Aus: Ausgabe vom 26.04.2017, Seite 11 / Feuilleton

Die Pachtzins-Saga

Sie sind gar nicht im Burger-Geschäft! Die Entstehung des McDonald’s-Imperiums im Biopic »The Founder«

Von Peer Schmitt
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»Could be the new American church« – Ray Kroc (Michael Keaton) mit seinem ersten McDonald’s-Burger

Tagtäglich ernähre die Firma McDonald’s ein Prozent der Weltbevölkerung, heißt es. Wie konnte (möglicherweise musste) es dazu kommen? »The Founder« versucht das zu beantworten. Anhand der Biographie des Firmengründers Ray Kroc (Michael Keaton). Warum heißt die Kette nicht »Kroc’s«? Das ist bereits eine der Pointen dieser Saga, die 1954 ihren Anfang nahm. Ray Kroc versuchte da noch als ziemlich abgehalfterter Handelsvertreter von Anfang 50, Eisdielenbesitzer davon zu überzeugen, dass sie einen neuen Mixer brauchen. Meist vergeblich.

Mit einem dieser Verkaufsgespräche beginnt der Film. Michael Keaton monologisiert nervös zuckend und mit seinem charakteristischen sanften Lispeln direkt in die Kamera hinein. Er faselt unausgegorenes Zeug von der Henne und dem Ei, das Angebot bestimme die Nachfrage … das Ei und die Henne, folgen Sie der Logik?

Am Abend sitzt er einsam im Motelzimmer, säuft flaschenweise »Canadian Club« und hört auf seinem Kofferplattenspieler offensichtlich eine vertonte Version des Unternehmer-Motivations-Bestsellers »The Power of Positive Thinking«. Davon übernimmt er sein Motto: »Persistence and determination alone are omnipotent.« (Einzig Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit sind allmächtig). In seiner 1977 erschienen (zum Film wiederveröffentlichten) Autobiographie mit dem überaus unsympathischen, aber irgendwie doch genialisch treffenden Titel »Grinding it out – The Making of McDonald’s« wird dieses Motto direkt zitiert. Die Unternehmensphilosophie der Knochenmühle, des Rackerns (»grind«): Phrasen aus zweiter Hand.

Wiederholt ist in dem Film zu sehen, wie Ray Kroc große Reden nach diesem Muster zu schwingen versucht. Der historische Ray Kroc (er verstarb 1984) war nicht zuletzt ein großer Unterstützer von Ronald Reagan, beide übrigens »Jungs aus Illinois«. Gerne gab Kroc der US-amerikanischen Jugend auch sein bodenständiges Erziehungsideal zum Geleit: »Es gibt bei uns zu viele Akademiker und zuwenig Metzger«, heißt es in »Grinding it out«. (Ob ihm klar war, dass der Siegeszug von McDonald’s den globalen Untergang lokaler Metzgereien bedeuten musste, ist nicht überliefert.)

»Den ersten trumpistischen Film dieser neuen Ära« hat der Kritiker des New Yorker, Anthony Lane, in seiner Rezension »The Founder« genannt. Nicht umsonst sagt Michael Keaton gegen Ende Sachen wie: »Business is war.« Diesen martialischen Leitspruch gibt er ausgerechnet den eigentlichen Gründern, den Brüdern Dick und Mac McDonald, mit auf den restlichen Lebensweg. Ganz so brutal zynisch war der historische Kroc wohl nicht. Von Krieg ist in seinen (dennoch ziemlich fiesen) Memoiren nicht gleich die Rede. Was ihn allerdings nicht daran hinderte, den McDonald-Brüdern alles zu rauben, vom Unternehmen über dessen Konzept und Logo (die weltweit leuchtenden »Golden arches«) bis zum Familien- bzw. Firmennamen selbst. Denn dieser Name ist bereits die halbe Miete. Stolz zitiert Kroc in seinen Memoiren einen Artikel, den Bestsellerautor Tom Robbins seinerzeit für Esquire verfasste: »Columbus discovered America, Jefferson invented it, and Ray Kroc Big Mac’d it.« Ein fortschreitender Siegeszug der Zuhältermoral zweifelsohne.

