Aus: Ausgabe vom 18.04.2017, Seite 4 / Inland

Von unten nach oben

Konferenz »Die kapitalistische Moderne herausfordern« in Hamburg: Gesellschaftliche Organisierung jenseits von Staat, Macht und Gewalt

Von Claudia Wangerin
CX0A2552.jpg
Einer der internationalistischen Kämpfer, die sich der Revolution in Rojava angeschlossen haben, im April 2017

Von der kurdischen Frauenrechtsaktivistin über die Vertreterin der Landlosenbewegung in Brasilien bis zum britischen Gewerkschafter – die Revolution in Rojava, dem kurdisch-multiethnischen Selbstverwaltungsgebiet, das 2016 zur Demokratischen Föderation in Nordsyrien ausgerufen wurde, ist weltweit Bezugspunkt für viele Menschen, die heute Alternativen zum Kapitalismus erkämpfen wollen. Unter dem Motto »Die kapitalistische Moderne herausfordern« trafen sich am Wochenende gut 650 von ihnen in den Räumen der Universität Hamburg. Bei der Auftaktveranstaltung am Freitag zählten die Organisatoren sogar mehr als 1.000 Teilnehmer.

Einige waren erst um die 20 Jahre alt oder noch jünger – andere, wie der kurdische Autor und Aktivist Fuat Kav, hatten für ihre Überzeugung schon 20 Jahre im Gefängnis verbracht. »Wir Gefangenen hatten den Staat ideologisch entschlüsselt«, so der heute 58jährige, der nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 inhaftiert und gefoltert worden war. Sein Thema am Samstag: Revolution machen trotz Staatsterror. An die heutigen Gefangenen, die sich in der Türkei seit mehr als 60 Tagen im Hungerstreik befinden, wurde zu Beginn fast jeder Rede erinnert. Zilan Yagmur, die in Deutschland aufwuchs und seit drei Jahren im kurdischen Studierendenverband YXK aktiv ist, bezog sich in einer Ansprache über Wege des Widerstands auf Wladimir Iljitsch Lenin, Rosa Luxemburg und Abdullah Öcalan, den Gründer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), der seit 1999 auf der türkischen Insel Imrali in Einzelhaft sitzt. »Free Öcalan« stand an diesem Wochenende auf einem rund drei Meter hohen Transparent im Audimax der Uni Hamburg. Der prominentesten Gefangene aus der kurdischen Befreiungsbewegung hat in der Haft das Buch »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt« geschrieben, das 2010 auf Deutsch erschienen ist. Das Selbstverwaltungsmodell in Rojava ist ein Versuch, die darin beschriebene Idee des demokratischen Konföderalismus umzusetzen. Das Werk war bereits Inspirationsquelle für die erste Konferenz dieser Art im Jahr 2012 und eine zweite im Jahr 2015. Die Beteiligung junger Linker aus Deutschland selbst hat laut Organisationsteam jedes Mal zugenommen. Das gemeinsame Ziel: die Verdrängung und Überwindung des Nationalstaats von unten. Nicht etwa seine Ablösung durch eine Herrschaft supranationaler Bürokratien oder einen Zustand, in dem nur noch das Recht des Stärkeren gilt. »Demokratische Moderne entfalten – Widerstand, Rebellion, Aufbau des Neuen« lautete der Untertitel der diesjährigen Konferenz.

Auf das Erstarken des Nationalismus in vielen Ländern ging bereits am Freitag Reimar Heider ein, der mehrere Bücher Öcalans übersetzt hat. Wer den Nationalstaat ablehne, müsse zwingend eine Alternative der gesellschaftlichen Organisierung vorschlagen – und dafür auch Menschen gewinnen, die »ganz anders sind als wir selbst«. Kurdische Rednerinnen, darunter auch Zeynep Cudi, eine Kämpferin der Frauenverteidigungseinheiten Schengals (YJS) in einer Videobotschaft, betonten mehrfach, wie wichtig die Einbeziehung möglichst aller Bevölkerungsgruppen in ein Rätesystem sei. Dazu zählen Volks- und Frauenräte sowie gewählte Vertretungen ethnischer, religiöser und sexueller Minderheiten. Fawza Yusuf, die Kovorsitzende der Demokratischen Föderation Nordsyrien, war zur Konferenz angereist und berichtete am Sonntag, wie der Gesellschaftsvertrag, die »Verfassung« Rojavas, erarbeitet worden sei – im ständigen Austausch mit der Bevölkerung. Ausgebildeten Juristen sei das zum Teil zu weit gegangen, sie hätten sich selbst als »erleuchtet« angesehen, so Yusuf. »Die haben uns gefragt ›Was diskutiert ihr denn mit denen ein Rechtssystem?‹« Die Bevölkerung sei aber »schlauer als wir denken«. Mit Yusuf auf dem Podium saß auch Sonia Lopez vom »Kongress der Völker« in Kolumbien, in dem Organisationen von Landarbeitern, Indigenen, Frauen, Jugendlichen und Minderheiten ihre Kräfte gebündelt und Kooperativen gegründet haben – vor dem Hintergrund eines komplizierten Friedensprozesses zwischen Staat und Guerilla. »Für uns ist diese Konferenz wichtig, um unsere Ängste, aber auch unsere Träume zu teilen«, so Lopez.

Salih Muslim, der Kovorsitzende der Partei der Demokratischen Union (PYD) in Syrien, schaffte es, eine antimilitaristische Rede zu halten, obwohl ihm die Situation Rojavas verbietet, Pazifist zu sein. Denn die Belagerung durch Armeen und bewaffnete Gruppen wie den »Islamischen Staat« (IS) erfordert Selbstverteidigung. Militarismus sei davon losgelöst, so Muslim. Diese Entfremdung mache den Unterschied. Als Beispiel für einen militaristischen Akt, der dem Profitstreben der Rüstungsindustrie diene, nannte er den US-Angriff mit 59 Tomahawk-Marschflugkörpern auf einen syrischen Militärflughafen am 7. April. Auf Nachfrage erklärte Muslim, warum Rojavas Volks- und Frauenverteidigungseinheiten nichts gegen Luftunterstützung im Kampf gegen den IS hätten. Der IS und Al-Qaida seien Produkte der kapitalistischen Moderne. Zumindest teilweise seien es deren Mächte, die sie als Instrument zur Destabilisierung und »Neuordnung« des Nahen und Mittleren Ostens hätten einsetzen wollen, betonte er. Das gemeinsame Interesse, sie zu bekämpfen, habe sich ergeben, weil diese Gruppen »wie Mikroorganismen im Labor außer Kontrolle geraten seien«.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland
  • Ostermärsche trotz medialer Störversuche erfolgreich beendet
    Markus Bernhardt
  • Wohnungssuchende müssen häufig mehr von sich preisgeben als zulässig
    Claudia Wrobel
  • Umweltschutz statt Windkraftsupport: Bestätigter gerichtlicher Baustopp macht »Offshore-Terminal Bremerhaven« faktisch obsolet
    Burkhard Ilschner
  • Abgaben und Steuern in Deutschland werden nicht in die Sanierung der Infrastruktur gestecktVon Jochen Kelter
    Jochen Kelter
  • Rüstungskonzern will Panzerfabrik in Türkei exportieren. Aktivisten fordern, dass Bundestag einschreitet. Gespräch mit Jörg Haas
    Gitta Düperthal