Aus: Ausgabe vom 18.04.2017, Seite 11 / Feuilleton

Spiralen der Erinnerung

Mit dem Verschwinden hat es nicht geklappt: Zum nicht ­unbedingt erwarteten Comeback von Die Regierung

Von Ulrich Kriest
die regierung
Wer war 1975 schon around? Die Regierung 2017 (Rossmy ist der 1.v.r.)

Der Sänger Tilman Rossmy, 58, beiger Anzug mit Hut, gut gelaunt und gut in Form, stand vergangenen Donnerstag auf der Bühne der Schorndorfer »Manufaktur« und machte eine seiner gewohnt lakonischen Ansagen: »Der nächste Song ist von 1992!« Antwort aus dem altersmäßig gut gemischten und textsicheren Ü-30- bis U-65-Publikum: »Das macht doch nichts!« Da muss sogar Rossmy grinsen: »Der war jetzt gut.« Anschließend spielte die Band ein, zwei Songs aus dem Album »So drauf« von eben 1992. Vielleicht war es sogar der Titelsong, in dem es heißt: »Und wenn das so weitergeht, / dann war das nur ’ne Episode. / Und wenn das nicht aufhört, / dann werden wir verschwinden ohne jede Spur.« Mit dem Verschwinden hat das ja schon mal nicht geklappt. Im Gegenteil, denn recht eigentlich war Die Regierung zu dem Zeitpunkt am unsichtbarsten, als sie noch existierte.

1984, als die vierköpfige Band aus Essen das Album »Supermüll« veröffentlichte, waren sie viel zu früh und erfolglos und lösten sich gleich wieder für ein paar Jahre auf. 1984, NDW war am Ende, hörte man Bands wie Geisterfahrer, The Painless Dirties oder Kastrierte Philosophen. Zwei sehr gute, aber auch prominent erfolglose Alben (»So allein«, »So drauf«) später gelang der Regierung, jetzt in Hamburg, 1994 ein Meisterwerk. »Unten« erzählte mit faszinierend anachronistischem Vokabular in durchaus luftigen Songs vom Underground der 70er Jahre, von Drogen, Paranoia, Würde und Regen. Niemand konnte Worte wie »elegant« oder »kein Freund« so schön nölen wie Tilman Rossmy, dieser Entertainer mit »seltsamem Potential«, der schon 1994 bei einem Konzert in die Runde der Zuschauer fragte, wer denn wohl von ihnen 1975 schon »around« war. Und nur Bassist Robert Lipinski nickte, weil noch etwas älter als Rossmy.

Auch »Unten« war kommerziell kein Erfolg, nicht schulbildend und dabei im Rückblick doch das »Bananenalbum« der »Hamburger Schule«. Lou Reed auf St. Pauli. Die Regierung löste sich auf. Sänger und Texter Tilman Rossmy machte solo weiter, mit neuer Band, Country-Touch und wachsendem Interesse für klassische persische Lyrik. Großartig, von mitunter erschütternder Offenherzigkeit, manchmal nah am Kitsch, immer ein ziemlich geheimer Geheimtip, aber eben auch immer noch »da«, wie er es selbst 1998 im Song »15 Jahre« formulierte: 15 Jahre im Musikgeschäft, kein Hit, die alten Freunde längst untergekommen in Werbeagenturen, Zeitungsredaktionen und Universitäten. Rossmy selbst, mit wechselnden Brotberufen, gelang das Kunststück, die Erinnerungen an das »gute, wilde Leben« in der aufregenden Szene der frühen »Hamburger Schule« wachzuhalten, die eigene Erfolglosigkeit mit eigentümlicher Lakonie zu konstatieren und aus dieser Mischung etwas ganz Eigenes zu machen: »Wir waren beinahe berühmt / Und auch das ging vorbei.«

