Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 12 / Thema

Das Eigentliche bleibt unsichtbar

Vorabdruck. Streifzüge durch das Paris Walter Benjamins

Von Gerhard Wagner
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Der Flaneur verloren in den Phantasmagorien des kapitalistischen Raumes, wo der Tauschwert der Waren mittels Reklame grell überblendet wird. Eine der Pariser ­Passagen, für Benjamin Charakteristikum der »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts«

Anfang Oktober des Jahres 2013 starb der Publizist Gerhard Wagner. Für die »Thema-Seiten« dieser Zeitung hat er zahlreiche Aufsätze zu ästhetischen und philosophischen Fragen, filmhistorische Analysen und Ausstellungskritiken geschrieben. Aus seinem Nachlass erscheint in Kürze im Peter-Lang-Verlag Frankfurt am Main unter dem Titel »Prismen der Moderne« eine Monographie zu Walter Benjamin. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags veröffentlichen wir daraus vorab und leicht gekürzt einen Essay, der im Buch anstelle eines Nachworts steht. Diese »Streifzüge durch Walter Benjamins Paris« entstanden nach mehreren Aufenthalten Wagners in der französischen Metropole. (jW)

Im März 1933 verließ der deutsch-jüdische Essayist und Übersetzer, Philosoph und Kulturhistoriker Walter Benjamin, gedrängt von Gretel Karplus (der späteren Frau des Philosophen Theodor W. Adorno), die bereits unter der Herrschaft des Hakenkreuzes stehende Reichshauptstadt Berlin. Er reiste über Köln nach Paris, dann auf die Insel Ibiza. Nicht allein die sich abzeichnenden psychischen Bedrohungen waren es, die ihn und ihm Nahestehende – wie den Philosophen Ernst Bloch, den Dramatiker Bertolt Brecht und den Publizisten Siegfried Kracauer – zur Flucht veranlassten, sondern auch die kulturpolitischen Folgen des faschistischen Machtantritts. Denn durch diese wurden ihm immer mehr Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten genommen. Bis Ende September 1933 konnte Benjamin noch ein genügsames Leben auf Ibiza führen, weil die Vossische Zeitung und die Frankfurter Zeitung unter wechselnden Pseudonymen angesammelte Rezensionen und Kurzprosa aus seiner Feder druckten und es ihm gelang, eine Autographensammlung zu verkaufen. Danach aber traf ihn in Paris der so zunächst verdrängte Exilalltag um so härter.

Laissez-vous conter la ville*

Einen der schönsten Rundblicke über die Stadt bot vor Jahren noch das aus der sogenannten »Belle Époque« stammende Kaufhaus »La Samaritaine«; ein, wie Walter Benjamin sagen würde, »Tempel des Warenkapitals« also, inzwischen geschlossen, eine moderne Ruine (2010). Deutlich wies seine weiß-rote Hausflagge hier vor dem »Panorama«, zu dem man über eine Wendeltreppe gelangte, darauf hin, von wo aus man schauen und in das gängige Bild eindringen durfte. […]

Paris also von oben: graue Zinndächer mit roten Schornsteinen und verschnörkelte Balkongitter, blumenüberwucherte Dachterrassen und verschachtelte Innenhöfe in den alten Vierteln, geradlinige Avenues mit vornehmen Bürgerpalästen in den neuen. Dazwischen die kühn geschwungene Eisenkonstruktion des Eiffelturms, die verwitterten Türme von Notre-Dame, die goldene Kuppel des Invalidendoms und, ganz hinten im Norden, auf dem Hügel von Montmartre, die märchenhaft-orientalische Basilika von Sacré-Cœur, der nach der Pariser Commune erbauten eklektischen »Sühn­kirche«, weiß sich vom Himmel abhebend. Die zwanzig Arrondissements, deren Grenzen hier oben panoramatisch verschwimmen, winden sich schneckenförmig um den Kern, den auf der rechten Uferseite der Seine gelegenen Palais-Royal und den Louvre – wie alle anderen tausendfach gespiegelte, geschilderte Stätten, oft kulissenartig wirkend.

