Aus: Ausgabe vom 11.05.2017, Seite 7 / Ausland

Streik im Chocó

Im Nordwesten Kolumbiens protestieren die Einwohner gegen Regierung und Paramilitärs

Von Volker Hermsdorf
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Die Einwohner des Chocó leiden auch unter Gefechten zwischen Drogenbanden und der ELN-Guerilla

Im Nordwesten Kolumbiens sind am Mittwoch Teile der überwiegend afrokolumbianischen und indigenen Bevölkerung des Verwaltungsbezirks Chocó in einen unbefristeten Proteststreik getreten. Sie wehren sich gegen den Bruch von Zusagen der Regierung des rechtskonservativen Präsidenten Juan Manuel Santos und fordern Schutz vor dem zunehmenden Terror paramilitärischer Banden in der Region.

Die rund 450.000 Einwohner des Departamento del Chocó gehören zu den Ärmsten des Landes, obwohl die an der Pazifikküste gelegene Region über Goldvorkommen und eine lukrative Holzproduktion verfügt. Die Analphabetenrate ist dort zweieinhalbmal höher als im Rest Kolumbiens, es fehlt an Ärzten, Krankenhäusern und Medikamenten. Weite Teile des Bezirks werden nur wenige Stunden am Tag mit Strom versorgt, und viele Anwohner haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Zudem gibt es kaum Straßen und nur schlechte Verkehrsverbindungen zu den nächstgelegenen Großstädten.

Bereits im August letzten Jahres protestierte rund ein Viertel der Einwohner mit einem bezirksweiten Ausstand gegen die desolaten Zustände. Mit einer Reihe von Versprechungen gelang es der Regierung Santos damals, die Protestaktionen zu beenden. Der Staatschef sagte in einem Zehn-Punkte-Katalog unter anderem 720.000 Millionen Peso (rund 220 Millionen Euro) für den Bau von Straßen nach Medellín und Pereira, Investitionen in den Bildungs- und Gesundheitsbereich, die Verbesserung der Strom- und Wasserversorgung und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu. Nichts davon sei eingehalten worden, erklärte nun Dilon Martínez, der Sprecher eines »Bürgerkomitees für die Rettung und die Würde Chocós«. Indigene und afrokolumbianische Gruppen, Bauernverbände und soziale Organisationen riefen deshalb dazu auf, den im August 2016 unterbrochenen Streik wieder aufzunehmen. Das Onlineportal Chocó7días veröffentlichte dazu gestern einen Appell mit der Aufforderung, die Straßen und Plätze zu besetzen. Die Bevölkerung bekräftigt damit auch ihre Forderung nach Schutz vor zunehmenden Übergriffen rechter Banditen.

Noch vor Wochen war Chocó ein Operationsgebiet der FARC-Guerilla. Seit diese sich im Zuge des Friedensabkommens mit der Regierung aus ihren Aktionszonen zurückgezogen hat, dringen vor allem paramilitärische Banden in die Region ein.

In Chocó breiten sich in erster Linie die mit der Oligarchie des Landes eng vernetzten »Gaitán-Selbstverteidigungsgruppen« (AGC) aus und liefern sich Gefechte mit der ELN, der noch aktiven zweitstärksten Guerillaorganisation Kolumbiens. Die AGC wird nach eigenen Angaben von Unternehmern, Politikern, Militärangehörigen und Polizisten unterstützt.

Unternehmer und Spekulanten hoffen auf gute Geschäfte in der Region, die neben dem Goldbergbau, der Holzwirtschaft und dem Drogenhandel künftig auch durch den Bau neuer Häfen an der Pazifikküste und den angekündigten Ausbau des Straßennetzes Gewinne verspricht. Der Grund und Boden befindet sich jedoch zu einem großen Teil noch im kollektiven Besitz der Bewohner, die kein Interesse daran haben, von der Industrie verdrängt zu werden. Seit die Bevölkerung nicht mehr von der Guerilla beschützt wird, haben die rechten Paramilitärs damit begonnen, immer mehr Menschen von ihren Ländereien zu vertreiben. Nach Informationen des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) wurden allein in diesem Jahr 4.000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Danach besetzten die Landräuber und ihre Partner aus Wirtschaft und Politik die Grundstücke, um sie später zu Höchstpreisen an interessierte Bauunternehmen zu verkaufen.

Die als Maßnahme dagegen angekündigte Entsendung von Regierungssoldaten sieht die Bevölkerung mit gemischten Gefühlen. Einem Bericht des »Forschungszentrums für das Historische Gedächtnis« (CNMH) zufolge, in dessen Vorstand auch Uniformierte sitzen, gehörten die Sicherheitskräfte zu den Hauptakteuren der Gewalt in Kolumbien. Gemeinsam mit den Paramilitärs seien sie für 46.000 »Verschwundene«, 4.500 illegale Hinrichtungen und zahlreiche Morde verantwortlich.

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