Aus: Ausgabe vom 06.04.2017, Seite 11 / Feuilleton

Ändere die Welt

Gewalt und Kritik: Am Schauspiel Leipzig gibt es Brechts »Maßnahme« in Kombination mit »Die Perser« von Aischylos

Von Jakob Hayner
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Das Theater der Zukunft, vor 2500 Jahren

Was könnte »Die Perser«, die älteste erhaltene Tragödie der Menschheitsgeschichte, mit Bertolt Brechts und Hanns Eislers Lehrstück »Die Maßnahme« verbinden? Zwischen den beiden Stücken – das eine wurde 472 v. Chr. im Dionysostheater in Athen uraufgeführt, das andere 1930 in der Berliner Philharmonie – liegen fast 2500 Jahre Geschichte. Sie reicht von der Sklavenhaltergesellschaft bis ins »Zeitalter der Extreme«, wie der Historiker Eric Hobsbawm das »kurze zwanzigste Jahrhundert« zwischen Oktoberrevolution und Untergang des Realsozialismus nannte.

Am Schauspiel Leipzig hat der Intendant Enrico Lübbe nun zum zweiten Mal einen solchen antik-modernen Doppelabend zur Aufführung gebracht. Der erste war mit »Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen« von Aischylos und Elfriede Jelinek dem Thema Menschen auf der Flucht gewidmet. Mit »Die Maßnahme/Die Perser« geht es um Krieg, Kämpfe und die Rolle des einzelnen in großen historischen Bewegungen. Aber auch um die Kritik einer selbstgerechten Gegenwart.

»Die Maßnahme« ist der Text von Brecht, der am meisten mystifiziert wird. Die Darstellung eines Parteigerichts, vor dem sich vier Agitatoren verantworten müssen, weil sie bei ihrer Mission in China einen jungen Genossen opfern mussten, hatte Brecht den Vorwurf der Verherrlichung der stalinistischen Säuberungen eingebracht. Umstandslos setzte man einen Teil des Stückes mit der Haltung des Autors in eins, um über den dargestellten Widerspruch nicht weiter nachdenken zu müssen – und Brecht politisch zu diskreditieren. In gewisser Weise hat aber auch Brecht selbst zur Mystifikation beigetragen, in dem er von dem Stück als »Theater der Zukunft« sprach, aber zugleich ein Aufführungsverbot verhängte. Dieses »Theater der Zukunft« bekam also lange Zeit niemand zu sehen – oder zu hören, denn auch Eisler hatte seine Partitur sperren lassen. Das Verbot war bis 1998 in Kraft, als es zur Wiederaufführung am Berliner Ensemble kam. Seitdem ist »Die Maßnahme« gelegentlich aufgeführt worden, unter anderem vergangenes Jahr am Ort der Uraufführung mit fast 300 Sängern und kürzlich beim Brechtfestival in Augsburg. Gewinnt das Stück zur Zeit an Aktualität?

Entstanden unter dem Eindruck der Selbstzerstörung der bürgerlichen Gesellschaft im Ersten Weltkrieg, den sich anschließenden weltweiten Klassenkämpfen von Deutschland bis China und dem Aufkommen des Faschismus, steht bei der »Maßnahme« ein Appell im Zentrum: Ändere die Welt, sie braucht es. Dieser revolutionäre Ansatz ist unhintergehbar. Es geht nicht um ein paar Blumen auf den Ketten, um etwas Selbstoptimierung oder ein paar Reformen in Teilbereichen der Gesellschaft, sondern um die Veränderung ihrer grundsätzlichen Gesetzmäßigkeiten, um die Veränderung der Produktionsweise.

Dass diese Aufgabe nicht gerade einfach zu lösen ist, zeigen die Erfahrungen der Revolutionen in der Moderne, geht es doch darum, an geeigneter Stelle in die Wirklichkeit einzugreifen – mit minimaler Kraft und maximaler Wirkung –, um die Gesetzmäßigkeiten auf Dauer zu verändern. Wer der schlechten Wirklichkeit nicht erliegen will, muss sie verstehen lernen. Und zu bekämpfen wissen. Das sind in der »Maßnahme« die Lehren der Klassiker, das ABC des Kommunismus. Der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis ist für das Lehrstück konstitutiv.

In Leipzig wird »Die Maßnahme« nicht aktualisiert und somit zum Tendenzstück verkleinert, sondern in ihrer parabelhaften Form auf die Bühne gebracht. Auf der Empore hinter dem Publikum befinden sich der Chor und die Musiker. Der Schönberg-Schüler Eisler hatte sich in den zwanziger Jahren der Arbeitersängerbewegung zugewandt, das ist in seinen Kompositionen zur »Maßnahme« zu spüren, neben Zitaten aus der Populärkultur, Jazz und Schlager und der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Das Bühnenbild verändert sich je nach Situation, mit Videoprojektionen werden Massenszenen dargestellt. Der Verzicht auf naturalistische Illustration erweist sich als besonders gelungen. So erscheint beispielsweise die Szene mit den Kahnschleppern als Allegorie des Fortkommens in der Konkurrenzgesellschaft. Durch eine gelungene Inszenierung erweitert sich der literarische Text und indem sich die Inszenierung auf das Wesentliche konzentriert, entfaltet sie ihre Bedeutung. Kein verselbständigter Regieeinfall bläht sich zur schiefen Deutung auf, sondern dem Werk Brecht und Eislers wird mit zeitgemäßen Mitteln zur Wirkung verholfen.

Ebenso verhält es sich auch bei »Die Perser«. Das Werk des griechischen Dramatikers Aischylos über die Niederlage der Perser gegen die Griechen bei der Schlacht von Salamis, beschrieben aus persischer Perspektive, zielt dabei auf eine zusätzliche Bedeutungsebene. Xerxes reißt in seiner Hybris das Perserreich in den Untergang. Als am Ende der Chor der Toten auftritt, ist deutlich, dass fürs erste allein die Trauer bleibt. Auf der Bühne liegen die Masken der Agitatoren neben der Krone des Perserkönigs. Jede geschichtliche Bewegung beruht auf dem individuellen vergänglichen Leib als ihrem Träger. Das kann man auch als Kritik an der Gewalt der Versuche des Veränderung der Welt im 20. Jahrhundert verstehen. Doch mit der Trauerarbeit lässt sich auch die Unabhängigkeit vom Objekt wiedergewinnen, wie Sigmund Freud bemerkte. So tut sich noch eine andere Möglichkeit des Verständnisses dieses ausgesprochen klugen Doppelabends auf: Mit dem Kommentar der »Perser« zur »Maßnahme« wird auch die Hybris einer Gegenwart kritisiert, die sich der dringenden und grundsätzlichen Änderung der Welt schon entzogen wähnt.

Nächste Aufführungen: am 28. April, 6. Mai, 4., 5. und 14. Juni

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