»Paris ist ein großer Bibliothekssaal, der von der Seine durchströmt wird«, schrieb Benjamin 1929, vier Jahre vor seinem Exil, noch mit dem Enthusiasmus eines Literaturpromeneurs, der stets mehr findet, als er sucht, in einem Text für die Illustrierte Vogue. »Kein Monument in dieser Stadt, an dem sich nicht ein Meisterwerk der Dichtung inspiriert hätte.« […]

Les poids des mots. Les chocs des photos

»Mésurez votre intelligence…« – Prüfen Sie Ihre Intelligenz –, forderte einst die Werbung für das Kommunikationssystem »Minitel« auf (1991). Die unterirdischen Bilder- und Wortrituale der Werbeplakate, welche das »Phantasmagorische« des Warentauschs, der universellen Meß-, Berechen- und Abrechenbarkeit ästhetisieren, das »Phantasmagorische«, das über die Gesellschaftlichkeit herrscht – aber deren produzierter Teil ist –, deuten auf sozial- und kulturkritische Ideen Benjamins. Und jene Schriftzeichen, welche die riesigen Plakatbilder mit Schlagworten kommentieren und ergänzen, wie Zündschnüre die Bildinhalte aufsprengen, erinnern hie und da an die montagehaften Negationen, Metamorphosen und Zerlegungen des Surrealismus, eine seiner wesentlichen kunstpraktischen Quellen. (Marcel Duchamp versah in seinem Anti–Bild von 1919 das Antlitz der Mona Lisa mit einem Schnurrbart.)

Sogar den Monitoren des Überwachungssystems der Pariser Métro lässt sich etwas für unsere flâneries abgewinnen, die sich ja nicht in versonnenen geistesgeschichtlichen Kavalierstouren – mit einer in Schriften und Bilder verwandelten Stadt, mit einem Benjamin-Baedeker aus magnetischen Lesefrüchten im Kopf – erschöpfen sollen. Denn diese Fern-Seher der Métro können plötzlich die Gedanken lenken zu jenem verhängnisvollen, im 19. Jahrhundert entstehenden Traum vom »système panoptique«, der von einem zentralen Punkt ausgehenden umfassenden Sichtbarkeit, flächendeckenden Kontrolle und gezielten Beeinflussung. Einem Traum, dessen staatskommunistisch-stalinistische Variante Benjamin damals, in der Pariser Isolation, nicht berücksichtigte bei der Erarbeitung seiner medienutopischen, von technikfetischistischer Alltags- und Massenreligösität nicht freien Thesen über Fotografie und Film, über die kommunistische »Politisierung der Kunst« einschließlich ihrer Wahrnehmung, welche der faschistischen »Ästhetisierung der Politik« entgegenwirken sollte. Nach Jahrzehnten entwickelter Medienkultur ist jetzt die Simulation – der Schein – zu seiner vorherrschenden Form geworden, in der die Realität er-scheint.

Wir entsteigen der Métro, Station Châtelet, in der geschäftigen rue Rivoli, lassen uns hochtreiben, fliehen vor dem Autoverkehr – und sind schon nicht mehr erstaunt über das, was da über einem »Restaurant« mit »Brasserie« und Art-déco-Plakaten in seinen Schaukästen steht: Chez Benjamin.

[…]

Faim de siècle

Eine Urwelt von, so Benjamin, »geheimnisvollen Affinitäten« tut sich auf, eine Urwelt aus den verschiedensten »Waren« und »Massenartikeln« des im 19. Jahrhundert beginnenden »Zeitalters der Massenproduktion«. Zwischen den Schaufenstern in der rue du Caire, zwischen den eiligen Einkäufern, auffällig unauffälligen Anbietern von »stupéfiant«, dem Rauschgift laut Polizeiberichten, und hin und wieder einem synthetischen Mannequin stehen eine untersetzte Blondine mit blauen Augen und in einfacher Bluse, eine große Schwarze mit dunkelbraunen Augen und im Chanel-Kostüm. Sie warten aus bekannten Gründen. »Toujours de belles occasions«, lärmt eine Leuchtschrift hier, in der »Hauptstadt der Liebe« – der käuflichen. Immer schöne Gelegenheiten.

Unweit der »prostituées«, durch welche nach Benjamin »sich Sexual- und Tauschverkehr verschränken« und Liebe (oder was er damals dafür hielt) zur »Apotheose der Einfühlung in die Ware« wird, ein »mediant«, ein Bettler. Nicht ausgehungert, nicht blind, nicht blicklos, nicht sprachlos, sondern einfach arbeits- und wohnungslos, fordert dieser eine Gabe – ohne Gegengabe. Eine kleine Negation der Tauschverhältnisse und der sie überblendenden, modisch funkelnden Neomythen von Fortschritt und Freiheit und Glück und allumfassender Menschenliebe und herrschaftsfreier Heimat, unablässig hervorgebracht von einer sich als intakt darstellenden Gesellschaft. Benjamin im Passagen-Projekt: »Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos.«

Déchetterie

Eine weitere Figur und Denkfigur würde jetzt gut in diese Passagenszenerie passen, die wir auf dem Rückweg, beim Umsteigen in der riesigen Métrostation Châtelet, sehen: ein »chiffonnier«, ein Lumpensammler. Geschickt manövriert er, in abgewetzter alter Jacke und zerrissenen Jeans, den bereits vollen Karren mit Wohlstandsmüll über den Bahnsteig.

