Aus: Ausgabe vom 06.05.2017, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Unser Kampf hört nie auf«

Homophobie als Herausforderung

Von Detlef Grumbach
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»Je mehr wir unsere Recht durchsetzen, ­desto heftiger werden sie uns bekämpfen.« Der gesellschafts­politische Rollback wird betrieben, Homophobie wieder salonfähig

Orlando, 12. Juni 2016: Ein Attentäter betritt den queeren Klub Pulse. Dort feiern Latinos eine Party, die meisten Besucher sind schwul, lesbisch, bisexuell oder transgender. Er tötet 49 Besucher*Innen und verletzt 53 weitere. Der Anschlag auf das Pulse hat ungewöhnlich starke Reaktionen hervorgerufen. Spontan brachten Schwule, Lesben, Trans* und andere weltweit ihre Trauer um die Opfer zum Ausdruck, auf vielen CSD-Paraden des Sommers 2016 trugen Teilnehmer ein riesiges Trauerband, jedes einzelne der Opfer wurde mit Namen, Gesicht und wichtigen Lebensdaten gezeigt.

Der Anschlag hatte sich gezielt gegen einen Ort gerichtet, an dem queere Menschen oder Queers – so will ich sie mal nennen, um die unübersichtliche Buchstabenkette LSBQTI* in Zukunft zu vermeiden – unter ihresgleichen waren und sich sicher fühlten. Er wirkte wie ein Menetekel: Ihr alle seid gemeint. In den USA wurde dies von einem großen Teil der Öffentlichkeit verstanden. Der Präsident, sein Vize und auch die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, Barack Obama, Joe Biden und Hillary Clinton, solidarisierten sich ausdrücklich mit den queeren Opfern. Doch »hierzulande ist die sexuelle Orientierung der Opfer Angela Merkel keine Erwähnung wert (...), ist der Kanzlerin die Besonderheit dieses Anschlages offenbar gleichgültig«, schrieb der Vorsitzende des Vereins Hamburg Pride, Stefan Mielchen, an prominenter Stelle auf der Website des Stern. »Diese Ignoranz ist erbärmlich. Und sie tut weh.« Er fuhr fort: »Eine Geste, ein Zeichen der Empathie in Richtung der Homosexuellen ist offenbar zuviel für eine christliche Politikerin. Das ist ein Schlag in das Gesicht all derer, die in Deutschland nicht der heterosexuellen Norm entsprechen und der Kanzlerin ein ungutes Bauchgefühl bescheren mit ihrer Forderung nach vollständiger Gleichberechtigung. Denn darum geht es immer noch im Deutschland des Jahres 2016: dass Schwule und Lesben sich damit abfinden müssen, ungleich behandelt zu werden – vor dem Gesetz und in ihrem Alltag. Angela Merkel könnte das ändern. Sie will es nicht.«

Demo für alle

Der Anschlag und die unterschiedlichen Reaktionen haben etwas ausgelöst. Es brach etwas hervor, das lange im Untergrund rumort hatte: das Bewusstsein dafür, dass es mit wachsender Akzeptanz und den Schritten zur rechtlichen Gleichstellung nicht automatisch immer so weitergehen muss, dass ein Rollback möglich ist. Die ökonomischen und politischen Transformationen nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent und in Osteuropa haben neue Nationalismen hervorgebracht, die zunehmend autoritär organisierte, patriarchale und damit auch frauenfeindliche und homophobe Herrschaftssysteme etablieren.

»Es muss etwas mit den historischen und soziokulturellen Rahmenbedingungen sowie der Form der politischen Herrschaft zu tun haben, wenn aus dem homophoben Ressentiment einzelner Menschen kollektives Handeln in Form von Drohungen, Übergriffen und physischer Gewalt gegen sexuelle Minderheiten wird. Eine andere Qualität gewinnt Homophobie dann, wenn sie zu einer politischen Haltung oder gar zu einem Bestandteil staatlicher Politik wird.« Diese These wird im Editorial der Zeitschrift Osteuropa formuliert, am Beispiel Russlands, Polens und Tschechiens wird sie im Heft belegt. Während hierzulande mit den CSD-Paraden schon länger überwiegend Feierlaune demonstriert wird, wurden in osteuropäischen Metropolen wie Moskau, Prag, Warschau, Belgrad selbst kleine Demonstrationen verboten, behindert und endeten teilweise mit massiven Polizeieinsätzen. Die Demonstrationen gegen die Homoehe in Frankreich 2013, organisiert von der Bewegung »Manif pour tous« (Demo für alle), unterstützt von der konservativen Union pour un mouvement populaire (UMP) und dem rechtsnationalen Front National (FN), haben viele nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen, genauso wie den Volksentscheid gegen die Homoehe in Kroatien im selben Jahr. Solidarität war eine Sache von wenigen Aktivist_innen, die Empörung dauerte nicht lang, der Sachverhalt betraf nicht uns. Nervös wurden die deutschen queeren Bewegungen und ihre Medien erst, als sich so etwas wie »Demo für alle« auch in Deutschland organisierte.

