Aus: Ausgabe vom 18.05.2017, Seite 7 / Ausland

Hass auf Minderheiten

Indonesien: Schwule zur Auspeitschung verurteilt. Präsident will Fundamentalismus eindämmen

Von Thomas Berger
RTXSWAQ.jpg
Auf Aceh wird eine Frau auf Anordnung eines Gerichts ausgepeitscht, weil sie während des islamischen Fastenmonats Ramadan ihren Imbiss geöffnet hielt (Oktober 2010)

Es schien, als wollten die Richter ein Zeichen setzten: Ausgerechnet am Mittwoch, dem Internationalen Tag gegen Homophobie hat ein islamisches Gericht in der indonesischen Provinz Aceh zwei homosexuelle Männer zur öffentlichen Auspeitschung verurteilt. Sie sollen jeweils 85 Peitschenhiebe erhalten. Das Urteil gegen die 20 und 23 Jahre alten Männer ist das erste seiner Art in Indonesien. Eine Ausbreitung des religiösen Fundamentalismus und der Intoleranz gegenüber Minderheiten ist jedoch schon länger zu beobachten.

Die Regierung verkündete, dem Fundamentalismus Einhalt gebieten zu wollen. Präsident Joko »Jokowi« Widodo wies am Dienstag die Spitzen der Sicherheitskräfte an, stärker gegen Hass­prediger vorzugehen. Welche Maßnahmen er Polizei und Militär (TNI) dabei genau nahegelegt hat, wurde aber zunächst nicht bekannt.

Dass Widodo die Einheit des Inselstaates in Gefahr sieht, illustriert auch seine Rede, die er am gleichen Tag zur Eröffnung des 19. nationalen Kongresses der islamischen Studentenvereinigung in der Großen Moschee von Palu auf der Insel Sulawesi hielt. Eindringlich mahnte er dabei zu Toleranz und Respekt zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Glaubensgemeinschaften des südostasiatischen Landes. Es sei an der Zeit, die ständigen Protestaktionen gegeneinander einzustellen. »Wir haben offenbar vergessen, dass wir alle Brüder sind, die in einem Land und als eine Nation zusammenleben«, mahnte er.

Der Appell des Staatsoberhauptes steht auch in Zusammenhang mit dem aktuellen Streifall um Basuki »Ahok« Tjahaja Purnama, den Gouverneur der Hauptstadtregion Jakarta. Während der Kampagne zu seiner Wiederwahl war dem Spitzenpolitiker, der chinesischer Abstammung und Christ ist, von islamistischen Kreisen eine Beleidigung des Koran und damit Blasphemie vorgeworfen worden. Er hatte sich darüber beschwert, dass seine Mitbewerber eine Passage des Koran in dem Sinne auslegten, dass Muslime angeblich keine andersgläubigen Repräsentanten wählen dürften. Ahok brachte dies eine und am 9. Mai eine Verurteilung zu einer zweijährigen Haftstrafe ein. Dagegen haben zu Wochenbeginn sogar die Staatsanwälte vor der höheren Instanz, dem High Court, Berufung eingelegt. Schließlich waren die Richter mit ihrem harschen Urteil deutlich über die Forderung der Anklage hinausgegangen, die lediglich eine Bewährungsstrafe verlangt hatte – mit der Androhung von einem Jahr Gefängnis, sollte es zu einem Wiederholungsfall kommen. Der Prozess war auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil der Verurteilte der ehemalige Stellvertreter des heutigen Präsidenten ist und zum Gouverneur aufrückte, als Jokowi den Karrieresprung ins höchste Staatsamt machte.

Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Von seinen 250 Millionen Einwohnern bekennen sich 88 Prozent zum Islam. Besonders heftig hetzen fundamentalistische Gruppen auf den Molukken, einer kleineren Inselgruppe. Seit 2010 kommt es dort immer wieder zu pogromartigen Übergriffen auf Christen. Auch die muslimischen Ahmadiyas, die von Fundamentalisten als vom Islam Abgefallene angesehen werden, wurden attackiert.

Doch nicht nur gegen religiöse Minderheiten nehmen verbale Hetze und teils gewaltsame Ausschreitungen zu. Auch Homosexuelle und Frauen, die für mehr Gleichberechtigung eintreten, sehen sich dem Hass der vermeintlichen »Verteidiger des wahren Glaubens« ausgesetzt. Selbst die »moderaten« Islamisten, die auch im Parlament vertreten sind, fordern, keineswegs am umstrittenen Blasphemiegesetz zu rütteln. Der Präsident beließ es nicht bei einem allgemeinen Appell an seine Landsleute. Von großer symbolischer Wirkung war auch sein Treffen mit der Führung der Nadlatul Ulema, der größten Dachorganisation der Muslime, sowie Vertretern von christlichen Verbänden, Hindus und anderen Minderheiten am Dienstag.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Moskau will Inhalt von Gespräch zwischen Trump und Lawrow veröffentlichen
  • Frankreichs Präsident Macron stellt seine Regierung vor. Von der Geldwirtschaft ­finanziert. Linke wird ­marginalisiert und dämonisiert
    Hansgeorg Hermann, Paris
  • »Historischer Gipfel« des türkischen Präsidenten Erdogan bei US-Präsident Donald Trump dauerte 20 Minuten
    Nick Brauns