Eine solche Figur nahm Benjamin 1930 als Symbol in seine Rezension zu dem kultursoziologischen Buch »Die Angestellten« von Siegfried Kracauer auf, dem wahlverwandten »politischen Traumdeuter«, um auch die eigene politisch-literarische Wirkungsabsicht zu bestimmen. Denn er verglich den »schreibenden Revolutionär aus der Bürgerklasse« mit einem Lumpensammler: »einem Lumpensammler frühe im Morgengrauen, der mit seinem Stock die Redelumpen und Sprachfetzen aufsticht, um sie murrend und störrisch, ein wenig versoffen, in seinen Karren zu werfen, nicht ohne ab und zu einen oder den anderen dieser ausgeblichenen Kattune ›Menschentum‹, ›Innerlichkeit‹, ›Vertiefung‹ spöttisch im Morgenwinde flattern zu lassen, frühe – im Morgengrauen des Revolutionstages«.

Comptoir des traditions

Durch zwei weitere der bekanntesten alten Passagenbauten des französischen Bürgertums, die Galerie Vivienne und die Passage Colbert, gelangen wir zu Benjamins einstmals »ersehntestem« Pariser Ort ab 1934, der Bibliothèque Nationale. Irgendwo hier, an einem der 360 Arbeitsplätze in dem großen Lesesaal der mit zehn Millionen Bänden bestückten Bibliothek, vor sich die gusseisernen Säulen des Architekten Henri Labrouste, die ihre technische Modernität mit Goldverzierungen im Konservativdesign präsentieren, über sich das schimmernde Licht der neun Glaskuppeln an der »träumerischen, lichtlosen Decke« mit gemalten Laubblättern als visuellem Echo auf die Papierblätter unten, saß er: tagaus, tagein damit beschäftigt, Unmengen von Blättern und Zetteln mit Zitaten und Entwürfen zu beschreiben. Ihm ging es dabei nicht so wie dem Schriftsteller Marcel Jouhandeau, Autor unter anderem des 1934 erschienenen Buches »Images de Paris«, dem zuletzt, wie Benjamin im Pariser Tagebuch schreibt, »eine unendliche Menge von Notizen und Spekulationen […] als ein Hemmnis auf dem Wege zum wahren Leben erschienen waren«. Denn dieser Handschriftenfundus war bestimmt für sein Opus magnum über Paris, die »Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts«, seinen großangelegten Versuch einer sozial- und kulturkritischen, von der widerspruchsvollen Erfahrung des vielgepriesenen »Fortschritts« als Kette auch von »Katastrophen« ausgehenden »Urgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts«. Einer »Urgeschichte«, welche die »Phantasmagorie der kapitalistischen Kultur«, das immergleiche Versprechen von Freiheit und Glück, die selbstbetrügerische kollektive Wunschsymbolik in technischen, architektonischen, modischen und massenkünstlerischen Produkten ausgedrückt sieht. Ein Foto von Gisèle Freund aus dem Jahre 1937 zeigt Benjamin unten im Katalogsaal, in das Studium von Karteikarten vertieft.

Es ist nicht leicht, einen freien Platz zu bekommen im Lesesaal, in dieser bibliophilen »Monade« innerhalb einer der meistbeschriebenen Städte der Welt, einer »Monade«, die so manches »Bild der Welt«, wie es in Benjamins Buch »Ursprung des deutschen Trauerspiels« von 1928 heißt, in sich birgt. In der vorderen Reihe ein alter Mann im dunklen Anzug, vor sich einen dicken, schweren Folianten. Er liest nur, macht sich keinerlei Notizen. Vielleicht geht es ihm ausschließlich um das Wachhalten, nicht um das Bannen von Wissen.