Demo für alle? Der Name führt bewusst in die Irre. »Alle« meint hier eine Mehrheit, die sich in aggressiver Weise zum Maß aller Dinge stilisiert und jeden, der nicht so ist wie sie oder sich ihr nicht beugt, zum Feind erklärt. Unter Parolen wie »Ehe und Familie vor! Stoppt Genderideologie und Sexualisierung unserer Kinder« organisieren »Besorgte Eltern« seit dem Frühjahr 2014 zunächst in Baden-Württemberg, dann auch in Bayern und weiteren Bundesländern Infostände und Demonstrationen gegen emanzipatorische Bildungspläne und Unterrichtsinhalte, die auch andere Lebensformen als die der heterosexuellen Ehe als möglich und respektabel behandeln. Wie in Frankreich der FN sprang hier die Alternative für Deutschland (AfD) auf den fahrenden Zug und ergänzte die Propaganda um Sprüche gegen ein »versifftes links-rot-grünes 68er-Deutschland«.

Baut sich hier eine Bewegung auf, die in vielen Ländern virulente Stimmungen gegenüber sexuellen und anderen Minderheiten aufgreift und das liberale Klima ernsthaft vergiften könnte? Im (Vor-)Wahlkampf um die US-Präsidentschaft erwiesen sich frauen-, fremden- und homofeindliche Positionen als salonfähig und erfolgsförderlich. Solche Tendenzen wurden auch in der Auseinandersetzung um den Brexit in Großbritannien sichtbar. »Homophobe Angriffe seit Brexit verdoppelt« – unter dieser Überschrift bestätigte Die Zeit (unter Berufung auf Berichte in The Guardian und eine Bilanz des National Police Chief’s Councils) im Oktober den sich schon seit Beginn der Brexit-Debatte abzeichnenden Trend.

Es reicht!

In diese Gemengelage hinein platzten die Nachricht vom Anschlag in Orlando, die kühle Reaktion der Kanzlerin und der kalkulierte Wutausbruch Stefan Mielchens. Mielchen war mit einem Schlag bundesweit in den Medien – im Deutschlandfunk, in der Süddeutschen Zeitung, in den »Tagesthemen« der ARD. Auch anderen klugen Köpfen kam die Galle hoch. Adriano Sack, Redakteur der Tageszeitung Die Welt, outete sich mit einem ganzseitigen Artikel: »Als Journalist hege ich eine Abneigung gegenüber Texten, in denen Menschen Katastrophen persönlich nehmen. In diesem Fall fällt es mir schwer, das nicht zu tun. Denn egal, was meine wohlmeinenden Kollegen nun denken, äußern und schreiben. Es ist nicht unsere gemeinsame Welt, die da mit Maschinengewehrsalven zerschossen wurde. Sondern es ist meine.« Sack macht in seinem Artikel auf berührende Weise deutlich, dass – bei aller Liberalität im Land und auch in seiner Redaktion – geschützte Räume nötig sind, dass es auch hierzulande Gewalt, Diskriminierung und kleine Nadelstiche von Kollegen gibt, die diese wahrscheinlich gar nicht mal als solche wahrnehmen. Der Schluss seines Artikels: »Ein schwuler Freund von mir postete einige Stunden nach dem Massaker auf Facebook: ›Unser Kampf hört nie auf.‹ Leider hat er recht.«

