Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die schwimmende Kapelle

Von David Blum
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Vater hat nie über den Tod gesprochen. Er sah nie voraus, lebte, als gäbe es kein Morgen für ihn. Früher hatte er Hobbys, ging angeln, glaubte daran, einmal einen guten Fang zu machen. Zuletzt wühlte er nur noch in der Vergangenheit.

Ich rede über Vater, als ob er gestorben wäre. Dabei geht es ihm schon viel besser. Aber er will mich nicht sehen. Bevor das Klinikum anrief, dachte ich, dass er mich nicht mehr verletzen könnte. Ob er dasselbe gefühlt hat, damals, als seine Eltern ihn rausgeschmissen haben?

Ich kann ihn nicht danach fragen. Selbst meine Mutter ist in diesem Punkt nie zu ihm durchgedrungen. Sie hat ihre Schwiegereltern nie kennengelernt. Ich habe keinen Grund, ihr zu misstrauen. Sie ist mit der Scheidung längst durch und hat keine Probleme, sich zu erinnern. Dass Vater nie mit Magdeborn abgeschlossen hat, habe ich erst jetzt verstanden.

Meine Mutter und Theresa kannten sich bereits. Wenn wir sie besuchten, kochte Mutter für Theresa vegane Gerichte. Theresa schrieb ihr aus jedem Urlaub eine Postkarte mit einem Landschaftsmotiv. Sie redeten über entfernte Verwandte aus Schwerin und über Mutters Kollegin bei der Wohnungsgenossenschaft, die gerade Oma geworden war, und als Theresa schwanger war, fragte sie Mutter, wie es für sie gewesen wäre, mit dem Kind so lange allein.

Bis dahin hatte ich es aufgeschoben, Theresa meinem Vater vorzustellen. Zum ersten Mal seit der Scheidung sah ich Vater wieder in Gegenwart einer Frau. Es war ihm anzumerken, dass er einen guten Eindruck hinterlassen wollte. Er trug schwarze Jeans und ein gestreiftes Hemd, das ich noch nie gesehen hatte. Während wir spazierengingen, hielt er sich, die Hände in den Hosentaschen, an meiner Seite. Im Café vermied er es, Theresa in die Augen zu sehen. Er sprach sie nicht direkt an. Wenn Theresa ihm eine Frage stellte, antwortete er knapp und sah sich im Raum um. Vater redete von Henry, von Micha und von Brille, ohne Theresa zu erklären, um wen es sich handelte. Er redete über sie, als wären sie seine Freunde. Ich wusste Theresa auch nicht mehr zu berichten, als dass sie neben Vater am Tresen standen. Theresa war nach dem Treffen niedergeschlagen, und ich hatte meinen Kaffee viel zu schnell getrunken.

Wie oft bin ich an dem stillgelegten Schaufelradbagger vorbeigefahren? Einem stählernen Dinosaurier gleich steht er auf einer Abraumhalde an der A38 und wacht über die Gruben, die mit seiner Hilfe in die Landschaft gerissen wurden. Früher habe ich gedacht, Vater hätte die gewaltige Maschine alleine gezähmt. In der Führung haben wir erfahren, dass die Besatzung aus fünf Kumpeln bestand.

Mit dem Bauch fiel Theresa das Treppensteigen schwer. Aber die Betreiber des Bergbau-Technik-Parks haben bis zur Aussichtsplattform, die auf das Führerhaus gesetzt wurde, Geländer angebracht.

»Und welcher See ist es?« fragte sie und hakte sich bei mir ein.

Seit ein paar Jahren werden die alten Tagebaulöcher um Leipzig geflutet. Ich wies Theresa auf das zerklüftete Ufer hin, noch war deutlich zu erkennen, bis wohin sich die Bagger einmal vorgearbeitet hatten. Von oben sahen wir auch einen neuen Zeltplatz, der für die wenigen Camper viel zu groß erschien. Es gab einen Bootsverleih, aber alle Ruderboote schaukelten, am Steg festgemacht, verloren auf den Wellen.

Ich hatte Theresa bereits auf dem Hinweg erzählt, dass Vater mit fünfzehn vor die Tür gesetzt worden war. Dass er sein Elternhaus nie wieder betreten hatte. Dass seine Eltern seit dem Wegzug aus Magdeborn in einem Plattenbauviertel am Stadtrand lebten und er sie dennoch nie besuche. Theresa hatte zuletzt häufig in Fotoalben ihrer Familie geblättert. Ich konnte ihr nur ein gezacktes Schwarzweißbild zeigen, das Mutter gefunden hatte. Die Menschen darauf sind mir fremd.

Über das Dorf, in dem Vater groß geworden ist, hat er nie ein Wort verloren. Dabei war er es, der Magdeborn zerstört hat. Nein, das hat er nicht, Vater hat in einem anderen Tagebau gearbeitet. Aber er hat seinen Anteil gehabt. Wann immer im Süden der Stadt ein Maschinenschlosser gebraucht wurde, hat Vater sich freiwillig gemeldet. Erst nachdem Magdeborn verschwunden war, hat er sich über jede Versetzung beschwert.

Bevor wir zurückfuhren, umrundeten wir Vaters See. Der Sanddorn trug bereits dicke, orangerote Früchte. Die Sträucher sind akkurat neben das frische Pflaster gesetzt worden. Keine Stadt liegt am anderen Ufer, es ist ein Radweg ohne Ziel. An einer Stelle ragen halbe Kronen ertrinkender Bäume aus dem Wasser. Bald werden sie ganz verschwunden sein.

