Aus: Ausgabe vom 18.04.2017, Seite 6 / Ausland

Zeit für Veränderung

Kolumne von Mumia Abu-Jamal

Von Mumia Abu-Jamal
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Protest gegen Polizeigewalt: Demonstranten gehen in Baton Rouge am 10. Juli 2016 auf die Straße

Janine Africa ist seit den 1970er Jahren Mitglied der Move-Organisation. Auch sie befand sich am 8. August 1978 im Gemeinschaftshaus von Move in Philadelphia, als es von einer Phalanx schwerbewaffneter Polizisten angegriffen und mit einem Dauerfeuer aus Schrotflinten und automatischen Schusswaffen belegt wurde. Wie die meisten erwachsenen Bewohner des Hauses wurde auch Janine verhaftet und angeklagt, einen der uniformierten Angreifer erschossen zu haben, der jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach im »Friendly fire« seiner Kollegen umgekommen ist. Wie ihre Mitangeklagten von den »Move-9« wurde auch Janine zu keiner Zeit beschuldigt, im Besitz einer Waffe gewesen zu sein. Trotzdem wurden die neun Männer und Frauen vom Gericht zu der obszönen Strafe von 30 bis 100 Jahren Gefängnis verurteilt!

Janine war mit dem inzwischen in der Haft verstorbenen Phil Africa verheiratet, aber trotz der brutalen Trennung von ihm und all der anderen Härten ist sie auch nach 40 Jahren immer noch ein überzeugtes und engagiertes Mitglied ihrer Organisation. Mit Blick auf die Gegenwart stellte sie unlängst fest, wie wenig sich in diesen Jahrzehnten zum Guten verändert hat: »Ich möchte über die Werte von Move sprechen und darüber, wie wichtig sie auch heute noch sind. Ein Zeitungsreporter schrieb mir einmal und wollte von mir wissen, ob die Werte von Move auch heute noch von Bedeutung seien. ›Natürlich sind sie das‹, antwortete ich ihm. Denn so wie die Dinge liegen, ist es heute noch genauso wichtig, für Veränderungen zu kämpfen, wie in den 1970er Jahren. Die Polizeigewalt tobt unverändert, unschuldige Menschen und politische Gefangene werden immer noch zu Unrecht eingesperrt, und es gibt immer noch korrupte Politiker. Die Stereotypen über bestimmte Minderheiten bestehen fort, Tiere werden immer noch missbraucht und gequält. Luft, Wasser und Boden werden weiter verunreinigt. Nichts von dem, wogegen Move-Gründer John Africa und wir alle seit den frühen 1970er Jahren gekämpft haben, hat sich wirklich verändert. Tatsächlich ist heute alles noch viel schlimmer als damals. Wenn heute Menschen auf der Straße erschossen werden und dann Videofilme von Zeugen im Fernsehen gesendet werden, wollen Polizei und Politik uns weismachen, es sei alles ganz anders gewesen als das, was wir gerade mit eigenen Augen gesehen haben. Und deshalb werden die Täter auch trotz der klaren Beweislage niemals zur Rechenschaft gezogen, weil sie eben Polizisten sind.«

Wie andere Move-Mitglieder ist auch Janine Africa davon überzeugt, dass die Revolution heute für alle Unterdrückten auf der Tagesordnung steht, um ihr Leben zu retten und ihre geistige und körperliche Gesundheit zu schützen. Deswegen fügte sie hinzu: »Move ist in der Gegenwart und in diesem Zeitalter weiterhin wichtig, das müssen die Leute begreifen. Was wir ihnen in den 1970er Jahren gesagt habe, gilt auch heute noch. Dabei geht es jedoch nicht um Move, sondern es geht um Gerechtigkeit, um Rechtschaffenheit, darum dass das, was Move-Mitgliedern und anderen politischen Gefangenen geschieht, auch jedem anderen passieren kann. Die Menschen, die heute von Polizisten erschossen werden, sind keine Revolutionäre. Sie haben sich nicht öffentlich gegen den Staat gewandt, sie sind vielmehr Durchschnittsbürger, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren und es so den Cops ermöglichten, sie zu töten und ihren Tod zu rechtfertigen.«

Es stimme natürlich, dass seit den 1970er Jahren viel Zeit vergangen ist, bestätigte Janine. Viele Probleme würden aber nicht einfach fortbestehen, so erklärte sie, sondern sie seien viel schlimmer geworden! »Das System«, so betonte sie, »ist wie ein Krebsgeschwür.« Soweit die Worte des Move-Mitglieds Janine Africa, »still ›Ona Move‹« – immer noch in Bewegung!

Übersetzung: Jürgen Heiser

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