Aus: Ausgabe vom 12.04.2017, Seite 5 / Inland

Die Post ist wieder da

Briefe zustellen ist nicht besonders lukrativ. Der frühere Staatskonzern baut lieber Elektroautos. Und scheint damit recht erfolgreich zu sein

Von Dieter Schubert
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Flinkes Elektrogefährt: »Street-Scooter« der Deutsche Post DHL Group

Es gibt Bewegung auf dem Automobilmarkt. Ein neuer Konkurrent gibt sich zu erkennen, und gemeint ist damit keiner der etablierten »Player«. Wie etwa General Motors, das seine Tochter GM Europe an die französische Konkurrenz von PSA verkauft und damit auch Opel zur Dispositionsmasse bei einem weiteren Versuch des alten Spiels macht: Zwei schwächelnde Konzerne sollen zusammen einen starken ergeben. Nein, die Herausforderung kommt von der Post. Die hatte sich 2014 mit der Übernahme eines Startup-Unternehmens (entstanden im Umfeld der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen) die notwendige Kompetenz gekauft und begonnen, eigene Lieferwagen zu bauen. Der Clou am »Street-Scooter« genannten Fahrzeug: Es funktioniert mit Elektroantrieb. Und weil das gut läuft, soll jetzt die Produktionskapazität für das Gefährt verdoppelt werden.

»Wir werden in Nordrhein-Westfalen eine zweite Fabrik für den Street-Scooter aufbauen, die noch dieses Jahr starten soll«, zitierte die Rheinische Post (RP) den zuständigen Vorstand Jürgen Gerdes (Dienstagausgabe). Der Manager ist neben dem Paketgeschäft zuständig für das erwähnte Unternehmen Street-Scooter GmbH Aachen. Noch ist die »Autosparte« klein: etwa 200 Beschäftigte arbeiten an der Entwicklung und Herstellung des Transportes.

Bei Briefen und vor allem Paketen hat die Post seit längerer Zeit heftige Konkurrenz. Das Resultat, in der alten deutschen Postlandschaft wurden Kapazitäten und Jobs abgebaut, im internationalen Bereich neue hinzugekauft. Jetzt präsentiert sich die ehemalige Behörde (Privatisierung 1994 unter der Regierungsära von Union und FDP) als global agierender Logistikkonzern und zählt dort zu den Marktführern. Das soll auch der Name sagen: »Deutsche Post DHL Group« dürfte Oma Schulze lesen, wenn sie eine der Filialen des Unternehmens besuchen würde. Macht sie aber nicht, in ihrem Städtchen gibt es keine mehr.

Aber lassen wir die Situation von Beschäftigten in den Verteilzentren, den Stress der sich nicht selten als »Subunternehmer« selbst ausbeutenden DHL-Zusteller (Spiegel online 2012: »Sie fallen um wie die Fliegen«) und die letzten genervten Briefschreiber einmal weg: Mit dem Elektrofahrzeug hat sich die Post etwas getraut, das etablierte Autokonzerne weiterhin scheuen. »Wir bleiben Motor der Elektromobilität und wollen Marktführer in der grünen Logistik werden«, verkündete Vorstand Gerdes. »Handwerker und Lieferdienste warten angesichts drohender Fahrverbote in Städten wie Stuttgart händeringend auf Elektroalternativen.« Denn die »Group« baut ihre Scooter nicht nur für sich, sie sollen auch an Dritte verkauft werden. Die Verträge seien unterschriftsreif, sagte ein Sprecher laut Nachrichtenagentur dpa am Dienstag, der Verkauf starte quasi jetzt. Der Konzern selbst hat bislang 2.500 Fahrzeuge in Deutschland und 100 in den Niederlanden im Einsatz. In den zwei Werken sei eine Produktionskapazität von bis zu 20.000 Stück im Jahr geplant. In diesem Jahr baut die Post voraussichtlich die Hälfte, davon wiederum mindestens die Hälfte – also 5.000 Fahrzeuge – soll an unternehmensfremde Interessenten gehen.

Die Post will ihren Kunden über ihre Tochter Post Service ähnliche Dienstleistungen und Garantien anbieten wie Volkswagen oder Mercedes. »Es wird eine Werkstattgarantie wie bei klassischen Autoherstellern geben«, so Gerdes in der RP. »Wir haben bereits einige hundert Werkstätten in Deutschland zertifiziert, die den Street-Scooter warten können – bisher für uns, künftig auch für Fremdkunden.« Offenbar ist die Nachfrage so hoch, dass Post und Street-Scooter bereits über ein drittes Werk nachdenken. (Quellen: Rheinische Post, dpa)

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