Aus: Ausgabe vom 18.04.2017, Seite 10 / Feuilleton

Wirklichkeit von innen

Ein Ausflug nach Oldenburg, wo im Staatstheater »Die Gerechten« von Albert Camus läuft – vierzig Jahre nachdem das Stück dort abgesetzt wurde

Von Anja Röhl
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Oft versteht die unterdrückte Klasse nicht, was die Revolutionäre wollen: »Die Gerechten« in Oldenburg

In der Woche vor Ostern fuhr ich spontan nach Oldenburg. In dieses kleine Städtchen, das ganz weit im Nordwesten liegt, inmitten einer von der Fleischmafia bestimmten Landwirtschaft, wie Wolfgang Schorlau in einem Nachwort zu einem seiner Krimis schrieb.

Ich hatte im NDR-Radio einen Beitrag über ein Theaterstück von Albert Camus gehört: »Die Gerechten«. Er wird wieder am Staatstheater gegeben, wo es 1977 abgesetzt worden war – am Tag nach der Premiere hatte die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer entführt. Da das Stück von 1949 die Frage revolutionärer Gewalt verhandelt, galt es als skandalös. Im Lokalblatt, der Nordwest Zeitung wurde damals der Inszenierung von Gerhard Jelen eine »Indoktrination von eindeutig marxistischer Färbung« vorgeworfen.

»Die Gerechten« handelt von einer kleinen, isolierten Gruppe von russischen Sozialrevolutionären, die 1905 Attentate auf die Repräsentanten des Staats verüben. Später stellte sich heraus, dass die Gruppe vom Geheimdienst unterwandert worden war.

Im Kern geht es um ein Attentat auf den Großfürsten. Zuerst kann die Bombe nicht geworfen werden, weil in dessen Auto Kinder sitzen. Dabei ist der Großfürst für den Hungertod Tausender Kinder verantwortlich. An diesem Widerspruch zerreiben sich die Revolutionäre, sie sehen sich zu Mördern werden, was sie nie sein wollten, weil sie das Leben lieben. Der Großfürst wird einige Tage später allein von einer Bombe getroffen und der Attentäter festgenommen. Im Gefängnis empfängt ihn ein unpolitischer Mörder, der ihn als feinen Pinkel beschimpft. Gemordet werde doch nur aus Lust oder aber aus Not, aber niemals, wenn »man es nicht nötig habe«. Die Gegenargumente des Attentäters werden nur schwach ausgeführt. Doch es wird klar, dass die unterdrückte Klasse oft nicht versteht, was die intellektuellen Revolutionäre eigentlich wollen.

Das Stück ist zweifellos in der 1970er Jahren hochaktuell gewesen, heute weniger, da der sogenannte bewaffnete Kampf von linker Seite schon in den 90er Jahren eingestellt wurde. Was es aber gibt, ist rechter Terror. Und der geht immer gegen einfache Leute, Frauen und Kinder inbegriffen, aber fast nie gegen Staatsvertreter.

Die neue Inszenierung von Peter Hailer ist sehr textreu, sie ist vorrangig damit beschäftigt, auszuloten, in welche emotionalen Widersprüche sich die Sozialrevolutionäre verstricken und wie ihre Motive allmählich von innen zersetzt werden. Es wird auch deutlich, wie sehr staatliche Repression diesen Zerfall befördert. Wie kann man sich mit Worten allein gegen Kanonen wehren? Die uralte Frage. Das Stück ist gut inszeniert, und das Bühnenbild ist sehr passend, das Stück spielt im Unterschlupf der Attentäter, unter einer Autobahnbrücke.

In Oldenburg staunte ich nicht schlecht, als ich ahnungslos in das Edith-Russ-Museum für Medienkunst ging und dort einen »Hörgang« mitmachte, der sich ausschließlich mit Ulrike Meinhof beschäftigte. Sie wurde in Oldenburg geboren und ging hier auch zur Schule. Ihr damaliger Schulweg wird nachvollzogen und es wird aus Originalbriefen zitiert. Sie wird als Mensch gezeigt, was selbst 40 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod immer noch nur höchst selten geschieht. Allerdings bleibt ihre Arbeit als westdeutsche Starjournalistin, als Sprachrohr einer politisierten Nachkriegsgeneration, gegenüber ihrer RAF-Zeit unterbelichtet.

Und dann sah ich noch ein Stück im Theaterlaboratorium, einer historischen Turnhalle von 1869: »Der Mann, der niemals weinte«, inszeniert von Barbara Schmitz-Lenders. Dieser Mann ist 87 und jetzt da er demenzkrank ist, auf Hilfe angewiesen. Er wurde in der Nazizeit erzogen und nun werden die Verletzungen und Zerstörungen, die autoritäre Erziehung und Fremdbestimmung bei ihm angerichtet haben, sichtbar. Es ist ein Drei-Generationen-Stück: Der alte Mann ist eine lebensgroße Handpuppe, die auf der Bühne mit zwei Schauspielern zu sehen ist. Der eine, Pavel Möller-Lück, führt die Puppe am Arm und spielt den Sohn des alten Manns und Esther Vorwerk dessen Enkelin. Das ist sehr originell und unbedingt sehenswert. Es gilt das alte Motto von Franz Kafka: »Das Theater wirkt am stärksten, wenn es unwirkliche Dinge wirklich macht. Dann wird die Bühne zum Seelenperiskop, das die Wirklichkeit von innen beleuchtet«. In Oldenburg, dahinten im Nordwesten.

Nächste Vorstellungen »Die Gerechten«: 25.4., 18.5., »Der Mann, der niemals weinte«: 10.5.,11.5.

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