Aus: Ausgabe vom 21.04.2017, Seite 10 / Feuilleton

Unser Leben, weg ist es

Penetranz des Alltäglichen: Zsuzsa Bánks neuer Roman »Schlafen werden wir später«

Von Werner Jung
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Erinnerst du dich? Demo gegen die Startbahn West in Franfurt am Main 1981

Im neuen Roman von Zsuzsa Bánk, »Schlafen werden wir später«, zieht sich die Titelmetapher durch den gesamten Text. Der Alltag von Johanna und Márta, beide Anfang 40, scheint als trüber Fluss träge dahinzufließen. Die beiden schreiben sich unentwegt Mails, telefonieren, besuchen einander ab und an auch. Johanna, Lehrerin mit Ambitionen – sie schreibt an einer Dissertation über Annette von Droste-Hülshoff –, ist verlassen worden und hat eine Krebstherapie abgeschlossen, als der Mailverkehr mit der Freundin im März 2009 einsetzt. Die ungarischstämmige Márta ist als Schriftstellerin und Mutter dreier kleiner Kinder überfordert. »Später werde ich sagen«, mailt sie im Mai 2009, »die Kinder haben mein Leben weggesaugt (…), weg ist es«. Johanna geht es ähnlich: »Sieh nur, unser Leben. Unsere Tage reihen sich auch ohne unser Zutun aneinander. Irgendwas da draußen, wo unser Blick, unser Sinn nicht hinreicht, lässt sie ins Land rollen.«

Andererseits sind in diesen fiktiven Protokollen – von alltäglicher Entfremdung? – durchaus tiefe Einschnitte verzeichnet: Márta wird verlassen, Johanna promoviert … Wie das Leben halt so spielt und einem mitspielt: das Dahindümpeln und die harten Zäsuren – nebeneinander, durcheinander. Ende offen. Geschlafen wird, »wenn ich tot bin und Zeit dafür habe«, bemerkt Márta einmal lakonisch.

Das grundsätzliche Problem dieses Romans scheint mir zu sein, dass Bánk allzusehr von der Idee besessen ist, die Penetranz des Alltäglichen – in dessen literarischer Aufbereitung bereits Gustave Flaubert die größte Herausforderung und Schwierigkeit gesehen hatte – zu beschreiben. Demgegenüber müssen dann konsequenterweise andere Wirklichkeitsbereiche (Geschichte und Politik, gesellschaftliche Realitäten überhaupt) ausgeblendet werden. Sie erscheinen allenfalls als Erinnerungsreminiszenzen, etwa an gemeinsame Erlebnisse bei Demos gegen den Bau der Startbahn West in Frankfurt am Main oder an prägende Erlebnisse der Eltern von Márta (Ungarn im Herbst ’56, tiefsitzender Katholizismus). Leider sind diese spannenden Elemente nur sehr zaghaft angedeutet; über allem liegt bleischwer das düstere Grau des Alltags samt seiner Nöte und Ängste: »In meine Lebensfäden, Lebensseile, Lebensstränge hat sich eine Angst genagt, bald könnten sie reißen, ratsch, so angefressen sind sie – auf der Nachtseite vor dem ausgehenden Geld, vor Krebs, vor Schlag und Tod, der Tod meiner Eltern, mein Tod, Loris Tod, Dein Tod, Simons Tod, und die anderen will ich nicht aufschreiben, nicht einmal denken will ich sie, auf der Tagseite, dass ich vergessen habe, Windeln einzukaufen, den Wasserhahn zuzudrehen, die Kerzen auszupusten, eine Entschuldigung für die Schule zu schreiben, den Herd auszuschalten, die dreckige Wäsche aus dem Turnbeutel zu nehmen, mein Kind abzuholen.«

Zsuzsa Bánk: Schlafen werden wir später. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017, 688 S., 24 Euro

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