Scheitern als Chance? Beim Konzert trägt ein Fan ein altes Die-Regierung-T-Shirt in Pink. Rossmy lacht, als er das sieht. Passt noch? Ist sogar weiter geworden, erklärt der Fan, der sich das Shirt von seiner Mutter zurückgeholt hat, als er erfuhr, dass Die Regierung hier spielen werde. Schon sehr hässlich, erklärt Rossmy. Vielleicht sogar das mit Abstand hässlichste Shirt ever. Er habe es selbst nicht tragen können. Und es habe sich auch nicht verkauft. Wahrscheinlich sei die komplette Auflage in einer Altkleidersammlung entsorgt worden. Könne also durchaus sein, dass Die Regierung an irgendeinem Ort dieser Welt gerade ziemlich populär sei. Zum Beispiel in Schorndorf bein Stuttgart, wo es an diesem Abend nur Hits zu hören gibt: von »Immer jemand im Busch« über eine sehr jazzige Version von »Charlotte« bis zum obligatorischen »Loswerden«.

2014, hieß es: »30 Jahre Supermüll«. Zur Erinnerung, oder so. Szenegrößen outen sich als Fans und Bewunderer der Regierung; die Chemie zwischen den Musikern stimmt auch noch, wenngleich Schlagzeuger Thomas Geier über die Jahre strenger geworden ist. Und jetzt also »Raus«, eigentlich kein richtiges Comeback-Album. Rossmy war eh nie weg, niemand hat auf »Raus« gewartet, und die Band weiß das auch. »Raus« soll eine Sache rund machen, die von früher noch offen ist. Das Album ist eine gut abgehangene Bilanz aus der Perspektive von zum Teil fast 60jährigen Fast-Popstars: Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Was wäre gewesen, wenn es »da draußen (...) viel mehr Kundschaft mit einem Interesse an der eigenen Geschichte« gegeben hätte? Was ist schiefgelaufen? Ist was schiefgelaufen? Es spricht für Rossmy, wenn er im Song »Konjunktiv 2« singt: »Aber ich schätze, die Kinder wollten geboren werden in der Nähe von hohen Bergen.« Also kein Blick zurück im Zorn, statt dessen Erinnerungen an das Patti-Smith-Konzert 1977 in Düsseldorf, ein gelungenes Lloyd-Cole-Cover, Geschichten von Familie und Job, von »bemerkenswerten Menschen«, vom Leben und Überleben im Scheinwerferlicht und davon, wenn es dann doch irgendwann ausgeschaltet wird. Den jungen Hörern und Nachgeborenen sei versichert: »Unsere Gegenwart ist eure Zukunft!«

Aber diese Gegenwart ist ja nicht schlecht: Die Band trifft ihre Leute. Und die Musik dazu: ziemlich gut abgehangener Proto-Punk mit seltsamen Analog-Synthie-Flächen, auf den Punkt produziert. Und, ja, durchaus leidenschaftlich, dabei würdevoll. Live klingen Die Regierung heute erstaunlich oft wie Lou Reed, live 1974, so »Sweet Jane«. Und wenn richtig gerockt wird wie bei »Runterbringer«, dann nehmen die fünf Musiker auf der Bühne Aufstellung wie Neil Young and Crazy Horse. »30 Jahre mehr« könnte sich Rossmy mittlerweile durchaus noch vorstellen, abseits von Zeitgeist und Szenen. Man hat schließlich allerhand kommen sehen. Und gehen. Jetzt erst mal ein paar Gigs mit der Regierung, dann vielleicht wieder mit dem Tilman Rossmy Quartett oder solo (eher nicht!) oder – vielleicht – auch mal ein Duo als Sänger mit Klavierbegleitung. Aber ausgemacht ist gar nichts, denn »irgendwie kommt immer was dazwischen«.

Die Regierung: »Raus« (Staatsakt)

Live: heute Hamburg, Nachtasyl; 19.4. Berlin, Berghain-Kantine; 20.4. Leipzig, Werk 2; 21.4. München, Unter Deck

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