Aus: Ausgabe vom 05.05.2017, Seite 1 / Titel

Rassismus tötet

Strafverfahren gegen Polizisten eingestellt, die Schwarzen in Baton Rouge erschossen hatten. Anwalt der Angehörigen fordert Freigabe von Akten

Von Jürgen Heiser
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Protest am Tatort: Ein Demonstrant vor dem Supermarkt, wo Alton Sterling erschossen wurde (Baton Rouge, 7.7.2016)

In den USA dürfen rassistische Polizisten weiterhin darauf hoffen, dass US-Präsident Donald Trump und sein Justizminister Jefferson Sessions »Recht und Ordnung« zu ihren Gunsten durchsetzen. Im Fall des im US-Bundesstaat Louisiana im vergangenen Sommer von weißen Polizisten erschossenen Schwarzen Alton Sterling hat das US-Justizministerium die Einstellung des Strafverfahrens gegen beide Beamte angeordnet. Wie Bundesstaatsanwalt Corey Amundson am Mittwoch auf einer Pressekonferenz bekanntgab, hätten die Ermittler »keine ausreichenden Beweise« gefunden, die eine strafrechtliche Verfolgung rechtfertigten. Eine Verletzung der Bürgerrechte Sterlings, wie sie eine Anklage nach Bundesrecht voraussetze, liege nicht vor, zitierte das Onlinemagazin Daily Beast Amundson. Auch wenn Sterlings Tod »tragisch« sei, »erfüllen die vorhandenen Beweise nicht die erheblichen Beweisanforderungen«.

Wegen der tödlichen Schüsse vom 5. Juli 2016 war es in Baton Rouge tagelang zu heftigen Protesten gekommen, bei denen die hochgerüstete Polizei über 200 Demonstranten festnahm. Nach dem Vorfall waren im Internet mehrere Handyvideos aufgetaucht, die zeigen, was an jenem 5. Juli kurz nach Mitternacht passierte. Die beiden Beamten Blane Salamoni und Howard Lake näherten sich dem 37jährigen Sterling, der vor einem Lebensmittelladen CDs verkaufte, und beschossen ihn nach kurzem Wortwechsel mit einer Taserwaffe. Dann warfen sie ihn zuerst auf die Kühlerhaube eines geparkten Autos, rissen ihn zu Boden und knieten sich beide auf ihn, so dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Einer der Uniformierten rief »Er hat eine Waffe! Eine Waffe!«, worauf­hin sein Kollege ohne zu zögern aus nächster Nähe sechs Schüsse auf Sterling abgab. Erst dann ließen die Polizisten von ihrem Opfer ab. Sterling blieb ohne Nothilfe mit einem großen Blutfleck auf seiner Brust regungslos vor dem Wagen liegen, bis die eintreffenden Rettungssanitäter nur noch seinen Tod feststellen konnten. Die Polizeiaktion hatte nach den veröffentlichten Videobeweisen nicht länger als 90 Sekunden gedauert.

Für die Angehörigen des fünffachen Vaters bleibt jetzt als letzte Hoffnung, dass Louisianas Generalstaatsanwalt Jeffrey Landry die Hintergründe der Bluttat aufdeckt. Wie Landry nach Ende des Bundesverfahrens verlauten ließ, bleiben die beiden Polizisten bis zum Abschluss der Ermittlungen der Landespolizei – unter Zahlung ihrer Bezüge – weiterhin vom Dienst suspendiert.

Laut Daily Beast war der Erschossene wie viele Bürger Louisianas legal im Besitz einer Pistole. Diese sei aber erst nach seinem Tod aus seiner rechten Hosentasche gezogen worden. Chris Stewart, Anwalt der Familie Sterling, forderte laut dem Lokalblatt The Advocate die Veröffentlichung bislang unter Verschluss gehaltener Aufnahmen von Körperkameras der Polizisten. Nach Zeugenaussagen habe der Todesschütze die Situation in der Julinacht angeheizt. Auf den Handyvideos sei nicht zu sehen, dass Salamoni seine Waffe an Sterlings Kopf hielt und sagte: »Ich werde dich töten, Hurensohn!« Der Anwalt rief Landry deshalb dazu auf, »jetzt endlich die gebührende Gerechtigkeit walten zu lassen«.

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