Au fil du temps

Zum historischen Flanieren mit der ihm eigenen »Treue zu den Dingen, die unser Leben gekreuzt haben«, einer »Treue«, die er an Marcel Proust so schätzte, zum empirischen Studieren der modernen »Kulturgüter« und »Monumente der Bourgeoisie«, welche nach seinem Verständnis durch die Kommerzialisierung aller Lebenssphären und die allgegenwärtige Reklame »nicht erst in theoretischer Verarbeitung ideologisch, sondern in unmittelbarer Präsenz sinnlich ›verklärt‹ werden«, blieben Benjamin wenig Zeit und Geld. Die Schecks vom 1933 nach New York emigrierten, bis dahin in Frankfurt am Main wirkenden »Institut für Sozialforschung«, für das er hauptsächlich tätig war, zuletzt im »Wettrennen mit dem Krieg«, kamen spärlich; um jeden Franc musste immer wieder nachgesucht werden. Sicher nicht mit einem so selbstbewusst-stürmischen Schritt, wie ihn – will man dem Denkmal im Hof der Bibliothèque Nationale glauben – der Philosoph Jean-Paul Sartre hatte, eher gebeugten Hauptes wird Benjamin daher zu seinen oft gewechselten, meist bescheiden ausgestatteten und schlecht beheizten Domizilen in einfachen Pariser Hotels und Mietshäusern gegangen sein. Ebenso zu seinen Gesprächen: zum Beispiel in die 7, rue de l’Odéon, wo die Schriftstellerin, Verlegerin und Buchhändlerin Adrienne Monnier »kosakisch und großmütterlich, schüchtern und sehr bestimmt« ihr 1915 gegründetes, inzwischen nicht mehr existierendes, einem Damenmodegeschäft gewichenes »Haus der Bücherfreunde« unterhielt (2010). In ihm waren auch Apollinaire, Breton, Gide, Joyce und Rilke zu Gast; 1936 erschien hier Gisèle Freunds Studie über Fotografie in Frankreich.

Notre-Dame du Travail

Aber es dominierten in diesem Pariser Exilleben das Flanieren in den Bücherschätzen der Bibliotheken, das Abgestoßensein vom – so Benjamin am 4. Juli 1936 an Alfred Cohn – »eingespielten belletristischen Betrieb« der zeitweilig rund 2.500 Pariser Exilschriftsteller, wie er sich zum Beispiel 1935 auf dem Kongreß zur sogenannten »Verteidigung der Kultur« präsentierte. Es dominierten der Beobachterstandpunkt, die Selbstisolation und nicht selten das Selbstmitleid: »Das Leben unter den Emigranten ist unerträglich, das einsame nicht erträglicher, eines unter Franzosen nicht herbeizuführen«, heißt es schon am Silvestertag des Jahres 1933 in einem Brief an den jüdischen Freund Gershom Scholem, nicht weit von der rue de l’Odéon, aus dem ehemaligen Hotel »Palace« in der rue du Four, geschrieben. »Es bleibt also nur die Arbeit, aber nichts gefährdet sie mehr, als sie so deutlich als einziges inneres Auskunftsmittel zu erkennen.«

Secret de Vichy

10, rue Dombasle. Benjamins letzte, ab Januar 1938 gemietete Wohnung vor seiner im September 1939 aufgrund der noch mehr verschärften Ausländergesetze erfolgten Internierung in Nevers (Nièvre) und seiner Flucht im Juni 1940 mit dem letzten Zug, der Paris gen Süden verließ – zuerst nach Lourdes, dann in Richtung Pyrenäen. Ein Haus mit hellbraun verputzter Gründerzeitfassade, mit Säulen und wenigen Blumen auf den Balkons, gelegen in einer engen Straße des XV. Arrondissements, unweit der Métrostation Convention. Und mit einer Gedenktafel für den »Philosophen und Schriftsteller, Übersetzer von Proust und Baudelaire«. Im Parterre rechts ein Kosmetiksalon, links: »O’Cabot de Paris – Salon de toilettage canins & felins«. Hinter diesem Signum: ein Hundefriseur. Wir ersparen uns die Frage an ihn, ob er je von Walter Benjamin gehört habe, dem Verfasser und Sprecher übrigens auch von »Wahren Geschichten von Hunden für Kinder und Jugendliche«, und zwar in der »Berliner Funk-Stunde A. G.« am 27. September 1930 – genau zehn Jahre vor seinem Tod, wahrscheinlich durch Selbstmord, nahe dem französisch-spanischen Transitort Portbou, begangen mit einer Überdosis Morphium, aus Furcht vor Abschiebung und erneuter Internierung, nachdem die spanischen Behörden kurzfristig die Grenze geschlossen hatten; von Walter Benjamin, den man wie manchen »Hund« begrub und dessen Leiche unauffindbar blieb. […]

