Aus: Ausgabe vom 15.05.2017, Seite 8 / Ausland

»Hälfte der Deportierten ist im Ghetto gestorben«

Rumänien: Im Zweiten Weltkrieg wurden 25.000 Roma verschleppt. Staat verweigert bis heute Entschädigung. Ein Gespräch mit Petre Matei

Interview: Frank Brendle
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Sie setzen sich für die Entschädigung der Roma durch den rumänischen Staat nach Verbrechen vor 75 Jahren ein. Wofür genau stehen den Menschen solche Zahlungen zu?

1942 wurden rund 25.000 rumänische Roma auf Befehl von Diktator Ion Antonescu ins damalige Transnis­trien deportiert. Ein Gebiet, das in der heutigen Ukraine liegt. Die Bedingungen in den Lagern und Ghettos waren mörderisch, ungefähr die Hälfte der Deportierten ist dort gestorben. Um die Überlebenden hat man sich erst spät gekümmert: Seit 2000 steht ihnen eine monatliche Hilfe zu, die im Moment 500 Lei im Monat beträgt – das entspricht etwa 120 Euro.

Inwiefern wird diese Entschädigung verschleppt?

Oftmals wird den Überlebenden mit fadenscheinigen Begründungen die Anerkennung als Deportierte verweigert. Am krassesten ist der Fall einer heute 81jährigen Frau, die als 6jährige deportiert wurde. Sie hat viele Dokumente aus verschiedenen Archiven, die ihre Deportation beweisen. Und trotzdem verweigert die rumänische Rentenkasse ihr Zahlungen – und zwar, weil ihre Rückkehr aus dem Ghetto nicht dokumentiert ist. Als ob es 1944 eine geordnete Evakuierung gegeben hätte.

Wie können die Betroffenen ihre Deportation beweisen?

Einerseits mit den damaligen Namenslisten der rumänischen Gendarmerie. Die liegen aber häufig noch unbearbeitet in den Archiven und sind nicht zugänglich. Alternativ müssen zwei Zeugen die Deportation belegen. Ich kenne einen 82jährigen, dessen beide Zeugen seit zehn Jahren die monatliche Beihilfe erhalten. Aber jetzt sagt die Rentenkasse, sie glaubt ihnen nicht, dass sie ebenfalls verschleppt worden waren.

In anderen Fällen waren die Betroffenen etwa von der deutschen Stiftung »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« schon längst als Deportierte anerkannt und haben die Zwangsarbeiter-Entschädigung erhalten. Nur die rumänischen Behörden stellen sich quer, oft mit unlogischen und widersprüchlichen Begründungen.

Und selbst wenn alle Unterlagen vollständig sind, kann es vorkommen, dass die Akte einfach nicht bearbeitet wird. Im Falle einer 82jährigen brauchte die Behörde länger als ein Jahr. Letztlich hat dann ein Fernsehbeitrag über den Skandal das Amt auf Trab gebracht. Dazu muss man wissen: Die Leistungen werden nicht rückwirkend gezahlt. Durch jeden Monat Verzögerung entgeht den Überlebenden Geld, das ihnen zusteht. Das ist reine Schikane.

Wollen die Behörden also auf Kosten der Verschleppten sparen?

Das glaube ich weniger, es gibt ja nur noch 200 Überlebende. Vielmehr wirken hier offensichtlich alte Ressentiments gegen Roma. Manche Beamte sagen ihnen ins Gesicht: »Ihr klaut ja sowieso nur.« Es gibt da kaum ein Bewusstsein dafür, dass Rumänien endlich die Verantwortung für die damaligen Deportationen übernehmen muss.

Wie kommt es, dass 17 Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes immer noch Anträge gestellt werden?

Das hat damit zu tun, dass viele Roma überhaupt nichts von der Regelung wussten. Etliche Überlebende haben nie lesen und schreiben gelernt, und die Behörden haben nichts unternommen, um ihnen ihre Rechte zu erklären. Zudem war die Beihilfe bis 2015 extrem gering. Vor sechs Jahren hat unser Projekt damit angefangen, nach Überlebenden zu suchen und ihnen mit den Anträgen zu helfen. 300 Roma konnten wir Zugang zu rumänischen oder deutschen Leistungen verschaffen.

Zu letzteren gehört auch die sogenannte Ghetto-Rente der Bundesrepublik. Die wird aber jenen, die als Kinder deportiert worden waren, aus rentenrechtlichen Gründen häufig verwehrt. Was erhoffen Sie von den deutschen Behörden?

Da gibt es große Widersprüche, wenn zum Beispiel von zwei Geschwistern nur das ältere etwas bekommt. Es wäre gut, wenn die Deutschen da weniger bürokratisch werden und wenigstens eine pauschale Summe gewähren. Für die Zustände in Transnistrien war ja auch Nazideutschland mitverantwortlich. Ich wünsche mir aber noch etwas: Man muss international Druck auf die rumänischen Behörden ausüben, den Überlebenden endlich zu geben, was ihnen zusteht. Dazu habe ich eine zweisprachige Petition gestartet.

Petre Matei ist Historiker und managt das Projekt www.roma-survivors.ro in Bukarest


https://campaniamea.de-clic.ro/petitions/supravietuitorii-­romi-ai-deportarilor-in-transnistria-­nu-au-drepturi

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