Aus: Ausgabe vom 21.04.2017, Seite 11 / Feuilleton

Was kommt jetzt?

Er erschöpfte das Publikum wie kaum ein anderer: Iggy Pop wird heute 70

Von Frank Schäfer
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Ein Leben gegen Paradiesnaherwartungen: Iggy Pop (aktuelles Pressefoto)

Iggy Pops Biograph Paul Trynka kolportiert diese hübsch symbolische Anekdote: Iggy wälzt sich während eines wieder einmal vollends aus dem Ruder laufenden Konzerts auf der Bühne herum, waidwund, blutend, drogenzermürbt, bis er sich schließlich »aufrichtet und mitten auf die Bühne kotzt«. Muddy Waters, der Headliner des Abends, »schaut sich das Treiben ein paar Sekunden lang mit einer Mischung aus Faszination und Ekel an, deutet dann in Richtung der Musiker und brüllt über das Feedback hinweg: ›Gefällt mir überhaupt nicht. Die Typen sollten zusehen, dass sie ihr Ding auf die Reihe kriegen!‹« »Muddy!« schreit ein Gefolgsmann zurück. »Das ist ihr Ding!«

Man versteht sehr gut, warum keiner nach ihm spielen wollte. Iggys alter Sparringspartner Alice Cooper hat es einmal folgendermaßen ausgedrückt: »Er erschöpfte das Publikum.« Und oft genug brachte er es auch gegen sich auf, sehr gut zu hören etwa auf »Metallic K. O.«, dem Bootleg des letzten Stooges-Auftritts vor ihrer Auflösung im Februar 1974, wo die gegen Gitarrensaiten krachenden Bierflaschen zu einem wesentlichen Teil des akustischen Ereignisses werden.

Wenn Punk – in seiner existentialistischen Lesart – das totale Scheitern artistisch auf den Punkt bringt, dann sind Iggy and the Stooges Punk-Prototypen, die das Genre um eine Dekade vorwegnahmen. Nicht nur ihre Alben und Auftritte waren von einer exemplarischen Kaputtheit, auch wie sie jede neue Karrierechance mit dieser unwiderstehlichen Mischung aus Mutwillen, Provinzdeppentum und chemisch induziertem Irrwitz zunichte machen, ist schon fast übertrieben mustergültig.

Dabei hatte James Newell »Jim« Osterberg jr. durchaus eine Wahl. Die Lehrer sagen dem eloquenten, charmanten, gebildeten und dabei auch noch blendend aussehenden Bildungsbürgersöhnchen aus Ann Arbor eine glänzende Zukunft als Anwalt oder Politiker voraus. Aber dann hört er Duane Eddy, Chuck Berry, Bo Diddley, und mit dem gleichen pathologischen Ehrgeiz, mit dem er Mitglied des Debattierklubs werden wollte, wirft er sich jetzt in die Pose des Rock’n’Roll-Outlaws. Aus Jim wird Iggy. Und er schart mit den Brüdern Scott und Ron Asheton ein paar wirklich hoffnungslose Fälle um sich. Anders als er spielen sie nicht nur ein bisschen White trash.

Das hört man. Die Stooges sind stumpf, brachial, primitiv, sie reduzieren den Rock’n’Roll auf das Elementare – und im nachhinein lässt sich das durchaus als Gegenentwurf zu den psychedelisch-arabesken Etüden jener Jahre interpretieren. Songs wie »Loose«, »The Dirt« und »1970« knallen den Hippies mit ihren Paradiesnaherwartungen einen ungeschlachten, asphaltharten Brocken Detroiter Stahlstadtrealität vor die gebatikten Lätze. Und der halbnackte, austrainierte, sich schindende Iggy »verkörpert« diese Fundamentalopposition wie kein anderer. Auch deshalb sind sie live soviel großartiger, exzessiver – und auch fürchterlicher. Man merkt ihnen an, dass sie Show und Leben längst nicht mehr auseinanderhalten können. Iggy zu allerletzt.

Nach dem desaströsen Ende seiner Band nimmt ihn David Bowie unter seine Fittiche. Um auszunüchtern, ziehen die beiden 1976 nach Westberlin, wo »The Idiot« und nicht zuletzt »Lust for Life« entstehen, Iggys geschlossenstes Solowerk. Bowies Einfluss ist unüberhörbar. Nach vielen meistens eher mittelmäßigen Alben, in denen er seinen Förderer und Lebensretter nachahmt, den musikalischen Zeitgeist ein bisschen in den Schwitzkasten nimmt und auch immer mal wieder das fundamentale Krachkonzept von einst aktualisiert, finden sich Anfang der Nuller Jahre plötzlich wieder die Asheton-Brüder in seiner Garage ein. Fast so, als wäre nichts gewesen. Scott Asheton zerkloppt immer noch jedes Timing. Ron rödelt weiterhin so unbelehrbar stumpf an seiner Gitarre herum, als hätte er sein Instrument die letzten 35 Jahre nicht mehr angefasst. Und bei »Free & Freaky« blitzt sogar noch einmal der naive Enthusiasmus ihrer Jugend auf.

Aber die brachiale Stooges-Wiederkehr währt nur zwei Alben lang. Erst stirbt Scott, dann auch noch sein Bruder, und diese beiden genialischen Grobmotoriker lassen sich nicht ersetzen. Iggy probiert es zwischendurch mit zivilisationsskeptischen, Michel Houellebecq adaptierenden Chansons, als ob er den nötig, als ob das frühe Stooges-Lamento über das kranke, desperate Leben in den Vorstädten nicht mindestens genausoviel abgefeimten Nihilismus zu bieten hätte.

Aber dann winkt ihm doch noch einmal das Glück in Gestalt von Josh Homme. Wie Bowie damals vereint der Desert-Rocker und musikalische Kopf von Queens of the Stone Age alles, was Iggy jetzt braucht – er ist ein begnadeter Musik und vor allem Fan. »Post Pop Depression« heißt ihre Kollaboration vielsagend. Das Album ist nicht mehr und nicht weniger als ein Testament. Immer wieder geht es um den aufgezehrten, müden Künstler, der nur noch seinen Ruhm verwaltet. Einmal mehr kann man ihm hier beim großen Scheitern zuhören. In »Sunday« bereitet der Alte mit einem sardonischen Grinsen sogar schon mal das eigene Ableben vor. »I’ve got it all / And so what now?« fragt er, dann klingt der Song aus in einem schmalzig-weihevollen String-Arrangement – Iggys Himmelfahrt. Aber soweit sind wir glücklicherweise noch nicht. Heute wird Iggy Pop erst einmal 70 Jahre alt.

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