Aus: Ausgabe vom 21.04.2017, Seite 12 / Thema

Präventive Konterrevolution

Vor 50 Jahren putschten sich die griechischen Obristen an die Macht. Sie ­versuchten damit, einer Verschiebung des politischen Kräfteverhältnisses nach links zuvorzukommen

Von Dennis Püllmann
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Nach dem Putsch verhaftete die griechische Armee systematisch politische Gegner – Soldaten patrouillieren durch Athen (22.4.1967)

Das erste Kapitel des bislang unübersetzten Romans »Countdown« von Pandelis Prevelakis trägt einen wunderbaren und für den Verfasser ungewohnt ironischen Titel: »Von der heilsamen Kraft eines Staatsstreichs«. Es beginnt mit dem Erwachen eines durch und durch bürgerlichen Professors für Geschichte an der Athener Universität. Totenstille liegt über der Stadt, die Morgenzeitung ist nicht ausgeliefert, die Haushälterin nicht zur Arbeit erschienen: »Es bestand kein Zweifel, etwas hatte den Rhythmus der Welt gestört! Er drückte den Knopf am Radio – ebenfalls stumm. Ein unregelmäßiges Brummen zeigte zumindest an, dass der Sender nicht tot war, nur strahlte er nichts aus. Wieder ging er ans Fenster, suchte den Horizont des Viertels ab. Nirgends eine Menschenseele. Er lief zum Telefon, die Verbindung war unterbrochen. Alexandros erschauderte. Er nahm den Hörer der Sprechanlage ab, um den Portier zu fragen, doch in diesem Augenblick begann das Radio aus dem Schlafzimmer zu rauschen. Aus den anderen Wohnungen des Mehrfamilienhauses fügte eine große Menge von Radiogeräten ihr eigenes Brausen hinzu: Es ist den Bürgern verboten, sich zu bewegen! Es ist verboten, an den Fenstern zu stehen, die Nase zur Tür herauszustecken, sich miteinander zu treffen, die Lage zu diskutieren, seine Ansichten oder sein Denken zu bekunden!‹ – Das war der Tenor der Ausstrahlung. Das Radio verstummte und begann wieder zu summen. Die Falle war zugeschnappt. Alexandros strengte sich an, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Wer hatte den Staatsstreich unternommen? Die Rechte? Die Linke? Die Rechte war seit Jahren an der Macht, ihr Staatsstreich würde nur eine noch größere Kontrolle über die Bürger bedeuten. Sollte sich die Linke erhoben haben? Das schien unwahrscheinlich, sie hätte die Antwort sogleich aus den Gewehrläufen der Herrschenden erhalten. Also die extreme Rechte.«¹

Es ist Freitag, der 21. April 1967, und die Frage, wer da die Macht ergriffen hat (und dank der Unterstützung vor allem der USA die nächsten sieben Jahre behaupten kann), wird sich bald klären. Der bis heute leidenschaftlich diskutierte Punkt war eigentlich nur, welche die wirklich treibende Kraft hinter dem Coup d’état der extremen Rechten war: das Militär, der Palast oder die US-Botschaft. Oder in etwas anderen Kategorien: die einheimische griechische Oligarchie oder eher das fremde Kapital. Ausgeführt jedenfalls wurde der Staatsstreich von einer Gruppe von Offizieren mittleren Ranges, den berüchtigten Obristen, die nicht länger auf einen Befehl des allzu zögerlichen Königs Konstantinos II. und seiner Generäle warten wollten und an deren Spitze schon damals eine Troika stand: Georgios Papadopoulos, Stylianos Pattakos und Nikolaos Makarezos. Deren relativ niederer Rang wie auch ihre soziale Herkunft war für viele Angehörige der herrschenden Klasse wie etwa Eleni Vlachou, die Eigentümerin der konservativen Zeitung I Kathimerini, der eigentliche Skandal dieses Putsches. Da ähnelte man durchaus jenen deutschen Konservativen, die mit dem Ermächtigungsgesetz von 1933 zwar wenig Probleme hatten, sich aber dennoch anfangs nicht so recht für »den Gefreiten Hitler« begeistern konnten. Die neuen Machthaber blieben für die über äußerst gesunde Klasseninstinkte und -ressentiments verfügende Athener Großbourgeoisie Bauern aus der Provinz. Aber diese Bauern verstanden ihr Geschäft, einige von ihnen waren in den USA oder in der Bundesrepublik in urbaner Aufstands­bekämpfung und psychologischer Kriegführung ausgebildet worden.

