Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 11 / Feuilleton

Sie wissen, was sie tun

Verstören, was noch zu verstören ist: »Der Traum vom Anderssein«, das elfte Album von Mutter

Von Michael Saager
S 11.jpg
Sie können es, sie lieben es: Mutter

»Wir leben in einer Zeit, in der jeder individuell sein möchte und anders – im Rahmen dessen, was möglich ist. Doch man muss sich damit abfinden, dass die meisten Menschen eher gewöhnlich sind.« Das Zitat aus einem Gespräch mit Max Müller, dem Sänger der Berliner Band Mutter, möchte man glatt, weil’s so schön passt, mit der Songzeile aus einem Popsong von Andreas Dorau rhetorisch verstärken: »So ist das nun mal.«

Apropos »So ist das nun mal« oder »sich abfinden«: Immer wenn von Mutter die Rede ist, wird auch ihre ach so tragische Erfolglosigkeit, ihr wiederholtes Scheitern an den hundsgemeinen Marktbedingungen thematisiert. Das Bedauern schenken wir uns. Zum einen weil der Kapitalismus keine moralische Veranstaltung ist. Zum anderen wissen diese seltenen, erfreulich ungewöhnlichen Musiktypen in jeder Sekunde, was sie tun, sind also beileibe keine Opfer ihrer Sperrigkeit, des Krachs, den sie ein ums andere Mal inszenieren, um zu verstören, was noch zu verstören ist. Und natürlich weil sie es können und lieben.

Selbstverständlich wurde, der hartnäckigen Erfolglosigkeit zum Trotz, die letzten Wochen viel über Mutter geschrieben. So ist das nun mal mit Kritikerlieblingsbands, zumal mit solchen, die auf deutsch singen und trotzdem was zu sagen haben. So wie Max Müller auf dem neuen, mittlerweile elften Studioalbum. Genau: Anfang zwanzig sind die fünf Musiker nicht, eher doppelt so alt. Die Platte heißt »Der Traum vom Anderssein«, sie lärmt und dröhnt und fiept ganz wundervoll fies und wuchtig, ein bisschen so wie die mittleren bis späten Alben der guten alten Swans aus New York. Sofern sie nicht psychedelisch-krautig hypnotisiert. Das kann die Platte nämlich auch.

Live ist die 1986 gegründete Gruppe eine Bank, spielt sie dich an die Wand, das kann man sich ja denken. Und ganz vortrefflich passt zu ihrem herzlich unbehauenen Sound, dass Müller kein Ironiker ist und auch gar kein allzu großer Rätselmann, selbst wenn mal was nicht (sofort) zu verstehen ist. Müller selbst versteht einiges, den Traum vom Anderssein etwa. Unproblematisch muss er ihn deshalb ja nicht finden, er hat eben so seine Tücken und Abgründe. Wie so vieles im Leben, worüber nachzudenken sich lohnt, zwei- bis fünfhundert unterschiedlich eingefärbte Seiten hat. Und jede Menge kritikwürdige Aspekte. Lügen zum Beispiel. In »So bist du« singt Müller: »Und wieso soll ich ihm sagen, dass er lügt / Wenn er so glücklich damit ist?« Aus Liebe oder Mitgefühl zur Akzeptanz gelebter Unwahrheit. Wo sich gerade jeder noch so grundverlogene Politiker zum übereifrigen Wahrheitsretter aufschwingt, ist das doch mal, wenngleich unter Paartherapeuten ein alter Hut, ein erfrischender Gedanke. Und warum auch nicht? Wenn es allen Beteiligten gut damit geht.

Mutter: »Der Traum vom Anderssein« (Die eigene Gesellschaft/Hanseplatte)

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Feuilleton