In der Süddeutschen Zeitung nahm Carolin Emcke »Orlando« zum Gegenstand ihrer Kolumne und kam wie Adriano Sack aus diesem fernen Anlass sehr schnell zur Situation in Deutschland: »Wie immer einzigartig und singulär als Individuen, das, was queere Menschen kollektiv verbindet, ist nicht zuletzt dieses Gefühl der Verletzbarkeit: immer noch mit herablassenden Blicken betrachtet zu werden, wenn wir auf der Straße Hand in Hand laufen oder uns küssen, immer noch mit Schimpfwörtern bedacht und bedroht zu werden auf dem Schulhof oder in der U-Bahn oder im Netz, immer noch gegen Gesetze ankämpfen zu müssen, die uns als ›krank‹ kategorisieren oder kriminalisieren, immer noch begründen zu müssen, warum wir vielleicht nicht gleichartig, aber doch gleichwertig sind, warum wir Kinder lieben und fördern können wie andere Familien auch, immer noch Gefahr zu laufen, am hellichten Tag oder des Nachts angegriffen und zusammengeschlagen zu werden. ›Schwule Orte werden immer wieder von der Geschichte dieser Gewalt heimgesucht‹, schreibt der französische Philosoph Didier Eribon in seinem jüngsten Buch ›Rückkehr nach Reims‹. ›Jede Allee, jede Parkbank, jeder blickgeschützte Winkel trägt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft solcher Attacken in sich.‹ Das alles nur, weil es diesen Hass gibt auf die Art, wie wir lieben oder leben. Weil es diesen Hass gibt auf unser Glück, für das wir uns nicht schämen wollen. Daran hat sich nichts geändert, nur weil manche von uns Bürgermeister oder Umweltministerin oder Popstars werden können.«

Brüchige Akzeptanz?

Im Windschatten der alles bestimmenden politischen Themen des Sommers und Herbstes 2016, der sogenannten »Flüchtlingskrise« und der Debatte, wie die deutsche Gesellschaft es mit dem Fremden, dem ethnisch, religiös, kulturell Anderen halten soll, entwickelte sich so auf einem Nebenschauplatz eine Diskussion darüber, wie es um die Bewusstseinslage gegenüber den sexuell anderen steht. Beflügelt wurde sie noch durch die im Juni publizierte »Mitte-Studie« der Universität Leipzig. In dieser regelmäßig durchgeführten Studie werden Repräsentanten der gesellschaftlichen Mitte nach ihren politischen Einstellungen gefragt – unter anderem auch zum Themenbereich »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«. Die Befragten sollen angeben, ob sie einer bestimmten Aussage voll und ganz, eher, eher nicht oder ganz und gar nicht zustimmen. Die Zustimmung (»voll und ganz« und »eher«) dazu, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden müsse, wuchs nach Ergebnissen der Leipziger Studie von 21,4 Prozent im Jahr 2009 auf 41,4 Prozent im Jahr 2016; die Zustimmung zu der Aussage, dass man sich durch die vielen Muslime fremd im eigenen Land fühle, im selben Zeitraum von 32,2 auf 50 Prozent; dazu, dass der Staat bei Asylanträgen nicht so großzügig sein soll, von 25,8 auf 80,9. Dass es ekelhaft sei, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen, empfinden 40,1 Prozent im Jahr 2016 gegenüber 27,8 Prozent im Jahr 2009, dass Homosexualität unmoralisch sei 24,8 gegenüber 15,7 Prozent, und dass die Ehe zwischen zwei Männern oder zwischen zwei Frauen nicht erlaubt sein sollte 36,2 gegenüber 29,4 Prozent. Der hier festgestellte Trend wurde als Alarmsignal und als Folge der stärker werdenden rechtspopulistischen Bewegungen gewertet. Und wie die etablierte Politik gegenüber diesen Bewegungen in der Flüchtlingsfrage Schrittchen für Schrittchen zurückweicht, angeblich um sie kleinzuhalten, so tut sie dies – zumindest partiell – auch in der »Homofrage«.

