Aus: Ausgabe vom 13.04.2017, Seite 7 / Ausland

Die im Dunkeln sieht man nicht

Trotz Konferenz in Berlin: Hungersnot in Afrika wird von den westlichen Mächten ignoriert

Von Knut Mellenthin
716501.jpg
Millionen Menschen in Afrika sind auf Hilfe angewiesen

Auffallend schlecht vermittelt und von den Medien nur schwach beachtet, fand am Mittwoch in der deutschen Hauptstadt ein internationales Treffen unter dem Motto »Berliner humanitärer Appell – gemeinsam gegen Hungersnot« statt. Eingeladen hatte Außenminister Sigmar Gabriel. Welche Teilnehmer, außer mehreren UN-Vertretern, erwartet wurden und was der Event praktisch bringen sollte, war im Vorfeld nicht ersichtlich. Gabriel erklärte, bei der Konferenz gehe es darum, über eine »Größenordnung« der Hilfen zu sprechen sowie darüber, wie die betroffenen Länder langfristig stabilisiert werden könnten.

In Somalia, Südsudan, Jemen und Nigeria sind gegenwärtig insgesamt 20 Millionen Menschen vom Hunger bedroht, der mit der Ausbreitung von Krankheiten einhergeht. 4,2 Millionen der Betroffenen sind Flüchtlinge, unter denen Kinder mehr als 60 Prozent ausmachen. Hauptursachen sind mehrere aufeinanderfolgende Dürreperioden, aber auch langwierige Bürgerkriege, für die keine Lösung in Sicht ist.

Die UNO und internationale Hilfsorganisationen versuchen schon seit Monaten immer wieder, die »Weltöffentlichkeit« und namentlich die reichsten Staaten auf die Lage aufmerksam zu machen und sie zu finanziellen Zusagen zu drängen. Die Ergebnisse sind anhaltend schlecht. Hilfsorganisationen mussten in den letzten Monaten die von ihnen an Flüchtlinge verteilten Lebensmittelrationen kürzen: in Dschibuti um zwölf Prozent, in Äthiopien, Tansania und Ruanda zwischen 20 und 50 Prozent und in Uganda sogar um bis zu 75 Prozent. Dass man für Menschen in Not »etwas tun« müsse, ist für viele westliche Politiker und Redakteure nur mit dem Abwurf von Bomben und dem Abschuss von Raketen verbunden.

Der Sprecher des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, UNHCR, hat am Dienstag aktuelle Fakten zur Entwicklung der Lage in den am schwersten betroffenen vier Ländern vorgelegt. Adrian Edwards warnt darin vor der Gefahr, dass die an sich vermeidbare Krise schlimmere Auswirkungen als die somalische Hungersnot von 2011 haben könnte, falls nicht sehr bald Hilfe im nötigen Umfang erfolgt. In Somalia waren vor sechs Jahren nach Schätzungen mehr als 260.000 Menschen gestorben. Mehr als die Hälfte waren Kinder unter fünf Jahren.

Edwards zeigt in seinem Bericht auf, dass die Lage sich teilweise sogar noch schlechter entwickelt hat, als vom UNHCR prognostiziert worden war. So war die Agentur zum Beispiel gezwungen, ihre Schätzung über die bis Jahresende im Sudan zu erwartenden Flüchtlinge aus der Region von 60.000 auf bis zu 180.000 zu verdreifachen. Für Uganda wurde die Prognose von 300.000 auf 400.000 Flüchtlinge korrigiert. Von den somalischen Flüchtlingskindern zwischen sechs Monaten und fünf Jahren, die gegenwärtig mit ihren Familien im Südosten Äthiopiens ankommen, sind zwischen 50 und 79 Prozent schwer unterernährt. Für etwa fünf Millionen Kinder ist die Flucht mit einer zeitlich nicht absehbaren Unterbrechung des Schulunterrichts verbunden. In Somalia hat aufgrund der sich verschlechternden Ernährungslage auch die interne Migration stark zugenommen. Seit November 2016 musste eine halbe Million Menschen ihre Heimat verlassen – zusätzlich zu einem konstanten Sockel von rund einer Million Binnenflüchtlingen.

Die UNO hat die »internationale Gemeinschaft« für das laufende Jahr um 5,6 Milliarden Dollar gebeten, um den vier am schwersten betroffenen Ländern Somalia, Südsudan, Jemen und Nigeria angemessen helfen zu können. Davon werden 4,4 Milliarden als unmittelbare Hilfe benötigt, um ein noch schlimmeres Ausmaß der Krise abzuwenden. Nach Auskunft eines hochrangigen UN-Vertreters, Jens Laerke vom Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, sind jedoch erst 984 Millionen Dollar eingegangen oder fest zugesagt. Edwards schreibt in seinem Bericht sogar, dass die Finanzierung der Operationen des UNHCR im Südsudan, in Somalia und im Jemen nur zu drei bis elf Prozent gesichert sei.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland
  • Die Regierung will das Land noch enger an die Europäische Union ­binden. Einschnitte werden von Repression begleitet. Gespräch mit Sergio Cararo
    Raoul Rigault
  • Argentinien: Lehrer streiken für landesweite Lohnerhöhungen. Gewerkschaften ­kritisieren neoliberale Bildungspolitik
    Lena Kreymann
  • Japan: Kaiserliches Bildungsedikt erlebt Revival. Skandal um rechten Bildungskonzern
    Michael Streitberg
  • Italienische Regierung will einige Opfer des Polizeiterrors beim G-8-Gipfel 2001 in Genua entschädigen
    Gerhard Feldbauer