Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Traumatisierte Kinder

Im nordirakischen Sindschar ermöglicht die jesidische Selbstverwaltung die Rückkehr der Geflüchteten. Doch der Westen erschwert das

Von Peter Schaber, Khanasor
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Kinder in Khanasor: Die jesidische Selbstverwaltung bemüht sich um den Aufbau eines eigenen Schulsystems

Der alte Mann mit breitem Schnauzbart und rot-weißer Kefiyeh in den Straßen Khanasors ist aufgebracht: »Uns geht es derzeit nicht gut. Die KDP greift uns an, wir können wieder nicht rüber nach Sinone, wir haben kein Brot, nichts kommt durch.« Er greift in einen großen Stoffbeutel und dreht eine Zigarette aus frischem Kerse-Tabak, dann zeigt er auf die andere Straßenseite: »Siehst du diese Pflanzen da drüben?« Ein kleiner Strauch, ein mittelhoher und ein – für die Verhältnisse des Mittleren Osten – hoher Baum wachsen dort. »Alle drei hat Gott geschaffen, in allen dreien drückt er sich gleichberechtigt aus. Keine der verschiedenen Formen hat das Bedürfnis die anderen zu zerstören, damit es nur eine gebe. Warum ist das bei Menschen anders? Christen, Jesiden, Muslime – sie alle hat Gott geschaffen. Warum gibt es Kräfte, die alle anderen unterwerfen wollen?«

Er meint die Türkei und ihren lokalen Verbündeten, die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) des Clanchefs Masud Barsani. Letztere herrscht, seit zwei Jahren ohne demokratische Legitimation, in der Kurdischen Autonomieregion (KRG) im Nordirak. Derzeit arbeitet sie daran, sich wieder die nordirakischen Jesidengebiete rund um Khanasor und das Sindschar-Gebirge einzuverleiben.

Bereits vor 2014 hatte die KDP die Sindschar-Region kontrolliert, doch dann kam die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS). Die Peschmerga-Truppen Barsanis liefen trotz materieller Überlegenheit davon und ließen die jesidische Bevölkerung im Stich. Der IS mordete und raubte, vergewaltigte und versklavte die Frauen. Der Großteil der Bevölkerung floh in die Hochebene des Sindschar. Guerilla­einheiten der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungskräfte aus Nordsyrien (YPG bzw. YPJ) und jesidische Freiwillige hielten die Terrormiliz auf.

Mit dem Kampf gegen Daesh, wie der IS im Arabischen genannt wird, entstand ein neues Selbstbewusstsein der Jesiden. Sie begannen, eigene Institutionen aufzubauen. Es entstanden der Aufbaurat des Sindschar sowie kommunale Räte in den Gemeinden. Ein Frauenrat, Schulen, Akademien, Verwaltungsgremien für die Versorgung der Bevölkerung und Kulturzentren wurden ins Leben gerufen. Zugleich formierte sich eine eigene militärische Kraft, die Yekineyen Berxwedana Sengal (YBS) und deren Fraueneinheiten YJS.

Die Situation war dabei, sich zu beruhigen, Familien kehrten in die Städte am Fuß des Sindschar-Berges zurück. Wer durch die Stadt läuft, trifft Menschen, die aus den Flüchtlingslagern in Dohuk und Saccho hierher kamen, auch Rückkehrer aus Deutschland sind dabei. Die meisten sind aus dem benachbarten Rojava, den kurdischen Gebieten Syriens, wieder in ihre Heimat gekommen. Dort waren Anfangs bis zu 8.000 Jesiden untergekommen, heute sind dort noch knapp 200 Familien im Exil. Und dennoch: Die Straßen Khanasors sind fast leer. Hin und wieder sieht man einen offenen Laden, im Schatten sitzen vereinzelt alte Männer und trinken Tee. Viele der bereits Zurückgekehrten kamen Anfang März in das riesige Camp auf der Hochebene des Sindschar, wo sie in Zelten und kleinen Lehmhütten unterkommen. Aus Angst, denn Barsanis KDP griff an den Rändern Khanasors die jesidischen Einheiten mit schweren Waffen an, sieben Menschen starben.

»Normalerweise unterrichten wir hier um die 100 Kinder«, sagt Xidir Said, einer der vier Lehrer in der jesidischen Kleinstadt Khanasor. »Derzeit kommen aber nur wenige.« Vor der Tür spielen etwa ein Dutzend Kinder, vor allem junge Mädchen. »Der Genozid von 2014 hat die Frauen und die Kinder am meisten getroffen. Viele der Kinder haben Schreckliches erlebt, sie haben die Leichen anderer Kinder gesehen, mit denen sie vorher befreundet waren.« Deshalb seien die Angriffe der KDP besonders perfide, erzählt der Lehrer, der selbst aus dem Flüchtlingscamp in Rojava zurückgekommen ist. »Die Kinder reagieren sehr sensibel auf Gefechtslärm. Wenn die Situation unruhig ist, schicken die Familien ihre Kinder nicht in die Schule.« Said kritisiert, dass sie beim Aufbau eines eigenen Schulsystems keinerlei Unterstützung von außen erhalten. »Im Winter kommen manche Kinder ohne Schuhe oder ohne warme Kleidung. Schon den Schulweg zu organisieren, ist wegen der Wege aus dem Gebirge sehr schwer.« Dagegen werden Barsanis KDP und mit ihm verbündete Gruppen fürstlich mit Geldern und Waffen aus den USA und Deutschland versorgt. Dabei ist offenkundig, dass der Clanchef und seine Peschmerga mit der ihnen gewährten Unterstützung vor allem eigene Machtpolitik betreiben.

Gabriel in Kurdistan

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) hat bei seinem Besuch im Nordirak am Donnerstag die Bedeutung des Kampfes gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« für die Menschen in Deutschland betont. »Der Kampf der Peschmerga verteidigt zugleich die Sicherheit Deutschlands«, sagte er in Erbil. Er griff damit auf Äußerungen seines Parteifreundes und damaligen Bundesverteidigungsministers Peter Struck zurück, der 2004 verkündet hatte, Deutschlands Sicherheit werde »auch am Hindukusch verteidigt« – und damit die Beteiligung der Bundeswehr am Krieg in Afghanistan verteidigt hatte.

In Erbil sind für die Ausbildung der Peschmerga 140 deutsche Soldaten stationiert. Die kurdischen Kämpfer haben zudem in großem Stil deutsche Waffen erhalten, unter anderem 20.000 Sturmgewehre, 400 Panzerfäuste und 1.200 Panzerabwehrraketen. Der Präsident der Autonomen Kurdenregion, Masud Barsani, bedankte sich zwar für die deutsche Unterstützung, sagte aber auch, dass die Ausrüstung für den Sturm auf Mossul nicht ausgereicht habe. Gabriel hatte zuvor neuen Waffenlieferungen eine Absage erteilt.

Barsani geht davon aus, dass der IS in der früheren Millionenstadt Mossul bald besiegt sein wird. Aber auch danach werde die Terrormiliz im Irak weiterexistieren, sagte er. Der Kampf um Mossul hatte im Oktober begonnen. Das Umland und große Teile der Stadt sind inzwischen zurückerobert.

Die Amtszeit Barsanis ist im August 2015 abgelaufen. Die anstehende Neuwahl konnte bislang wegen einer gegenseitigen Blockade der verschiedenen kurdischen Parteien im Regionalparlament nicht durchgeführt werden. Der Präsident übt sein Amt daher weiter aus. (dpa/Reuters/jW)

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