Dicht hintereinander abgestellte Autos behindern uns mit unserem »Apparat« daran, den rechten Abstand zu dem historischen Haus mit seiner Enklave der Eleganz für den »Köter von Paris« zu finden. In ihm geschriebene Briefzeilen vom 27. März 1938 bringen sich in Erinnerung: »Für meine Person weiß ich, rund gesagt, kaum woher noch einen Begriff sinnvollen Leidens und Sterbens nehmen.«

L’espérance ne déçoit pas

An diesen und ähnlichen, gegen Ende der dreißiger Jahre immer häufiger werdenden Worten blitzt das politische Drama nicht nur der Generation Benjamins auf. Um so plastischer, wenn man geistig flaniert von jener Figur des »Lumpensammlers«, in welcher sich der »schreibende Revolutionär aus der Bürgerklasse« 1930 darstellte, der, auf den »Revolutionstag« hoffend, gängige bürgerliche Phrasen sammelt und entlarvt, zu einer anderen Figur.

Diese kommt uns aus den Hochglanzmonographien über Paul Klee entgegen, wie sie zum Beispiel die Librairie du Musée d’Orsay anbietet, des Museums für jenes 19. Revolutionsjahrhundert, das Benjamin nicht nur zu besichtigen, sondern zu durchschauen gedachte: nämlich als »Urgeschichte der Moderne«. Es ist der »Angelus Novus«, 1920 in München gemalt, ein hühnerfüßiges Geschöpf mit Hasenscharte und einer Art Lockenwickler. Benjamin stilisierte ihn in seiner letzten Schrift, den Thesen »Über den Begriff der Geschichte«, ansatzweise schon in seinen Aufzeichnungen über Karl Kraus, zum prophetischen »Engel der Geschichte«, mit aufgerissenen Augen, offenstehendem Mund und ausgespannten Flügeln. Nicht mehr nur Lumpen und Phrasen, sondern die Geröllmassen der aus der Perspektive der »Sieger« geschriebenen Menschheitsgeschichte sammeln sich vor ihm an. »Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet«, heißt es. »Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.«

Die einstige – wenn auch vage – Revolutionshoffnung ist in eine resignative, eine enggeführte Geschichtssicht gekippt, die radikal den geschichtsoptimistischen Begriff des »Fortschritts«, aber auch den der »Revolution« in Frage stellt. Ein Reflex auf den Faschismus, aber auch auf die von Brecht und anderen nach Paris berichtete »zerstörende Wirkung der russischen Ereignisse«, mit denen die verstaatlichte und bürokratisierte »Arbeiterbewegung« daran ging, sich zu Tode zu siegen. »Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren«, notierte Benjamin in den an seine Thesen angrenzenden »Zentralpark«-Fragmenten und im Passagen-Projekt. »Dass es ›so weiter geht‹, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene. Strindbergs Gedanke: die Hölle ist nichts, was bevorstünde – sondern dieses Leben hier.«

Sortie – Correspondances

Umgeben von dreieckigen Wasserbassins, kleineren Glaskegeln und den im 16. Jahrhundert entstandenen Gemäuern des Palais-Royal glänzt im Hof das große gläserne Kunstwerk der Pyramide. In seinen 675 Glasvierecken werden das grell einfallende Licht und die königlichen Fassaden tausendfach gebrochen. Etwas kleinere Versionen gibt es auch an der Place du Dôme, in La Défense.

Mit konstruktiver Phantasie und, wie Benjamin es ausdrücken würde, mit »prismatischem Verstand« lässt sich vorstellen, wie sie auch spiegeln und verfremden, zitieren und montieren, was hier noch alles an Arbeitsleben und Lebensarbeit Benjamins denken lässt. So die Miniaturpassage du Perron in der rue Vivienne, über der einmal die Schriftstellerin Sidonie-Gabrielle Colette wohnte, die Benjamin 1927 zu der damals fast unzeitgemäßen Frage interviewte, ob Frauen überhaupt am politischen Leben teilnehmen sollten; die Aufschrift »Défense d’afficher« – Ankleben verboten – an einer Hauswand in der rue de l’Yvette, nahe dem Eiffelturm – Titel eines Textes über Literatur und Literaturkritik in Benjamins philosophisch-physiognomischer Prosasammlung »Einbahnstraße« von 1928; die lauten und großen Boulevards, mit denen sich der Traum des Barons George Eugène Haussmann, eines nach eigenem Zeugnis »artiste démolisseur«, eines Zerstörungskünstlers, erfüllen sollte, über den Benjamin ein Kapitel für sein kulturkritisches Jahrhundertwerk plante, der bourgeoise, exquisit despotische Traum von der absolut lichtvollen, zirkulationsfreundlichen, auch barrikaden- und bürgerkriegsfreien Capitale Paris; das zuweilen nicht nur mit Blumen, sondern auch mit einem bunt beklebten Notizheft und Kugelschreibern geschmückte Grab und das Mémorial auf dem Friedhof Montparnasse für den Dichter, Kritiker und Übersetzer Charles Baudelaire, über den Benjamin mehrere Studien schrieb; das Hotel »Floridor«, eine weitere der zahlreichen Adressen Benjamins, gelegen an der Place Denfert-Rochereau, nahe den Katakomben, dem einstigen Zentrum der Résistance, die während der letzten Lebensmonate Benjamins entstand.