Tausende Festnahmen

In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag lassen die Militärs Panzer in der Hauptstadt auffahren, in den Straßen patrouillieren Fallschirmjäger, manche von ihnen mögen anfangs noch geglaubt haben, es handele sich um ein Manöver. Sofort werden die Fernmeldezentrale, der staatliche Rundfunksender und die Redaktionsräume und Druckereien der Tageszeitungen besetzt. Allein in dieser ersten Nacht werden mehr als 6.000 Menschen verhaftet, darunter der konservative Ministerpräsident Panagiotis Kanellopoulos, die Anführer der Opposition Georgios und Andreas Papandreou und der Dichter und Kommunist Giannis Ritsos. Am Ende des ersten Tages wird man über 10.000 Festnahmen vermelden können, und innerhalb der ersten Wochen des Regimes werden Tausende von Gefangenen auf die wasserarme Insel Gyaros in der südlichen Ägäis und später dann nach Leros deportiert. Der Zentrale Nachrichtendienst KYP verfügte über umfassende Namens- und Adresslisten, die vorschriftsmäßig im Zusammenhang mit dem vom NATO-Hauptquartier ausgearbeiteten Prometheus-Plan geführt und in den letzten Monaten ständig aktualisiert und noch erweitert worden waren, um im Falle eines Konfliktes mit den Staaten des Warschauer Paktes (der »slawokommunistischen Gefahr aus dem Norden«) oder bei für die »nationalgesinnten Kräfte« ungünstigen Wahlausgängen, bzw. wann immer man es eben für geboten hielt, gegen die Linke im Land vorgehen zu können. Nun zeigte sich auch, dass der griechische »tiefe Staat« seine alten Feinde niemals vergessen hatte. Viele der auf den Fahndungslisten geführten Personen hatten das Gefängnis oder die Verbannungslager schon unter der Diktatur von Ioannis Metaxas, in der Zeit der deutsch-italienischen Besatzung, während des Bürgerkrieges und in den auf diesen folgenden sogenannten Steinernen Jahren kennengelernt – und waren inzwischen weit in den sechziger oder siebziger Jahren.

Zu den wenigen, die ihrer Verhaftung vorerst entgehen konnten, gehörte Mikis Theodorakis. Aus einem Versteck heraus schickte er seine Aufrufe zum Widerstand und Lieder für eine »Patriotische Antidiktatorische Front« in die Welt, über Radiostationen in Rumänien gelangten sie sogleich nach Griechenland zurück. Das Regime reagierte mit einem allgemeinen Verbot sämtlicher Werke des bedeutendsten Komponisten des Landes, bereits das Abspielen seiner Lieder stand fortan unter Strafe. In einer Meldung der französischen Presseagentur AFP vom 21. September heißt es: »Das Militärgericht von Athen hat drei Personen zu Gefängnisstrafen zwischen drei und vier Jahren verurteilt. Ein Angeklagter ist verurteilt worden, weil er Schallplatten von Mikis Theodorakis angehört, der andere, weil er griechischsprachige Sendungen des Rundfunks sozialistischer Länder gehört, der dritte, weil er einem Kommunisten Unterschlupf gewährt hatte.«²

Vier Monate nach der Nacht des 21. April wird auch Theodorakis gefasst. Von einzelnen misslungenen Festnahmeversuchen abgesehen, verlief der erste Tag der »Revolution des nationalen Heils« jedoch ganz nach Plan, auf den Straßen herrschten Ruhe und Ordnung, das heißt die Militärpolizei. Einzig in Iraklion auf Kreta soll es zu einer größeren Protestkundgebung gekommen sein. Um 19 Uhr war das neue Regierungskabinett im Beisein des Königs offiziell vereidigt. Eigentlich war für diesen Freitag abend die griechische Premiere von Samuel Becketts »Endspiel« angesetzt gewesen.

