Aus: Ausgabe vom 11.04.2017, Seite 4 / Inland

Letzter Ausweg Straßenstrich?

Medienbericht: In Berlin prostituieren sich immer mehr junge Geflüchtete

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Es betrifft offenbar insbesondere junge Männer, die, obwohl sie aus Krisenländern wie Afghanistan kommen, von den deutschen Behörden nicht einmal ein befristetes Aufenthaltsrecht erhalten haben, geschweige denn eine Anerkennung als Flüchtling. Immer mehr von ihnen, aber auch Personen, die bleiben dürfen, prostituieren sich. Das berichtete am Montag das RBB-Inforadio unter Berufung auf Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

Demnach hat sich die Zahl der Flüchtlinge, die in Parks Sex anbieten, im vergangenen Jahr vervielfacht. Bei den jungen Strichern handele es sich überwiegend um Afghanen, Pakistaner und Iraner. Im Berliner Tiergarten habe sich eine regelrechte Szene entwickelt. Als Hauptursache sehen die Helfer das Fehlen von Unterstützungs­angeboten und Perspektiven auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Sobald Geflüchtete volljährig seien, würden viele aus dem Hilfesystem für Jugendliche herausfallen. Nach Angaben der ehemaligen Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John, die derzeit Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin ist, kommt nach Erreichen der Volljährigkeit nur noch ein Helfer bzw. Ansprechpartner auf 65 Geflüchtete. Bei Jugendlichen liege das Verhältnis bei eins zu vier, sagte John dem RBB.

Unter denen, die in Berlin ihren Körper anbieten, sollen auch Minderjährige sein. Dies sagte Diana Henniges vom Verein »Moabit hilft« dem RBB. Sie habe mehrfach 16- und 17jährige Afghanen betreut, die sich an verschiedenen Orten in Berlin prostituiert hätten. Der Bezirk Berlin-Mitte hat dem Bericht zufolge im März ein Projekt für die obdachlosen Flüchtlinge im Tiergarten gestartet. Sie sollen rechtlich beraten und untergebracht werden. Nach Aussage von Diana Henniges sind einige der jungen Männer bei Freiern eingezogen. Bei ihnen gebe es zeitweise freie Kost und Logis gegen Sex.

Ralf Rötten, Vorsitzender des Vereins »Hilfe für Jungs«, berichtete gegenüber dem Sender, es sei kaum möglich, für die Flüchtlinge im Tiergarten Alternativen zu organisieren. Denn viele hätten kein dauerhaftes Bleiberecht und dürften deshalb »keinen Deutschkurs machen, nicht zur Schule gehen und erst recht keiner Arbeit nachgehen«. Für sie sei die Prostitution eine der wenigen Möglichkeiten, Geld zu verdienen. So bleibe den Streetworkern von »Hilfe für Jungs« nur, die Jugendlichen über HIV und AIDS aufzuklären und ihnen Unterstützung anzubieten.

Die Berliner Landesvorsitzende der Partei Die Linke, Katina Schubert, zeigte sich im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP erschüttert über die Entwicklung. Sie rief die Bundesregierung auf, mehr Geld für Integra­tion und Sozialpolitik auszugeben, denn was sich in Berlin abspiele, gebe es mit Sicherheit bundesweit in ähnlicher Form. Gebraucht würden »dringend mehr Streetworker und Unterkünfte für minderjährige Obdachlose sowie Angebote, Deutsch zu erlernen und zur Schule zu gehen«, so Schubert. (jW/AFP)

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