Es war Winfried Kretschmann, der aus dem Stammland der »Besorgten Eltern« heraus den Aufstieg der AfD im Oktober 2016 zum Anlass nahm, »Selbstkritik« zu üben. Angesichts der Erfolge einer modernen, grünen Gesellschaftspolitik, so der Ministerpräsident, »sollten wir uns selbstkritisch fragen: Haben wir vielleicht auch etwas falsch gemacht? Wie verhält es sich mit dem Vorwurf, wir hätten es mit dem Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen übertrieben?« Und als ob die Kritik der »Besorgten Eltern« und der AfD einen wahren Kern treffen würde, redet er einer Art Obergrenze bei der Erziehung des Menschengeschlechts das Wort, fährt fort und stellt auch noch das legendäre Wowereit-Zitat in seiner Intention auf den Kopf: »Es geht darum, dass jeder nach seiner Fasson leben kann, und nicht darum, traditionelle Lebensformen abzuwerten oder die Individualisierung ins Extrem zu treiben. Individualismus darf nicht zum Egoismus werden, sonst wird gesellschaftlicher Zusammenhalt unmöglich. So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so.«

Nach Protesten auch aus der eigenen Partei bekannte sich Kretschmann zur Forderung, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, doch das Zitat war in der Welt und wurde von anderen Grünen wie dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer vehement verteidigt. Dahinter steckt bei den Grünen, so darf man vermuten, die Einschätzung, dass »Besorgte Eltern« und AfD auch in der »Homofrage« einen Nerv der WählerInnen treffen. Dahinter steckt auch die Unsicherheit, wieweit die Akzeptanz oder auch nur die Toleranz gegenüber Queers wirklich trägt, ob ein relevanter Teil des Wahlvolks die Grünen unter anderem auch deshalb wählt, weil sie für die Akzeptanz von Queers einstehen oder doch eher obwohl sie dies tun. Auch wir Queers müssen uns dieser Frage stellen – mit dem Unterschied, dass wir keinen Spielraum für taktische Manöver haben.

Wir müssen uns heute die Frage stellen, ob wir Akzeptanz und rechtliche Gleichstellung bis zu dem heutigen Stand erreicht haben,

– weil sie einmal zum Kern eines rot-grünen Reformprojekts gehört haben und danach von der Mehrheit der Gesellschaft trotz einer Kanzlerin mit ihrem »Bauchgefühl« gegen die Homoehe so gewollt waren oder

– obwohl sie schon unter der rot-grünen Bundesregierung eher im Windschatten anderer Projekte vorankamen und deshalb im Bewusstseinsstand der Bevölkerung nicht gerade fest verankert sind oder sogar abgelehnt werden.

Sollte die erste Möglichkeit zutreffen, könnte man die bedrohlichen Tendenzen als vorübergehende Symptome des Erfolgs werten. »Je mehr wir unsere Rechte durchsetzen, je mehr wir die Herzen und Köpfe der Menschen erreichen«, erklärte die amerikanische lesbische Schauspielerin und Sängerin Lea DeLaria nach dem Anschlag von Orlando im Spiegel, »desto heftiger werden uns jene bekämpfen, die uns wegen unserer Andersartigkeit hassen«. Sollte die zweite Möglichkeit zutreffen, müssten wir uns auf länger andauernde Auseinandersetzungen um ein gesellschaftspolitisches Rollback einstellen.

Antworten der Bewegung

»Unser Kampf hört nie auf« – so zitiert Adriano Sack einen Freund. Gegen welche Gegner dieser Kampf wiederaufgenommen und weitergeführt werden muss, wer überhaupt seine Bündnispartner und was seine Ziele sind, wie die Bewegung darauf vorbereitet ist und wie die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen einzuschätzen sind, muss diskutiert werden.

Hinter all diesen Fragen steht die große Frage nach dem »Wir«, nach den Subjekten, die den Kampf aufnehmen, gemeinsam im Bündnis oder getrennt gegen denselben Gegner. Als in den 1970er Jahren die Lesbenbewegung vorsichtig aus dem Windschatten der Frauenbewegung trat und sich die Schwulenbewegung formierte, war dieses »Wir« politisch meist links und der Studentenbewegung verbunden. Es definierte sich politisch, vom Lebensgefühl her und sexuell in der Differenz zur Mehrheitsgesellschaft, wollte diese verändern und stieß mit ihrem provokanten Auftreten der großen schweigenden Mehrheit vor den Kopf. Es war eine kleine Minderheit der ansonsten unsichtbaren »Betroffenen«.