Die Maßnahmen der ersten Tage zeigen, woher der Wind weht. Die nicht eben freiheitliche Verfassung von 1952, mit der die Rechte ihren Sieg im Bürgerkrieg besiegelt hatte, wird durch einen (fingierten, von Konstantinos nachträglich jedoch gebilligten) Königlichen Erlass bis auf Widerruf aufgehoben. Es herrscht Ausgangssperre, Versammlungen von mehr als fünf Personen – im Freien wie in der eigenen Wohnung – sind untersagt; alle Schulen und die Universitäten bleiben bis auf weiteres geschlossen. Militärische Sondergerichte sowie Kontrollausschüsse im Generalsekretariat für Presse und Information, zuständig für Kino, Theater, Verlage, Musik etc., werden eingerichtet. Die beiden linken Zeitungen Avgi (Morgenröte) und Dimokratiki Allagi (Demokratischer Wandel) werden verboten, die liberale und konservative Presse wie auch der Briefverkehr der Zensur unterstellt. Die Bildung von Organisationen mit gewerkschaftlichen Zielen sowie Streiks sind strengstens verboten, zahlreiche Gewerkschaftsverbände werden liquidiert, sämtliche politischen Parteien gelten als aufgelöst. Zu diesem Zeitpunkt ist die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) bereits seit zwei Jahrzehnten verboten, leben diejenigen ihrer Kader und Intellektuellen, die nach der Niederlage der Demokratischen Armee Griechenlands der Verhaftung entgehen konnten, im Exil in den osteuropäischen Volksdemokratien, in der DDR oder in Paris. Aus dem Radio ertönt Marschmusik.

Bürgerliche Herrschaft

Aus der Sicht der Militärs war es höchste Zeit für einen Putsch. Für den 28. Mai waren Parlamentswahlen angesetzt, ein Sieg der in der liberalen Zentrumsunion von Georgios und Andreas Papandreou vereinten Kräfte galt als sicher, mit Gewinnen für die Vereinigte demokratische Linke, in der sich tatsächlich nicht wenige Inlandskommunisten organisiert hatten, war zu rechnen. Eine Revolution stand nicht an, allenfalls vielleicht eine Annäherung des linken Flügels der von Kanellopoulos geführten ultrakonservativen Nationalen Radikalen Union und des ziemlich rechten Flügels der Zentrumsunion. Aber auf das Griechenland der 1960er Jahre traf eben voll zu, was Herbert Marcuse 1971 nicht zuletzt unter dem Eindruck der über das Land herrschenden Junta in »Konterrevolution und Revolte« schreiben wird: »Die Konterrevolution ist weitgehend präventiv; in der westlichen Welt ist sie es ausschließlich. Hier gibt es keine neuere Revolution, die rückgängig gemacht werden müsste, und es steht auch keine bevor. Und doch schafft die Angst vor einer Revolution gemeinsame Interessen und verbindet verschiedene Stadien und Formen der Konterrevolution von der parlamentarischen Demokratie über den Polizeistaat bis hin zur offenen Diktatur.«³

