Aus: Ausgabe vom 18.04.2017, Seite 6 / Ausland

Anschlag nach Abkommen

Syrien: Schwere Attacke gegen Flüchtende bei Aleppo

Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Zerstörte Busse: Bei dem Ort Raschidin westlich von Aleppo waren am Sonntag noch die Spuren des Bombenanschlages zu sehen

Ein schwerer Anschlag hat am vergangenen Samstag mindestens 128 Menschen das Leben gekostet. Die Zahl könnte laut Helfern und Ärzten aus Aleppo sowie aus dem Gebiet unter Kontrolle der Nusra-Front (Fatah-Al-Scham-Front) auch noch höher liegen. Die Attacke ereignete sich westlich von Aleppo in dem Ort Raschidin. Angesichts von vielen Schwerverletzten muss davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Todesopfer steigt. Viele Menschen werden noch vermisst.

Die Opfer waren Frauen, Kinder und Männer. Sie waren mit Bussen aus den Orten Kafraja und Fua in der Provinz Idlib nach Aleppo unterwegs. Sie gehörten zu einer Gruppe von zunächst 5.000 Menschen, die aus den beiden Städten »vertrieben wurden«, wie ein Einwohner Fuas am Montag junge Welt berichtete. Der Transport war Teil eines »Vier-Städte-Abkommens«, das in den vergangenen Wochen von Iran und Katar in Doha ausgehandelt worden war. Außerdem wurden Menschen aus Sabadani und Madaja, zwei Orte nordwestlich von Damaskus, evakuiert.

Teheran verhandelte für die syrische Regierung, Katar für die Dschihadisten der Nusra-Front und von Ahrar Al-Scham. Unbestätigten Berichten zufolge soll Katar den Islamisten 35 Millionen US-Dollar versprochen haben, falls sie das Abkommen unterschreiben. Teil der Vereinbarung war zudem die Freilassung katarischer Diplomaten, die im Irak von der mit dem Iran verbündeten »Haschd Al-Schaabi«-Miliz gefangengenommen worden waren.

Unmittelbar nach dem Anschlag erschien auf der Webseite der »Armee des Islam« eine Erklärung. »Spezialkräfte der ›Armee des Islam‹ haben die Busse angegriffen, die aus Kafraja und Fua schiitische Kämpfer abtransportieren, diese sind Mordinstrumente gegen unser Volk und unsere Familien«, hieß es darin. Das Abkommen sei »von einer Partei unterzeichnet worden, die keine Geschichte in der Revolution hat. Das ist Verrat an unserem Volk und unseren bewaffneten Einheiten.« Man werde weiterhin »schiitische Kämpfer« angreifen und dafür »keine Anstrengungen scheuen und keine Gelegenheit auslassen«.

Nachdem die ersten Bilder vom Anschlagsort verbreitet worden waren, die ausschließlich Zivilisten zeigten, verschwand die Erklärung von der Webseite. Die Authentizität des Schreibens konnte nicht unabhängig geprüft werden.

Während es sich bei den Bewohnern von Kafraja und Fua um Zivilisten handelt, die der schiitischen Religionsgemeinschaft angehören, zogen aus Sabadani und Madaja 2.200 Menschen sunnitisch Glaubens ab. Dabei handelte es sich um Kämpfer von Ahrar Al-Scham und anderen Gruppen sowie ihre Angehörigen. 100 Kämpfer der Nusra-Front weigerten sich abzuziehen und zogen sich in die Libanonberge zurück. Die ursprünglichen Einwohner der Orte sowie diejenigen Kämpfer, die ihre Waffen niedergelegt haben und in ein Amnestieprogramm eingegliedert wurden, können dort bleiben.

Der Konflikt um die vier Städte hatte im März 2015 begonnen. Damals drangen Tausende Kämpfer der »Armee der Eroberung« mit türkischer Unterstützung in die Provinz Idlib vor. Mit modernen Waffensystemen aus Saudi-Arabien oder Katar ausgerüstet, brachten sie die syrischen Streitkräfte in Bedrängnis, die sich zurückziehen musste. Der Angriff führte schließlich zum militärischen Eingreifen Russlands im September 2015. Die Bevölkerung von Kafraja und Fua sowie in Sabadani und Madaja, die unter Kontrolle jeweils verfeindeter Parteien in dem Krieg standen, wurden zu Geiseln.

Kafraja und Fua sind seit Generationen Heimatorte der Schiiten, die in Syrien eine kleine Minderheit bilden, die die Regierung von Baschar Al-Assad unterstützt. Viele der Männer aus den Orten waren bei staatlichen Behören, Polizei und Armee angestellt. Die »Armee der Eroberung« griff die beiden Orte an und umzingelte sie. Die Bewohner beschuldigten sie »Anhänger des Regimes« und »Ungläubige« zur sein. Die Bevölkerung der beiden Orte sprechen von einer »Vertreibung« aus ihrer Heimat. Ein Bewohner aus Fua sagte jW am Montag: »Wir sollen Flüchtlinge werden, in Aleppo, Homs, Hama.«

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