Der historische Ray Kroc wusste ziemlich genau, was er tat und was er an dem gestohlenen Namen hatte. Doch war er wirklich so smart wie die Filmversion, die mit diabolischer Eloquenz den beiden bodenständigen Imbissbesitzern den Mund wässrig macht, indem sie die Tragweite der goldenen Bögen mit der US-Landesfahne und dem christlichen Kreuz (den hegemonialen Zeichen schlechthin also) vergleicht? »McDonald’s could be the new American church«, verspricht dieser Ray Kroc so großspurig, als würde er all die soziologischen Werke zu speziell dieser Zeichenökonomie bereits kennen. Werke wie »The McDonaldization of Society« (1996) und »Enchanting a Disenchated World – Revolutionizing the Means of Consumption« (2005) des stolz auf den Spuren Max Webers wandelnden Soziologen George Ritzer oder auch »The Sign of the Burger – McDonald’s and the Culture of Power« (2002) von Joe L. Kincheloe. Darin sind die Namen »McDonald’s« und »Disney« universelle Chiffren einer spätkapitalistischen Zeichenökonomie (des Brandings, des standardisierten Spektakels und des Pachtzinses). Zufälligerweise spielte im vorherigen Film des Regisseurs John Lee Hancock, »Saving Mr. Banks« (2013), Tom Hanks die Rolle des historischen Walt Disney.

Am Anfang von McDonald’s stand der gute alte Rationalisierungsprozess. Ray Kroc befindet sich zunächst mitten im 50er-Jahre-Popmythos von Drive-ins und Teenagerkultur (die er, erzreaktionär, wie er ist, inständig verabscheut), als er im kalifornischen Nest San Bernardino eine Blondine orgiastisch einen Hamburger verspeisen sieht. Entscheidend ist, dass dieser allererste McDonald’s so gut wie keine Wartezeiten kennt. Alles läuft wie geschmiert. Kroc lässt sich von den Brüdern die Abläufe in ihrem Laden erklären. Sie haben schlicht das fordistische Fließbandprinzip auf die Burgerbraterei übertragen und der Belegschaft auf einem Tennisplatz die entsprechenden Arbeitsabläufe eingedrillt, sie nennen es »Ballett der Effizienz«.

Kroc überredet sie zu einem Versuch, das Konzept zwecks Expansion zu »verpachten«. Ein Vertrag wird aufgesetzt. Kroc wird zum obersten Handelsvertreter des Franchisemodells. Zunächst weitet er den Rationalisierungsprozess aus, um Material- und Lagerkosten senken zu können (Milchpulver statt Milch, um einen Milkshake zu produzieren). Man kann es auch so knapp wie treffend (bereits die halbe Max-Weber-Theorie des »Rationalierungsprozesses« vorwegnehmend) formulieren wie seinerzeit ein gewisser Karl Marx: »Der Fortschritt der Industrie liefert weniger kostspielige Existenzmittel« (»Rede über die Frage des Freihandels«, MEW 4).

Die McDonald’s-Brüder reagieren allergisch darauf. Sie sind vom alten Schlag, behaupten sogar, jedwede Art von »Commercialism« zu verachten (ein Sponsoring von Coca Cola z. B. kommt für sie nicht in Frage). Das ist aber noch das geringste Problem von Krocs Expansionskurs. Laut Vertrag stehen ihm läppische 1,4 Prozent vom Gewinn jeder Filiale mit »verpachtetem« Namen und Konzept zu. Eigenkapital hat er praktisch keins. Er kommt kaum über die Runden und nicht mal an Bankkredite. Da tritt sein Anwalt Harry J. Sonneborn auf den Plan. Der in Wahrheit zentrale Mann der McDonald’s-Saga. Er prüft die Bücher und kommt zu dem Fazit: »Sie sind gar nicht im Burger-Geschäft, Sie sind im Immobiliengeschäft!« Der folgenschwere Satz steht wortwörtlich so in Krocs Memoiren.

Die Idee für den Durchbruch: die Grundstücke kaufen, auf denen sich die Restaurants befinden. Mehr Pacht kassieren, Eigenkapital anhäufen usw. Grund und Boden gehören dabei bekanntlich zu den traditionelleren Produktionsmitteln.

Bis heute ist das Unternehmen McDonald’s einer der größten Grundstückseigentümer der Welt, heißt es im Abspann des Films.

Bleibt nur die Frage, wie Kroc die Brüder um ihren Namen erleichterte, ohne Tantiemen zu bezahlen. Im Film beantwortet er sie selbst: »Verträge sind wie Herzen dazu da, gebrochen zu werden.«

»The Founder«, Regie: John Lee Hancock, USA 2016, 115 min, bereits angelaufen

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