Aus: Ausgabe vom 28.04.2017, Seite 16 / Sport

»Die Straßen sind okay«

Ein Radrennen für den Frieden soll im März 2018 durch Jordanien, Ägypten, Israel und Palästina führen. Bericht vom Testlauf

Von Tom Mustroph, Petra/Jordanien
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Andere Geschichten erzählen: Fünf-Tages-Rennen für Palästina in der West Bank, Oktober 2015

Zwei Schulklassen im jordanischen Petra waren schon mal begeistert. Geduldig warteten sie am Dienstag dort, wo im März 2018 die zweite Etappe der »Middle East Peace Tour« enden soll, auf ein knappes Dutzend Radsportler, die derzeit zu Testzwecken die Route abfahren. Das Rennen soll über eine Gesamtstrecke von 681 Kilometern durch Jordanien, Ägypten, Israel und Palästina führen. Als die Fahrer am Dienstag in Sichtweite kamen, schwenkten die Jungsklassen aus einer staatlichen Schule wild jordanische Fahnen. Es sah recht offiziell aus. Die Burschen waren allesamt in Militär- und Polizeiuniformen gekleidet. Eine spezielle Note bei einem Rennen für den Frieden. Für die Organisatoren ist ein entspannter Umgang mit solchen Widersprüchen unerlässlich.

Organisator der »Peace Tour« ist der Österreicher Gerhard Schönbacher, der einst als Träger der »Lanterne rouge« bei der Tour de France von sich Reden machte. Die Sieben-Etappen-Fahrt soll für Profis und Amateure offen sein. »Ich möchte, dass durch das Rennen der Gedanke des Friedens transportiert wird«, sagt Schönbacher, der in seiner aktiven Zeit auch an der legendären Friedensfahrt teilgenommen hat. »Wenn man alle Mitglieder von Sportverbänden weltweit zusammenzählt, sind das Hunderte Millionen, die aufstehen und sich für den Frieden stark machen könnten. Vielleicht erreicht man mit den vielen Menschen, die durch den Sport zusammenkommen, tatsächlich etwas, was Politik und Religion nicht geglückt ist.«

Schönbacher ist ein eigenwilliger Typ. Als Profi inszenierte er den Kampf um die rote Laterne des Gesamtletzten der Tour de France. 1979 »gewann« er diese Wertung. 1980 erließ der Tourveranstalter eine »Lex Schönbacher«. Um zu verhindern, dass wieder um den medienwirksamen letzten Platz gekämpft würde, galt von nun an die Regel, dass der jeweils letzte des Tages ausscheidet. Schönbacher wurde Tag für Tag vorletzter. Für den Abschlusstag plante er den ganz großen Coup. »Ich wollte als letzter die Etappe gewinnen. Ich war auch in der Fluchtgruppe vorn. Dann waren wir uns aber nicht einig und wurden noch eingeholt«, erinnert er sich. Gesamtletzter wurde er natürlich.

Nach seiner aktiven Laufbahn organisierte Schönbacher Rennen wie die »Alpentour Trophy« in seiner Heimat oder die »Crocodile Trophy«, die zunächst in Vietnam stattfinden sollte, aber das war zu kompliziert, und so fiel die Wahl auf Australien. Auf die Idee für die »Middle East Peace Tour« kam Schönbacher durch Ido Eindor. Der frühere High-Tech-Spezialist aus dem »Silicon Wadi« in Israel arbeitet auch als UCI-Kommissär. »Bei einem Rennen in Zypern schlug mir ein Veranstalter ein Mountainbike-Etappenrennen vor, das auf Zypern beginnen sollte. Danach würden alle aufs Schiff steigen und in Israel weiterfahren. Das Wort Frieden gab es da auch schon im Namen«, erklärt Eindor. Aus dem Projekt wurde nichts, aber Schönbacher bekam Wind davon, kaufte sich jede Menge Kartenmaterial zu der Region und entwarf ein Straßenrennen durch vier Länder. Straße statt Mountainbike war auch eine pragmatische Entscheidung. »Für ein Mountainbike-Etappenrennen müsste man sehr viele Transferkilometer in Kauf nehmen. Ein Straßenrennen lag da näher«, meint Eindor.

In Jordanien wird die Initiative auf den ersten Blick mit einer Mischung aus purer Freude und ungläubigem Staunen aufgenommen. Beim Testlauf, der die Machbarkeit auslotet, kam am Dienstag der Leiter des Nationalparks von Petra, Emad Hidschasin, zum Ziel­einlauf. Das Rennen sei eine »wunderschöne Sache für uns«, meinte er. Sport und Tourismus könnten für eine Normalität sorgen, die den Frieden greifbarer mache, ist seine Überzeugung.

Starten soll die Tour im antiken römischen Amphitheater der jordanischen Hauptstadt Amman. Mehrere Stationen am Roten Meer sind geplant. Beim Testlauf geht es etwa um die Bedingungen an der Strecke und die Logistik bei den Grenzüberquerungen. Ägypten bleibt noch außen vor. Die Sicherheitslage war nach den Anschlägen im März als zu bedenklich eingeschätzt worden. Dass die Route zum Zielort Jerusalem durch Palästina führen soll, sei »eine sehr schöne Idee«, teilte die palästinensische Botschaft in Amman mit. Für Palästina wäre es ein Schritt zur Normalisierung, ein internationales Radrennen mitauszurichten. Laut Schönbacher haben »alle vier Verbände das gleiche Gewicht, niemand wird bevorteilt«. In den Gesprächen der vergangenen Jahre habe sich ein gemeinsames Interesse der vier Länder »herauskristallisiert«, dass nämlich »mit dem Rennen andere Geschichten über die Region erzählt werden können, dass sie anders in den Medien erscheinen, nicht nur als Krisenregion«.

Die Organisatoren hoffen auf etwa 500 Teilnehmer aus allen vier Gastgeberländern und dem Ausland. Als Budget sind 1,5 Millionen Euro veranschlagt, die durch Teilnehmergebühren und Sponsoren zusammenkommen sollen. Anvisiert ist eine Aufnahme des Rennens in den Kalender des Weltverbands UCI, was den Start von Profis befördern würde. Am Testlauf nimmt die Niederländerin Annemiek van Vleuten teil. Ihre ersten Eindrücke könnten kaum besser sein: »Es ist schon speziell, am Sonntag noch bei Lüttich–Bastogne–Lüttich gefahren zu sein und jetzt hier am Start zu stehen. Aber es ist eine schöne Sache. Und meinen Freunden kann ich nur empfehlen, an diesem Etappenrennen teilzunehmen. Die Straßen sind okay. Gefahren habe ich keine verspürt, und es machte auch kein Problem, dass ich hier als Frau in Rennkleidung unterwegs bin.« So nimmt die Middle East Peace Tour Gestalt an.

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