Aus: Ausgabe vom 07.04.2017, Seite 8 / Ausland

»Der vorgelegte Sozialplan ist ein Witz«

Schweizer Bauunternehmen Walo will 40 Beschäftigte entlassen. Die Kollegen reagierten mit Streik. Gespräch mit Alessandro Pelizzari

Interview: Johannes Supe
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In der Schweiz lassen sich Bauarbeiter nicht alles von ihren Chefs gefallen. Das musste das Bauunternehmen Walo Bertschinger erfahren, das seinen Standort in Genf schließen und 40 Arbeiter entlassen will. Die Kollegen reagierten darauf, indem sie unbefristet in den Streik traten. Begonnen hat die Arbeitsniederlegung am 29. März. Wird der Ausstand noch aufrechterhalten?

Nach sechs Tagen wurde der Streik am Mittwoch ausgesetzt. Die Geschäftsleitung von Walo Genf hat zugesagt, neue Verhandlungen mit uns aufzunehmen. Sie bewegt sich ein wenig auf uns zu. Genug, um den Streik auszusetzen, aber nicht genug, um ihn ganz aufzugeben. Es wird nun eine im Tarifvertrag vorgesehene Schlichtungsinstanz angerufen. Scheitert die Schlichtung, wird der Arbeitskampf wieder aufgenommen.

Welche Hintergründe hat die Betriebsschließung?

Walo gehört zwar zu den großen Bauunternehmen der Schweiz, in Genf zählt der Betrieb jedoch zu den kleineren. Diese Betriebe werden in Genf aber derzeit aufgerieben zwischen großen Generalunternehmen einerseits, die den Großteil des Marktes unter sich aufgeteilt haben, und ganz kleinen Subkontraktfirmen. Entsprechend geht es Walo hier nicht gut.

Doch den Kollegen hat man nur einen ungenügenden Sozialplan vorgelegt. Von den 40 Arbeitern ist rund die Hälfte über 50 Jahre alt. Viele von ihnen sind treue Mitarbeiter, die schon mehr als 30 Jahre beim Unternehmen angestellt sind. Trotzdem soll die Hälfte der Belegschaft nur ein bis zwei Monatsgehälter als Abgangsentschädigung erhalten. Ein Witz. Walo hat zwar in Genf Schwierigkeiten, schweizweit fährt das Unternehmen aber Gewinne ein.

Wird es für die Beschäftigten nicht schwierig, eine neue Anstellung zu finden?

Auf dem Baumarkt hat man mit 50 oder 55 keine Chance mehr. In dem Alter wird man nur bei Temporärfirmen eine neue Stelle finden. Zunehmend werden aber ältere Arbeitnehmer entlassen, weil sie ihren Firmen »zu teuer« sind. Sie müssen sich dann von Temporärfirmen beschäftigen lassen und werden »günstiger« wieder angestellt. In den vergangenen Monaten gab es zum Beispiel einen Streit bei Implenia, der weitaus größten Baufirma der Schweiz. Auch dort wurden systematisch ältere Arbeitnehmer entlassen. Die Arbeiter protestierten mehrere Tage vor dem Unternehmen, dann wurden die Entlassungen zurückgenommen.

Denn das ganz große Problem der Sache ist, dass die Arbeiter bei diesen Entlassungen das Anrecht auf eine der größten Errungenschaften der Schweiz verlieren: die Frührente für Bauarbeiter. Das Renteneintrittsalter für Männer liegt in der Schweiz bei 65 Jahren, aber Bauarbeiter können schon mit 60 in die Frührente. Werden sie aber mit 50 entlassen und müssen Lücken bei den Rentenbeiträgen hinnehmen, dann war es das auch mit der Frührente.

Gibt es für die Walo-Arbeiter eine Chance, der Arbeitslosigkeit zu entgehen?

Wir verlangen von Walo, gerade für die älteren Beschäftigten Lösungen zu finden. In Lausanne, nur wenige Kilometer von Genf entfernt, gibt es einen weiteren Walo-Standort. Die Arbeiter könnten dort unter Vertrag genommen werden. Doch darauf geht Walo noch nicht ein.

Bisher sechs Tage Streik bei Walo, starke Proteste bei Implenia: Sie führen die Arbeitskämpfe offenbar sehr entschieden. Ist das eine Besonderheit Genfs?

Zunächst ist die Baubranche die gewerkschaftlich am besten organisierte Sparte der Schweiz. Jede Vertragserneuerung im Bau wird mit einer Streikbewegung begleitet. Das war zuletzt 2015 so: Damals gab es Generalstreiks im Bau. Die wurden zwar nicht in jeder Region durchgeführt, aber beispielsweise in Genf wurde der gesamte Baubetrieb des Kantons für zwei Tage lahmgelegt.

In Genf haben wir einen besonders hohen Organisationsgrad auf den Baustellen. 80 Prozent der Kollegen sind organisiert. Das führt dazu, dass wir sehr schlagkräftig sind, sowohl auf der Ebene der gesamten Branche wie auch in einzelnen Betrieben. Neben uns gibt es hier zwei weitere Gewerkschaften, mit denen wir aber gut zusammenarbeiten. Auch der Walo-Streik wird von allen drei Verbänden getragen. Die Belegschaft besteht übrigens, wie in den meisten Baubetrieben, zum Großteil aus Migranten.

Alessandro Pelizzari ist Genfer Regionalsekretär der größten Schweizer Gewerkschaft Unia

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