Aus: Ausgabe vom 02.05.2017, Seite 2 / Inland

»Die IG Metall ist kein Freund der Leiharbeit«

Verband stimmt höherer Einsatzdauer in der Industrie zu: Dort werde besser gezahlt als in anderen Branchen. Gespräch mit Klaus Abel

Interview: Johannes Supe
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Kürzlich wurde bekannt, dass sich Ihre Gewerkschaft mit dem Unternehmerverband Gesamtmetall auf eine Änderung beim Einsatz von Leiharbeitern geeinigt hat: Die seit Anfang April geltende maximale Verleihdauer von 18 Monaten soll auf 48 Monate heraufgesetzt werden. Möglich ist das, weil mit dem novellierten »Arbeitnehmerüberlassungsgesetz« tarifliche Regelungen über gesetzliche gestellt sind. Was genau hat die IG Metall nun ausgehandelt?

Der Tarifvertrag, um den es geht, ist noch nicht rechtskräftig. Ein wichtiger Verhandlungspunkt ist noch offen. Verabredet ist aber folgendes: In Betrieben kann über Betriebsvereinbarungen geregelt werden, dass Leiharbeitnehmer länger als 18 Monate eingesetzt werden dürfen. Das verbinden wir damit, etwa bei Daimler und BMW, dass die Leiharbeiter dann den Tariflohn der Metall- und Elektroindustrie erhalten und nicht den niedrigeren, der im Leiharbeitstarifvertrag festgeschrieben ist. Viele Leiharbeiter wollen auch lieber »bei uns« eingesetzt werden. Denn in der Metall- und Elektroindustrie bestehen weit bessere Arbeitsbedingungen als etwa in der Fleischindustrie. Insofern ist die Regelung in ihrem Interesse.

Wir haben auch weitere Rechte für die Betriebsräte erreicht. Sie können der Einstellung eines Leiharbeitnehmers widersprechen, wenn er auf Dauer eingestellt wird, wo auch ein regulär beschäftigter Kollege tätig sein könnte. Die Möglichkeit haben sie wegen des Tarifvertrags, nach dem Wortlaut des Gesetzes gibt es sie nicht.

Habe ich Sie richtig verstanden: Die in den Fabriken eingesetzten Leiharbeiter werden künftig nach dem Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie bezahlt?

Nein. Der Tarifvertrag würde es ermöglichen, entsprechende betriebliche Regelungen zu schaffen. Die werden wir dort erreichen können, wo wir gut organisiert sind und sich die Betriebsräte durchsetzen können. Das gilt etwa für die Automobilindustrie, deshalb habe ich BMW und Daimler genannt. Gerade in kleineren und mittleren Betrieben sind wir weniger stark.

Für sämtliche Betriebe sind hingegen Branchenzuschläge geplant, die zusätzlich zu dem gezahlt werden, was der Leiharbeitstarifvertrag vorsieht. Genau das ist auch der offene Punkt, der noch verhandelt wird: Wir wollen, dass alle Leiharbeitnehmer nach 15 Monaten einen Zuschlag in einer solchen Höhe bekommen, dass sie auf dem Niveau des Metalltarifs sind.

Hätten die Beschäftigten ohne Ihren Abschluss nicht sehr viel rascher einen Anspruch auf Übernahme in den Betrieb, eben nach 18 Monaten?

Einen gesetzlichen Anspruch gibt es eben nicht. Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz schreibt bloß vor, dass einzelne Leiharbeiter nicht länger als 18 Monate im Betrieb eingesetzt werden dürfen. Doch Ver- und Entleihbetrieb können einfach einen Kollegen abmelden und auf dessen Arbeitsplatz einen anderen Leiharbeiter einsetzen.

Das »Arbeitnehmerüberlassungsgesetz« scheint einige Widersprüche aufzuweisen. Geht es um den Lohn, müssen die Beschäftigten nach dem Tarifvertrag der Leiharbeitsbranche bezahlt werden, nicht nach jenem der Einsatzbranche. Ausnahmen bei der Einsatzdauer sollen hingegen nicht im Leiharbeitstarif geregelt werden, sondern mit der Branche, in die die Leiharbeiter entsandt werden. Aus Perspektive der Beschäftigten müsste man doch sagen: Bitte jeweils genau anders herum!

Das wäre tatsächlich klar besser. Dieses Gesetz ist keines, das sich nach den Bedürfnissen der Leiharbeiter richtet. Aber es setzt eben den Rahmen, in dem wir versuchen, möglichst gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Allerdings schafft die Leiharbeit immer ein Dreiecksverhältnis: Das Verleihunternehmen will etwas verdienen, der Entleihbetrieb will sich Personalkosten sparen. Dazwischen befinden sich die Arbeitnehmer. Als IG Metall sind wir darum kein Freund der Leiharbeit.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann würde Ihnen da wohl widersprechen. Er sagt, dass die Gewerkschaft nicht gegen Leiharbeit ist, sondern sie gestalten will.

Das ist kein Widerspruch, ich sehe das auch so wie er. Leiharbeit ist sinnvoll, wenn es um die Abdeckung von Auftragsspitzen geht. Als ich vor 30 Jahren in der Metall- und Elektroindustrie Berlins gearbeitet habe, gab es bei uns auch Leiharbeiter. Die waren aber besser bezahlt als die Stammbelegschaft. In diese Richtung wollen wir das wieder lenken.

Klaus Abel ist erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin

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