In der Zeit ihres siebenjährigen Regimes sollte sich zeigen, dass die Militärdiktatur tatsächlich eine Form bürgerlicher Herrschaft war und keineswegs eine strikt monarchistische Aktion. Die Rolle des Königshauses, ja dessen Fortbestand war verhandelbar, die der Gewerkschaften war es nicht. Nach einem von den Obristen erwarteten und zum Scheitern verurteilten Gegenputsch des Königs im Dezember 1967 begab sich Konstantinos, ohne jedoch formell abzudanken – und er betrachtet sich bis heute als legitimen König der Griechen –, mitsamt seiner Familie inklusive Zofen und Leibarzt nach Rom und später nach England, der traditionellen Schutzmacht der griechischen Monarchie und Hegemon im östlichen Mittelmeer. Etwa 4.000 Anhänger des Königs wurden verhaftet, und der bisherige stellvertretende Verteidigungsminister Georgios Zoitakis wurde als Kronregent eingesetzt. Durch eine neue Verfassung wird 1968 die Macht des Monarchen ebenso wie die des Parlamentes zugunsten der Regierung und vor allem des Militärs drastisch beschnitten, unter anderem verliert er die Befehlsgewalt über die Streitkräfte. Am 1. Juni 1973 vollziehen die Obristen nach der Aufdeckung einer weiteren gegen sie gerichteten Verschwörung innerhalb der stets noch königstreuen Kriegsmarine dann genau jenen revolutionären Akt, den zu verhindern Churchill das Land dereinst in den Bürgerkrieg gestürzt hatte: die konstitutionelle Abschaffung der Monarchie und die Ausrufung einer (autoritären) präsidialen Demokratie. Zu deren Präsidenten ernennt sich Papadopoulos bis auf weiteres, das heißt: bis zum 1. Juni 1981, selbst.

Nachdem sie ihre Macht gefestigt haben, geben sich die Obristen zunächst liberaler. Die Militärtribunale verzichten auf ein Stück ihrer Macht und überlassen die Verfolgung der Kommunisten nun wenigstens teilweise zivilen Gerichten. Theodorakis darf das Land verlassen, der Hausarrest für Ritsos wird gelockert. In den Buchläden tauchen auf einmal die Gedichte Bertolt Brechts und die »Keunergeschichten« auf, und Petros Markaris kann sein bereits drei Jahre vor dem Staatsstreich vom 21. April entstandenes Stück »Die Geschichte des Ali Redscho« zur Aufführung bringen, episches Brecht-Theater, so wie es Helmut Baierl und Erwin Strittmatter in den 1950er Jahren in der DDR gemacht hatten: »Wenn ich sage, dass es ein großer Erfolg war, muss ich mich wenigstens einmal von den Prinzipien der Bescheidenheit und der Zurückhaltung entfernen und ohne Umschweife bekennen, dass die Vorstellung ›Die Geschichte des Ali Redscho‹ im Theatro Kalouta die kollektivste und ausgewogenste Widerstandsäußerung gegen die Junta im Bereich der Kunst während der ganzen Zeit der Militärdiktatur war.«4

Besetzung des Polytechnions

Doch der bürgerliche Traum von einer Militärdiktatur mit menschlichem Antlitz erwies sich bald als Illusion. Am 13. November 1973 wurde die Athener polytechnische Hochschule von Studierenden besetzt. Es war nicht die erste Besetzung in diesem Jahr, bereits im Februar und im März hatte es in Athen, Thessaloniki und Patras ähnliche antidiktatorische Aktionen gegeben. Das Regime hatte hier kompromisslos reagiert und zur Abschreckung Dutzende von Studenten zur sofortigen Ableistung ihres Militärdienstes zwangseinberufen. Diesmal aber werden die Proteste zum Aufstand, der von den Erben Metaxas’ blutig niedergeschlagen und die Erinnerung an die Jahre der Juntaherrschaft und ihre Opfer prägen wird wie kein anderes Ereignis. Die Forderungen der Studentenschaft waren zunächst zurückhaltend und nicht allgemeinpolitischer Natur: die freie Wahl ihrer Vertreter in den akademischen Gremien, eine Verlängerung der Prüfungsperiode, die Einrichtung einer Mensa. Auch ihr – im Zeichen der großen Staatsschuldenkrise in den letzten Jahren erneut in Mode gekommener – Slogan war nicht sonderlich provokant: Psomí, paidía, elefthería – Brot, Bildung, Freiheit. Doch bald schlossen sich Studenten der Athener Universität, Oberschüler und Arbeiter dem Protest an und sorgten für eine Radikalisierung der Forderungen, zeitweise sollen sich mehr als 15.000 Menschen auf dem Gelände des Polytechnions aufgehalten haben. Auch in anderen Vierteln kam es nun zu Demonstrationen, so vor dem Ministerium für öffentliche Ordnung. Hier waren es die Athener Arbeiter, die die Mehrzahl der Protestierenden stellten (und aus ihren Reihen werden, das wird oft vergessen, auch die meisten Verhafteten dieser Tage stammen).

