Aus: Ausgabe vom 06.04.2017, Seite 11 / Feuilleton

Die Vergeblichkeit im Kapitalismus

»Tod eines Handlungsreisenden« im Berliner DT

Von Anja Röhl
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Ein Scheinwerfer strahlt die Figuren erzählimmanent an: Ihre Schatten zeigen an, wie sich fühlen sollen

Ein Vater zweier erwachsener Söhne kann nicht mehr mitfahren auf dem Karussell des Kapitalismus. Dem Vertreter ist die Kraft ausgegangen. Weil seine Verkaufszahlen gesunken sind, hat ihn der Sohn vom alten Chef rausgesetzt. Seit längerem übt er schon den Selbstmord, den er als Unfall tarnen will, um mit der Lebensversicherung seiner Familie die Existenz zu sichern.

Das berühmte Stück von Arthur Miller, das 1949 am Broadway Premiere hatte, wird in Rückblenden erzählt. Es beginnt damit, dass die kleine Familie erstarrt am Tisch sitzt, weil der Selbstmord des Handlungsreisenden gelungen ist. In der Inszenierung von Bastian Kraft am Deutschen Theater (DT) in Berlin gibt es ein sehr gutes Bühnenbild (Ben Baur): ein Rondell mit einem schwarzen, zerkratzten Fußboden, ein Tisch, sechs Stühle, eine rundum laufende weiße Fläche und ein starker Scheinwerfer, der die Figuren gewissermaßen erzählimmanent anstrahlt. Ihre Schattenrisse werden mal länger und kürzer, ganz so, wie die Menschen, die gerade agieren, sich innerlich so fühlen. Manchmal tanzen und bewegen die Schatten sich auch, bilden ein Wirrwarr, es ist dann, als rasten sie als Erinnerungsfetzen durch die Gehirne.

Ulrich Matthes gibt den Handlungsreisenden meisterhaft und kraftvoll, seine neurotische Verkrampftheit wirkt an keinem Punkt übertrieben, sie ist nie mitleidsheischend oder peinlich, sondern immer passgenau auf die jeweilige Szene zugeschnitten. Dabei arbeitet er sehr gut seine eingeschüchterte, andererseits wütende Seite gegenüber dem Lieblingssohn heraus, wie auch seine Ignoranz dem anderen gegenüber. Auch Benjamin Lillie und Camill Jammal spielen die Söhne ganz ausgezeichnet, sie wirken sehr modern und bringen das alte Stück ganz in unsere Zeit hinein.

Der Wechsel ihrer Stimmungen, die durch den Vater geschürte Konkurrenz zwischen ihnen, ihr beider Streben nach dem, was man den amerikanischen Traum nennt, der für die meisten unerfüllbar bleiben muss, damit er bei einigen wenigen wirken kann, und die Vergeblichkeit all dessen, das alles ist in dieser minimalistischen Aufführung sehr gelungen. Gerade aufgrund der psychologischen Durchstrukturierung der Rollen.

Auch Olivia Grigolli verleiht ihrer Rolle als Mutter viel Tiefe, Gefühl, Stärke und Standfestigkeit. Sie ist keineswegs eine verhuschte Hausfrau. Das Stück ist unbedingt zu empfehlen.

Nächste Aufführungen: 8.4., 20 Uhr, 16.4., 19 Uhr

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