Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Großes Geld sucht Rendite

Hinter dem Gerede: Bei Tagung von IWF und Weltbank geht es vor allem darum, den Reichen dieser Welt profitable Anlagemöglichkeiten zu bieten

Von Wolfgang Pomrehn
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Ms. Gates was there: Der weibliche Teil des reichsten Haushalts der Welt, Melinda Gates, neben Weltbankchef Jim Yong Kim am Donnerstag in Washington

In der US-Hauptstadt Washington kommen in diesen Tagen Finanzminister und Notenbankchefs aus aller Welt zur Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank zusammen. Auf dem Programm des noch bis Sonntag dauernden Treffens stehen Themen wie Investitionen in Afrika, die Förderung lokaler Finanzmärkte, Unterstützung für den Wiederaufbau privater Unternehmen in Konfliktregionen oder die Rolle der sogenannten Sonderziehungsrechte (Special Drawíng Rights; SDR).

Bei den SDR handelt es sich um Anteile an einem Währungskorb des Fonds, die selbst als Währung genutzt werden könnten. So zumindest die Vorstellung der chinesischen und einiger anderer Regierungen, denen an einer internationalen Währung gelegen ist, die anders als der US-Dollar nicht von der Politik einer einzelnen Regierung abhängig ist. Hinter den Kulissen spielen neben den Spannungen wegen der deutschen Handelsbilanzüberschüsse (siehe Text unten) auch die Diskussionen um die widersprüchlichen handels- und finanzpolitischen Signale der neuen US-Regierung, die Unruhe verbreiten, eine wichtige Rolle.

Der IWF hatte erst am Mittwoch vor der weiteren Steigerung der öffentlichen Verschuldung seines einflussreichsten Mitgliedes gewarnt. Für 2017 erwartet der Haushaltsausschuss des Washingtoner Parlaments, dass die öffentlichen Schulden in den USA 77 Prozent der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt; BIP) erreichen. Lange Zeit war China der größte ausländische Gläubiger der Vereinigten Staaten, hat jedoch diesen Titel im vergangenen Jahr an Japan abgegeben. Allerdings hält der chinesische Staat in seinem Devisenschatz noch immer »Treasuries« im Volumen von mehr als einer Billion (1.000 Milliarden) US-Dollar an US-Schuldverschreibungen. Japan hält inzwischen mehr als doppelt so viele dieser Bonds, während China sich bemüht, seinen Devisenbestand zu diversifizieren, und diesen zuletzt auch im Rahmen verstärkter Kapitalexporte etwas abgebaut hat.

Unterdessen hat Weltbankpräsident Kim Jim Yong zur Eröffnung der Tagung die Journalisten auf einer Pressekonferenz an die vielfältige Krise erinnert, in der sich die Welt befinde. Da seien die zahlreichen militärischen Konflikte, der Klimawandel – Kim sprach sogar von Klimaschocks, vermutlich auf die Zunahme schwerer Unwetter anspielend –, die schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Ende des zweiten Weltkrieges und eine Hungerkatastrophe in Teilen Ostafrikas und dem Jemen, die die Vereinten Nationen als die gefährlichste seit 70 Jahren bezeichne. Gleichzeitig sei die Welt durch Digitalisierung, Internet und bessere Verkehrsmittel enger zusammengerückt. Jeder Mensch sehe jetzt, wie anderswo die Menschen leben, und das wecke bei vielen große Erwartungen und Ansprüche an die eigene Zukunft.

Als Lösung schwebten ihm neue Wege vor, privates Kapital zu mobilisieren. Zugleich machte sich der Weltbankpräsident Sorgen um die (zumeist superreichen) »Geldgeber«. Es müssten Mechanismen gefunden werden, wie die finanziellen Risiken für Investitionen in Entwicklungsländern minimiert werden könnten. »Billionen von US-Dollars« lägen ungenutzt herum und brächten wenig Zinsen ein. Ihre Besitzer seien auf der Suche nach besseren Renditen. Dieses Kapital sollte mobilisiert werden, um die »explodierenden Erwartungen der Menschen in aller Welt« zu erfüllen, eine Aufgabe, viel dringender als bisher gedacht.

Die Lage im subsaharischen Afrika, eines der Themen auf der Frühjahrstagung der beiden Finanzinstitutionen, wird vom IWF trotz oft kräftigen Wachstums in den letzten Jahren, als schwierig eingeschätzt. 2016 hätten die BIP-Zuwächse in vielen Ländern nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten können, seien damit also praktisch Rückgänge gewesen. Das habe unter dem Strich eine Zunahme der Armut bedeutet. Allerdings sei die Entwicklung sehr uneinheitlich. Besonders Rohstoffexporteure wie etwa Nigeria wurden wegen der niedrigen Preise in erhebliche ökonomische Turbulenzen gestürzt. Angola und Nigeria kämpften mit sinkenden Einnahmen wegen des 2014 abgestürzten Rohölpreises. Andere Länder südlich der Sahara, so eine Kurzanalyse des IWF, hätten 2016 indes ein robustes Wachstum gezeigt. Der Grund seien laufende Investitionen in die Infrastruktur und die starke Zunahme des privaten Verbrauchs. Doch auch in diesen Staaten gebe es eine wachsende Sorge, ob diese Entwicklung nachhaltig sei.

Ein Beispiel dafür ist Äthiopien, eines der ärmsten und gleichzeitig ältesten Länder der Welt. Zwischen 2003 und 2015 ist dessen Wirtschaft nach Weltbank-Angaben um durchschnittlich 10,8 Prozent pro Jahr gewachsen. Das hört sich gewaltig an, aber die Ausgangsbasis war denkbar klein. Zudem wuchs die Bevölkerung um 2,5 Prozent pro Jahr. Für die nächsten Jahre wird eine Zunahme der Wirtschaftsleistung von etwas mehr als acht Prozent per annum erwartet.

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