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Die Besetzung des Athener Polytechnions und die sich anschließenden Auseinandersetzungen, bei denen es zahlreiche Tote gab, leiteten im November 1973 das Ende der Militärdiktatur ein – Studenten und Arbeiter vor der besetzten Hochschule (16.11.1973)

Kurz nach Mitternacht fahren dann Panzer vor dem Polytechnion vor, die vor Ort anwesenden Offiziere zeigen sich nicht bereit, mit den Studenten über deren Abzug zu verhandeln. Statt dessen walzt ein Panzer das eiserne Haupttor der Hochschule nieder und dringt bis auf den vollbesetzten Innenhof vor. All diese Vorgänge sind chronologisch präzise beschrieben, doch die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht bekannt. Es heißt, dass ein Teil der in der Nacht vom 17. November im Einsatz befindlichen Rettungsfahrzeuge von Angehörigen der Militärpolizei gefahren worden sei, um Schwerverletzte und Leichen verschwinden zu lassen. Die registrierten Toten kamen offiziell allesamt außerhalb des umkämpften Geländes ums Leben, auch bei ihnen handelte es sich um Arbeiter, Studenten anderer Hochschulen oder um an den Ereignissen unbeteiligte Bürger. So wurde ein junges Mädchen auf dem Balkon seines Elternhauses durch eine verirrte Kugel aus einer Maschinenpistole getötet.

Die Novemberereignisse wurden von einigen Offizieren, welche mit dem Liberalisierungskurs nicht einverstanden waren und die Restauration der vordiktatorischen Herrschaftsverhältnisse fürchteten, als Zeichen der Schwäche des Regimes und der Führungsqualitäten von Papadopoulos interpretiert. Als dieser dann eine Aufhebung des Kriegsrechts sowie die Abhaltung von Parlamentswahlen im Februar ankündigte, entschlossen sie sich zum Putsch gegen den Putschisten. Die Nacht auf den 25. November 1973 glich so ziemlich jener des 21. April 1967, nur dass es diesmal Papadopoulos selbst war, der entmachtet und festgesetzt wurde. Der neue Ministerpräsident trug den Namen Adamantios Androutsopoulos und bleibt für den Ausgang der Geschichte der Junta so bedeutungslos, wie er es bis dahin war. Der Mann hinter dem neuerlichen Staatsstreich und der eigentliche Führer des Regimes bis zu dessen Sturz war der größte Hardliner, den die Offizierskaste aufbieten konnte: Dimitrios Ioannidis, Chef der gefürchteten Militärpolizei.