Dieses »Wir« hat aber einen entscheidenden Teil dazu beigetragen, dass die Gesellschaft sich verändert hat, dass immer größere Teile der Schwulen und Lesben sich zeigen konnten, dass sich Sportvereine, Wandergruppen, Zusammenschlüsse in Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Verbänden gründeten, bis hin zu den schwulen Managern im Völklinger Kreis und den lesbischen Wirtschaftsweibern. Statt die Differenz zu betonen, hieß die Losung jetzt »Eine Liebe wie jede andere«, Normalität war Trumpf, es ging nicht um Veränderung der Gesellschaft, sondern um Teilhabe. Das alte »Wir« blieb zwar bestehen, jedoch als eine marginalisierte Minderheit; ein neues, größeres »Wir« von selbstbewussten Schwulen und Lesben in allen gesellschaftlichen Bereichen trat in der öffentlichen Wahrnehmung an seine Stelle. Und jetzt kommen die »Homosexuellen in der AfD« und erklären selbst dieses große, anpassungswillige »Wir« zu einer »linksgrün versifften« Minderheit und erheben den Anspruch, dass nur sie wirklich für eine Mehrheit der Homosexuellen sprechen.

Es gibt also kein homogenes »Wir«, weder politisch noch hinsichtlich der Buchstabenkette LSBTQI*. Denn die erfolgreiche Konzentration der Klientelpolitik von Rot-Grün auf Bürgerrechte und die zunehmende rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben mit Heterosexuellen hatte auch dazu geführt, dass sich die Fragen von Akzeptanz und Emanzipation auf die einer Anerkennung der Ehe und des Adoptionsrechts verkürzten – unter Ausschluss all derer, für die dies keine Option war. Denn es gibt zahlreiche Queers, die die Ehe mit ihren sozial- und steuerrechtlichen Implikationen für ein Ordnungsinstrument einer patriarchalen Gesellschaft halten, und es machen sich zunehmend auch jene »Betroffenen« bemerkbar, die aus der heteronormativen Dichotomie Mann-Frau herausfallen und schon deshalb nicht von Verbesserungen der Lebenssituation gleichgeschlechtlich liebender Menschen profitieren.

Hinzu kommt, dass die Institutionalisierung der Bewegung seit den 1990er Jahren mit ihren öffentlichen und halböffentlichen Einrichtungen und den Möglichkeiten öffentlicher Förderung unter dem Diktat der Förderrichtlinien usw. dazu geführt hat, dass sich ein großer Teil der politischen Interessenvertretung immer weiter von der Straße in die Parlamente und parteipolitischen Räume verlagert hat. So verlässt sich heute ein Teil der potentiellen Basis einer queeren Bewegung je nach politischer Couleur auf ihre »FachpolitikerInnen« in Parteigremien und Parlamenten, auf ihre Leute, die als GleichstellungsreferentInnen oder auf ähnlichen Positionen in den Verwaltungen tätig sind. Das Politikum der CSD-Paraden besteht in erster Linie noch darin, dass sie für massenhafte Sichtbarkeit der Queers sorgen – auch jener, die sich nicht durch die Forderung nach rechtlicher Gleichstellung repräsentiert fühlen.

Wenn wir den Satz vom nicht endenden Kampf ernst nehmen, müssen wir uns neu sortieren, über das »Wir«, über das »Wer gegen wen?« streiten, über die Qualität unserer Ziele und unsere Beziehungen zu anderen Feldern der politischen Auseinandersetzung. Patsy l’Amour la-Loves »Selbsthass und Emanzipation. Das andere in der heterosexuellen Normalität« hat den Aufschlag zur Wiederaufnahme einer wichtigen theoretischen Diskussion geliefert. Erste Sammelbände erscheinen. Die Zeichen der Zeit sind erkannt. Die Diskussionen kommen in Gang.

Detlef Grumbach, geb. 1955, ist Verleger des Männerschwarm-Verlags in Hamburg, freier Journalist und Literaturkritiker. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen zu Fragen der Schwulenverfolgung und -bewegung, zu gesellschaftspolitischen Fragen und zur Gegenwartsliteratur vorgelegt. Als Vorsitzender der Christian-Geissler-Gesellschaft setzt er sich dafür ein, dass das Werk dieses bedeutenden Schriftstellers vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen wieder und neu gelesen wird.

Im Männerschwarm-Verlag ist kürzlich der von Detlef Grumbach herausgegebene Sammelband »Demo. Für. Alle. Homophobie als Herausforderung« erschienen. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor eine gekürzte Fassung des Vorwortes. (jW)

Detlef Grumbach (Hg.): Demo. Für. Alle. Homophobie als Herausforderung. Männerschwarm-Verlag, Hamburg 2017, 168 Seiten, 16 Euro

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