Auf halbem Weg in die Stadt musste Theresa sich doch ausruhen. Zu Hause hatte ich auf sie eingeredet, dass wir das Auto nehmen sollten, aber Theresa wünschte sich eine Radtour, die frische Luft würde ihr guttun. Die Bank am Kanal kam mir ungewöhnlich breit vor, ich rückte nah an Theresa heran.

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»Wenn der Kleine groß ist, muss er hoffentlich nicht in einen Steinbruch gehen, um etwas über uns zu erfahren«, sagte sie.

»Bestimmt nicht«, sagte ich und wusste nicht, warum in meiner Stimme so wenig Überzeugung lag. Wir saßen noch eine Weile schweigend am Kanal, der die Paddeltouristen aus der Innenstadt zu den Seen bringt. Irgendwo habe ich gelesen, dass das Wasser vom ausgewaschenen Eisenoxid aus den Gruben auf Jahrzehnte rostbraun gefärbt sein wird.

Tatsächlich werden auch unter dem Leipziger Stadtgebiet Kohlevorkommen vermutet. Zu DDR-Zeiten wurden Pläne gemacht, sie abzubauen. Ich weiß es von Vater. Manchmal glaube ich, am liebsten würde er auch Leipzig aus dem Weg räumen. Er hat es nie verwunden, dass sie ihn von der Maschine genommen haben. Er hat die Trennung von meiner Mutter nicht verkraftet. Vater hat tausend Tonnen Stahl bewegt, er selbst kommt keinen Zentimeter mehr voran. Während das Wasser in seinen Tagebau läuft, flutet er sich selbst. Sein Gesicht hat sich verändert. Ungestutzt steht der Bart, die Lippen sind zurückgetreten, seine Wangen eingefallen. In seinem Gesicht ist ein Loch, an das er die Flasche ansetzt.

Obwohl wir in derselben Stadt leben, habe ich mich mit Vater nur selten getroffen. Zuletzt sah ich ihn nach Leos Geburt. Für einen Moment entspannte sich sein Gesicht. Es freute mich, ihn mit Leo auf dem Arm zu sehen. Trotzdem sprachen wir im Grunde nicht. Er verfiel in Floskeln, wiederholte sich. Immer wieder sagte er, wie gut Leo es bei uns habe. Theresa ließ Leo nicht aus den Augen, für sie saß er auf dem Schoß eines Fremden.

In den folgenden Wochen habe ich nichts von Vater gehört. Eines Abends rief er an und bat mich, Leo sehen zu dürfen. Ich sagte ihm, dass das nicht gehe, wenn er getrunken habe. Außerdem sei es schon spät.

»Weißt du, wie es bei uns war? Sie haben ein Schloss vor den Kühlschrank gehängt. Sie hat immer nur die Katzen gestreichelt. Der Alte hat sich alles gefallen lassen«, sagte er, ohne eine Pause zu machen. Ich hörte ihn atmen. Dann legte er auf.

Ich erinnere mich nicht mehr, warum ich überhaupt ans Telefon gegangen bin; eigentlich vermied ich es, abends mit ihm zu telefonieren, am Wochenende schon ab dem Mittag. Je später er sich meldete, desto mehr Erinnerungen an die Zeit in Magdeborn förderte er zutage.

Ich bin mehrmals in der Klinik gewesen, aber Vater will mich nicht sehen. Sein Körper will sich einfach nicht von der Unterkühlung erholen. Offenbar ist er direkt nach unserem Telefonat an den See gefahren. Die Polizei fand sein Rad achtlos in die Böschung des Uferwegs geworfen. Seinen Führerschein hatte er schon vor Jahren verloren.

Ich erinnere mich, dass es eine sternklare Nacht gewesen ist. Leo hatte sich nicht beruhigen lassen, und ich war mit ihm auf dem Arm durch die Wohnung gelaufen.

In der Mitte des Störmthalers Sees schwimmt eine Plattform, auf der eine kleine Kapelle steht. Es ist ein heller Leichtbau mit angedeutetem Turm und Solarzellen an den Dachschrägen. Die Plattform ist dort verankert, wo sich die Magdeborner Kirche befunden haben soll.

Ich glaube nicht, dass Vater dort festmachen wollte. Wenn wir früher im Urlaub waren, ging er an jeder Kirche vorbei. Die Wasserschutzpolizei barg ihn jedoch am nächsten Morgen aus einem Boot, das in der Nähe der Plattform auf dem See trieb. Die Ruder hingen noch im Wasser. Eigentlich hätte die Strömung das Boot ans Ufer tragen müssen. Es spricht viel dafür, dass Vater versucht hat, die Position zu halten.

Man fand an Bord eine leere Flasche Whisky. Auf der Wache sagte man mir, dass Vater einen Brief bei sich trug. Ich hatte den Namen meines Großvaters ganz vergessen, er ist zwei Wochen vor Leos Geburt gestorben. Laut Polizei lag Vater beim Eintreffen der Beamten bewusstlos im Boot. Er hatte ein Ohr an die Planken gepresst, als ob er dort unten irgend etwas hören konnte.

David Blum, geboren 1983 in Potsdam, Studium der Germanistik, Komparatistik und Medienwissenschaft in Potsdam und Leipzig, derzeit Masterstudium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen u. a. in Hammer und Veilchen (2016), Poet (2016) und Tippgemeinschaft (2017). 2016 Werkstattstipendium der Bayerischen Akademie des Schreibens am Literaturhaus München. 2017 Literaturpreis Prenzlauer Berg sowie ein Aufenthaltsstipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen. Lebt mit seiner Familie in Leipzig.

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