Ende der Diktatur

Er führte die griechische Nation geradewegs in die Eskalation des Zypern-Konfliktes und bewirkte damit den Untergang der sieben Jahre währenden Militärdiktatur. Ioannidis war zu der Auffassung gelangt, dass eine Vereinigung der Republik Zypern mit Griechenland die Beseitigung des stets zu Verhandlungen mit der Türkei wie zur Zusammenarbeit mit der lokalen kommunistischen Partei AKEL bereiten Staatschefs Erzbischof Makarios III. voraussetzte. Was in Athen so gut funktioniert hatte, konnte in Nikosia doch nicht schiefgehen. Am Morgen des 15. ­Juli 1974 stürmte die längst von Ioannidis’ Leuten unterwanderte zyprische Nationalgarde den Präsidentenpalast, doch konnte Makarios in ein Kloster in den Bergen entkommen und sich später bis zu einem UN-Stützpunkt durchschlagen. Der Putsch und die Ernennung eines als Türkenschlächter berüchtigten rechten Terroristen zum Präsidenten der Republik führten zur türkischen Intervention am 20. Juli – der »Operation Attila« –, zur Besetzung des nördlichen Teils der Insel und zu ihrer bis zum heutigen Tage fortbestehenden Teilung. Erinnerungen an die Kleinasiatische Katastrophe, die Niederlage im Griechisch-Türkischen Krieg 1922, wurden wach.

Nun war die Junta selbst innerhalb der Streitkräfte diskreditiert: 250 Offiziere forderten eine Rückkehr des Königs, andere die sofortige Einsetzung einer zivilen Übergangsregierung. Nach dem von ihnen verschuldeten Desaster, für das vor allem der griechische Bevölkerungsteil Zyperns zu zahlen hatte, blieb den Obristen nichts anderes übrig, als endlich die Macht abzugeben. Aber an wen? Infrage kam für sie wie für die US-Amerikaner eigentlich nur der ehemalige konservative Ministerpräsident Georgios Karamanlis. Karamanlis, der sich bereits 1963 in ein komfortables Exil nach Paris begeben hatte, nachdem er bei den Wahlen vom Herbst Papandreou und dessen Zentrumspartei unterlegen war, trug zwar den Makel des Zivilisten, galt den innerhalb der Armee nun wieder ihre alte Autorität behauptenden Generälen aber immerhin als zuverlässiger Antikommunist. Er sollte Griechenland aus der von den Obristen verschuldeten nationalen Krise führen und die Phase des demokratischen Übergangs, der sogenannten Metapolitefsi, einleiten. Am 24. Juli 1974 kehrte Karamanlis im Triumph nach Griechenland zurück. Zu seinen ersten Maßnahmen gehörten die Freilassung sämtlicher politischer Gefangener, die Legalisierung der KKE und die Ansetzung von freien Wahlen, aus denen er erwartungsgemäß als Sieger hervorging. »Karamanlis oder die Panzer«, das war damals, darüber waren sich auch die Kommunisten im klaren, die einzige reale Alternative. Wie jüngst veröffentlichte Dokumente zeigen, wurde die Überwachung der griechischen Linken auch unter Karamanlis fortgesetzt und erst mit dem Wahlsieg der sozialdemokratischen Pasok unter Andreas Papandreou vom Oktober 1981 eingestellt. Der letzte Polizeibericht über Giannis Ritsos etwa datiert auf den 30. September 1981.

Anmerkungen:

1 Pandelis Prevelakis: I antistrofi metrisi, Athen 1974, S. 7ff

2 Zit. n.: Aris Fakinos/u.a. (Hg.): Schwarzbuch der Diktatur in Griechenland, Reinbek bei Hamburg 1970, S. 84

3 Herbert Marcuse: Konterrevolution und Revolte, Frankfurt a. M. 1973, S. 8

4 Petros Markaris: Wiederholungstäter. Ein Leben zwischen Istanbul, Wien und Athen. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger, Zürich 2008, S. 147

Dennis Püllmann ist Literaturwissenschaftler und Übersetzer. Zuletzt erschienen ist seine Übersetzung des Buches von Rika Benveniste: Die Überlebenden. Widerstand, Deportation, Rückkehr. Juden aus Thessaloniki in den 1940er Jahren, Berlin 2016 (Edition Romiosini).

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