L’Air du Temps

Aber das Eigentliche bleibt unsichtbar. Nicht nur das Scheitern des deutsch-jüdischen Exilanten letztlich an der weltgeschichtlichen Krisensituation. Auch der alltägliche Lebenskampf des Menschen, der diesem Scheitern vorausging; ein Kampf, der nicht museal verklärt werden darf unter Verweis auf seine vermeintliche Ausweglosigkeit; der nicht so dargestellt werden darf, als müsste er seinem Wesen nach heute gar nicht mehr geführt werden – heute, in der sich anscheinend doch so wohltuend von der schlechten Vergangenheit abhebenden guten Gegenwart.

Allen widrigen Umständen zum Trotz wollte Benjamin eine Haltung bewahren, die er vorbildhaft verkörpert sah in dem englischen Erzähler und Dramatiker Enoch Arnold Bennett, der auch eine anonyme Autobiographie »Die Wahrheit über einen Autor« (1902) publizierte. Diesen beschrieb er am 24. Juli 1933 in einem Brief an eine langjährige Freundin, die Bildhauerin Jula Radt, als »einen Mann, bei dem eine weitgehende Illusionslosigkeit und ein gründliches Misstrauen in den Weltlauf weder zu moralischem Fanatismus noch zu Verbitterung führen, sondern zu einer höchst durchtriebenen, klugen und raffinierten Lebenskunst, die dahin führt, dem eigenen Malheur die Chancen, der eigenen Schlechtigkeit die paar anständigen Verhaltungsweisen, die aufs Menschenleben kommen, abzugewinnen«.

* Erläuterungen zu den französischen Zwischentiteln

»Laissez-vous conter la ville« – Lassen Sie sich die Stadt erzählen; Pariser Tourismuswerbung (1999).

»Les poids des mots. Les chocs des photos« – Die Gewichte der Worte. Die Schocks der Fotos; Werbung für das Nachrichtenmagazin Les échos (1991).

[…]

»Faim de siècle« – Hunger des Jahrhunderts. Wortspiel mit La fin du siècle (das Jahrhundertende); Titel einer Pariser Obdachlosen-Zeitschrift (1992; 1995 gab es in Paris 50.000 Obdachlose).

Déchetterie – Mülldeponie.

»Comptoir des traditions« – Kontor der Traditionen. Weinhandlung in der rue Yvonne le Tac (Montmarte; 1999).

– »Au fil du temps« – Am Faden der Zeit entlang. Ausstellung im Musée Montmartre (1998).

– »Notre-Dame du Travail« – Notre-Dame der Arbeit. Von 1899 bis 1901 im romanischen Stil erbaute Kirche im XIV. Arrondissement, Rue Vercingétorix, nahe Gare und Cimetière Montparnasse. Die Materialien, darunter eine gußeiserne Uhr, stammen zum Teil vom »Palais de l’Industrie« der Pariser Weltausstellung 1855.

»Secret de Vichy« – »Geheimnis von Vichy«. Französische Hautpflegecreme (1992).

– Sorties – Correspondances – Hinweis auf den Ausgang und die Umsteigeverbindungen einer Métro-Station.

– »L’Air du Temps« – Die Stimmung der Zeit. Parfümmarke.

Gerhard Wagner: Walter Benjamin – Prismen der Moderne. Herausgegeben und mit einer Vorbemerkung versehen von Isa März-Toppel, Heidi Beutin und Wolfgang Beutin. Peter-Lang-Verlag, Frankfurt am Main 2017, 265 Seiten, 49,95 Euro. Erscheint Mitte Mai.

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