Aus: Ausgabe vom 12.05.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Die Wehrmachtstradition lebt

Eine Entnazifizierung der Bundeswehr gab es nicht

Von Jörg Kronauer
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Eingangsbereich der General-Feldmarschall Rommel Kaserne in Augustdorf (Kreis Lippe)

Illkirch, im »Bunker«, einem Aufenthaltsraum des Jägerbataillons 291, in dem auch der in Wien verhaftete Franco Albrecht verkehrte: Bilder stürmender Wehrmachtssoldaten hängen an den Wänden, Landserlyrik wird zur Schau gestellt, Stahlhelme liegen herum; das »G 36« mit eingeritztem Hakenkreuz, das Schlagzeilen gemacht hatte, wurde mittlerweile entfernt. Illkirch – ein Einzelfall? Sicherlich nicht. Er habe »schon ganz andere Dinge gesehen«, notierte nach der Besichtigung der auf die Bundeswehr spezialisierte Journalist Thomas Wiegold, der den Blog augengeradeaus.net betreibt. Von weiteren Beispielen wird inzwischen berichtet. In Donaueschingen steht vor der Kasernenkantine eine Vitrine mit Wehrmachtstahlhelmen; ein Traditionsraum ist mit Wehrmachtsdevotionalien bestückt. In Bad Reichenhall prangt außen am Wachgebäude der Hoch­staufenkaserne ein riesiger Reichsadler. Immerhin wurde das Hakenkreuz unter seinen Krallen durch ein Edelweiß ersetzt; doch starren über ihm bis heute vier Wehrmachtssoldaten von der Wand. Das Bundeswehr-Wachbataillon nutzt Wehrmachtskarabiner; die Hakenkreuze auf den Waffen wurden 1995 entfernt.

Und nicht nur das. Immer noch sind Kasernen nach Soldaten der Wehrmacht benannt. Etwa die Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne in Augustdorf, in der eine Hermann-Statue mit erhobenem Schwert vor einem Porträt des Wüstenkriegers steht. Auch in Dornstadt gibt es eine Rommel-Kaserne. Oder die Schulz-Lutz-Kaserne in Munster, deren Namensgeber, Generalmajor Adelbert Schulz, zuletzt als Kommandeur der 7. Panzerdivision an der Ostfront kämpfte. Die Kaserne in Appen trägt den Namen des Jagdfliegers Hans-Joachim Marseille, den die NS-Propaganda als »Stern von Afrika« verehrte. Die General-Thomsen-Kaserne in Stadum ist nach Wehrmachtsfliegergeneral Hermann von der Lieth-Thomsen benannt; die Feldwebel-Lilienthal-Kaserne in Delmenhorst ehrt im Namen den Wehrmachtsfeldwebel Diedrich Lilienthal, die Lent-Kaserne in Rotenburg (Wümme) den Wehrmachtsfliegeroberst Helmut Lent. Und selbst Umbenennungen garantieren noch kein Ende der Wehrmachtstradition. Soldaten des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74, das seit 2005 nicht mehr nach dem NS-Flieger Werner Mölders heißt, verfassen in ihrer Dienstzeit Beiträge für die Zeitschrift Der Mölderianer, die von der »Mölders-Vereinigung« in der Geschwaderkaserne produziert wird. Auf dem Gelände der Einheit finden darüber hinaus Gedenkfeiern zur Erinnerung an Mölders statt. Die Wehrmachtstradition lebt.

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