Für uns war zunächst offensichtlich, dass die chinesische Firma Tariferhöhungen, die gleichermaßen für alle gelten, überhaupt nicht wollte. Aber die Erfahrungen, die Sie ansprechen, gibt es in der IG Metall. Die hat man etwa bei der Übernahme des Roboterbauers Kuka oder beim Gabelstaplerhersteller Linde gemacht. Als chinesische Investoren einstiegen, respektierten sie Tariverträge und Betriebsvereinbarungen. Das ist bei anderen Investoren nicht unbedingt so. Meist hängt es davon ab, wie stark die Position der Beschäftigten ist, ob wir als IG Metall genügend im Unternehmen vertreten sind.

Martin Weiss ist Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall in Frankfurt am Main. Er hat die Tarifverhandlungen bei der Huawei Technologies Service GmbH (HTS) geführt

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