Aus: Ausgabe vom 17.05.2017, Seite 6 / Ausland

Israel spielt auf Zeit

Hungerstreik palästinensischer Gefangener hält an. Gerüchte über Anführer Barghuti verbreitet

Von Gerrit Hoekman
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Held des Widerstands: Demonstranten halten am 12. Mai in Bethlehem ein Plakat mit dem Bild Marwan Barghutis

Bereits 30 Tage dauert der Hungerstreik der 1.300 von insgesamt mehr als 6.300 palästinensischen Gefangenen, die in israelischen Gefängnissen einsitzen. Bislang weigert sich die Regierung, mit den Inhaftierten über ihre Forderungen zu verhandeln. Der Anführer letzterer, Marwan Barghuti, hat nun dazu aufgerufen, auch die Flüssigkeitsaufnahme zu verweigern, falls Tel Aviv bei seiner starren Haltung bleibt. Das meldete die palästinensische Nachrichtenagentur Maan am Dienstag unter Berufung auf Barghutis Anwalt Khadir Shuqeirat.

Shuqeirat hatte seinen Mandanten am Sonntag zum ersten Mal während des Hungerstreiks im Gefängnis aufsuchen dürfen und erstattete den Medien danach Bericht. Barghuti habe zwölf Kilogramm abgenommen, er wiege nur noch 53 Kilogramm. Seine Zelle sei bis auf das Bett völlig leer. Er verfüge nur über eine Decke. Bücher und Zeitschriften seien verboten. Seit Beginn des Hungerstreiks am 17. April habe der berühmte Fatah-Politiker seine Kleidung nicht wechseln dürfen. Mehrere Stunden am Tag müsse er laute Geräusche ertragen, gegen den Krach stopfe Barghouthi sich Taschentücher in die Ohren. »Viermal am Tag wird seine Zelle durchsucht«, teilte Shuqeirat mit.

Marwan Barghuti diktierte seinem Anwalt am Sonntag einen Brief, in dem er die Palästinenser zu mehr Solidarität mit den Hungerstreikenden aufruft. »Ich verspreche euch, dass wir die Leere-Bauch-Kampagne fortführen«, zitierte am Montag die israelische Tageszeitung Haaretz aus dem Schreiben. Anlass war der 15. Mai, an dem die Palästinenser der Nakba gedenken, der Katastrophe, wie sie die Staatsgründung Israels 1948 nennen. In deren Zuge wurden 750.000 Palästinenser vertrieben, ihre Nachfahren leben bis heute in Flüchtlingslagern über den ganzen Nahen Osten verteilt.

Barghuti ruft seine Organisation, die Al-Fatah, und die islamistische Hamas auf, ihre Streitigkeiten im Dialog beizulegen und Seite an Seite gegen die zionistische Okkupation zu kämpfen. »Verhandlungen sind sinnlos, bis Israel sich öffentlich dazu bekennt, die Besatzung zu beenden und den Siedlungsbau zu stoppen«, zitierte Maan aus dem Brief. Israel müsse ferner das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser in einem eigenen Land in den Grenzen von 1967 mit Jerusalem als Hauptstadt anerkennen.

Rechtsanwalt Shuqeirat bekräftigte gegenüber Maan, dass die Gerüchte falsch seien, Barghuti habe den Hungerstreik heimlich abgebrochen. Israelische Quellen brachten unlängst ein Video in Umlauf, das angeblich zeigt, wie dieser Kekse isst. Shuqeirat bezeichnet das Video als infame Fälschung, die gezeigte Zelle habe nichts gemeinsam mit dem schmutzigen Raum, in dem Barghouthi seit Wochen in Einzelhaft gehalten werde. Das Video sei ein Versuch, den Durchhaltewillen der Hungerstreikenden zu brechen.

Am Wochenende sollen sich Vertreter der palästinensischen Sicherheitsbehörden und des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet getroffen haben, um die Bedingungen für ein Ende des Hungerstreiks auszuloten, meldete Maan am Montag unter Berufung auf die hebräische Internetnachrichtenseite Walla. Schin Bet nahm dazu bislang nicht Stellung. Aus Kreisen der Gefangenen hieß es umgehend, dass ausschließlich die Anführer des Hungerstreiks autorisiert seien, über ein Ende der Aktion zu verhandeln.

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