Aus: Ausgabe vom 18.04.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

»Lokomotive« weiter unter Dampf

Chinas Wirtschaft wuchs im ersten Quartal stärker als erwartet

Von Wolfgang Pomrehn
China_Konjunktur_53143269.jpg
Beijing Mitte April 2017: Ein Buspassagier schaut auf in den Himmel wachsende Gebäude

Die »Lokomotive der Weltwirtschaft« steht weiter unter Dampf: Während in der Nachbarschaft die politischen und militärischen Spannungen zunehmen, läuft die chinesische Ökonomie auf Hochtouren. So konnte das Bruttoinlandsprodukts (BIP; »Wirtschaftsleistung«) der Volksrepublik im ersten Quartal zum zweiten Mal in Folge zulegen. Die Besonderheit dabei ist, dass vor allem die Industrieproduktion kräftig anzieht, wie das Internetmagazin Asia Times online aktuell berichtet. Um 6,4 Prozent sei demnach der Ausstoß des verarbeitenden Gewerbes in den ersten drei Monaten des Jahres gewachsen. Das sei der höchste Wert seit neun Quartalen.

Das ist insofern interessant, weil sich in Chinas Wirtschaft seit geraumer Zeit ein Strukturwandel vollzieht, der von der Partei- und Staatsführung orchestriert wird. In den vergangenen Jahren war vorrangig der Dienstleistungssektor gefördert und entwickelt worden, der dann auch regelmäßig erheblich stärker als die übrige Volkswirtschaft gewachsen war. Damit ist jetzt keineswegs Schluss. Der tertiäre Sektor, wie Ökonomen die Dienstleistungssparte auch nennen, verlangsamte sein Wachstum im ersten Quartal auf ein Plus von 7,7 Prozent, nachdem es zuvor 8,3 Prozent waren. Der Abstand zwischen diesen beiden Säulen der chinesischen Ökonomie ist damit kleiner geworden. Über alle Bereiche gemittelt wuchs die Wirtschaft in den ersten drei Monaten um 6,9 Prozent, was über dem offiziellen Ziel für 2017 (plus 6,5 Prozent) nach Vorgaben der Beijinger Wirtschaftsplaner lag.
Getragen wird die starke Konjunktur der – je nach Zählweise – größten globalen Volkswirtschaft (gemessen am BIP nach Kaufkraftparität) oder der zweitgrößten (gemessen nach nominalem BIP) unter anderem von der Bau- und Immobilienwirtschaft. Diesem Wirtschaftsbereich wird von »Fachbeobachtern« zum wiederholten Male attestiert, dass dort eine Gefahr der »Überhitzung« entstehe.

Hinzu kommen staatliche Investitionen in die Infrastruktur und den Bau neuer Fabriken. Letztere, die sogenannten Anlageninvestitionen, waren im März um 9,2 Prozent höher ausgefallen als ein Jahr zuvor. Ausgaben für die Infrastruktur lagen im Februar sogar um 27,3 und im März um 23,5 Prozent über den entsprechenden Werten des Vorjahres.
Weil der Bau von Gebäuden und Infrastrukturprojekten derartig zugelegt hat, läuft es auch in der Stahlindustrie wieder rund. Diese Branche hatte in den zurückliegenden Jahren oft mit Überkapazitäten zu kämpfen und aus diesem Grunde ihrer Konkurrenz auf dem Weltmarkt mit Niedrigstpreisen zu schaffen gemacht. Die EU reagierte darauf mit Strafzöllen – Stichwort »Stahl-Dumping«. Allerdings gibt es auch in diesem Bereich bereits Anzeichen einer Überhitzung. Die Preise seien zuletzt wieder gefallen, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters am Osterwochenende und es gebe Anzeichen, dass mehr produziert worden sei, als der Inlandsmarkt verbrauchen kann.

In mehr als zwei Dutzend Städten sind im März von den Verwaltungen Maßnahmen zur »Abkühlung der Bauwut« ergriffen worden. Der Verkauf neuer Wohnungen sei bereits zurückgegangen, berichten Wirtschaftsmedien. Allerdings stellt sich die Frage, wie nachhaltig solcherart Restriktionen wirken. Chinas Bauwirtschaft bewegt sich seit zehn Jahren oder länger immer am Rande einer Überproduktionskrise. Bisher konnten rechtzeitige Eingriffe einen Kollaps (genannt »Platzen der Immobilienblase«) stets verhindern.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit