Aus: Ausgabe vom 06.04.2017, Seite 4 / Inland

Fünf Jahre Ungewissheit

Mord an Burak Bektas in Berlin: Anwälte und Aktivisten fordern unabhängige Untersuchung. Grundstein für Gedenkort gelegt

Von Claudia Wangerin
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Eine Demonstrationen der Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektas am 5. April 2014, dem zweiten Todestag, in Berlin

Fünf Jahre nach dem Tod von Burak Bektas wissen Freunde und Angehörige nicht, ob sein Mörder noch frei herumläuft oder bereits für eine ähnliche Tat verurteilt wurde. »Mir fehlen im Moment die Worte«, sagte die Mutter des türkischstämmigen Berliners, der nur 22 Jahre alt wurde, am Mittwoch auf einer Pressekonferenz im Rathaus Neukölln. »Wir sind wirklich sehr traurig«, so Melek Bektas, die mit dem Anwalt der Familie, Ogün Parlayan, und zwei Verteterinnen der Initiative zur Aufklärung des Mordes auf dem Podium saß. Ihr Sohn war am 5. April 2012 in der Nähe des Krankenhauses Berlin-Neukölln getötet worden, als ein bisher nicht identifizierter Täter wortlos auf eine Gruppe junger Männer schoss. Zwei Freunde von Bektas wurden lebensgefährlich verletzt.

»Wir haben den Eindruck, dass die Berliner Staatsanwaltschaft in letzter Zeit – faktisch zumindest – die Ermittlungen eingestellt hat«, kritisierte Rechtsanwalt Parlayan, der mit seinen Kollegen Mehmet Daimagüler und Onur Özata die Angehörigen vertritt. Es gebe zwar bisher keinen Beweis für ein rassistisches Motiv, die Ermittler dürften vor dieser Möglichkeit aber nicht die Augen verschließen. Die türkische Community Berlins habe nach wie vor Angst, dass der Täter wieder zuschlagen könnte, betonte Parlayan. Rolf Z., der im Juli 2016 für eine ähnliche Tat verurteilt wurde, sei von Polizei und Staatsanwaltschaft nicht einmal zum Mord an Burak Bektas befragt worden, betonte Parlayan. Dabei hatten die Nebenklageanwälte der Eltern des Mordopfers Luke Holland auf die Parallelen hingewiesen. Rolf Z. hatte vor Gericht sein Motiv nicht offengelegt, allerdings war in seiner Wohnung neben Waffen und Munition auch eine Hitler-Büste gefunden worden. Luke Holland hätte zwar dem Augenschein nach deutsche Vorfahren haben können, er hatte aber vor der ehemaligen Stammkneipe von Z. ein Telefonat auf Englisch geführt – und Fremdsprachen mochte der Waffenfreak nicht; das hatte er in dem Lokal deutlich gemacht. Sein Name war auch in der Mordakte Bektas aufgetaucht.

Rechtsanwalt Parlayan und die Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektas forderten am Mittwoch, dass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernimmt – trotz Kritik an deren Herangehensweise im Prozess um die Mord- und Anschlagsserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU). Das Festhalten der Bundesanwälte an der Drei-Täter-These sei dort für die Aufklärung nicht förderlich, sagte Jennifer Struhkamp von der Initiative. Dennoch sei es symbolisch wichtig, dass eine Bundesbehörde ermittle, die zudem andere Möglichkeiten und Ressourcen habe. Allerdings müsse der Fall komplett neu aufgerollt und die bisherigen Ermittlungen durch ein unabhängiges, nichtstaatliches Gremium überprüft werden, das auch Akteneinsicht bekommen solle. Dabei sollten unter anderem Juristen mitarbeiten. Weitere Ideen könne vielleicht das »Tribunal« des Aktionsbündnisses »NSU-Komplex auflösen« beisteuern.

Die Initiative selbst hat inzwischen 25 Kundgebungen und Mahnwachen organisiert, um den unaufgeklärten Mord an Burak Bektas in Erinnerung zu bringen. Auf 20 weiteren Demonstrationen antifaschistischer und antirassistischer Gruppen hat sie Redebeiträge gehalten, sich für einen Gedenkort in der Nähe der Todesstelle eingesetzt und Spenden dafür gesammelt. Der Grundstein sollte am gestrigen Mittwoch abend um 18.30 Uhr an der Rudower Straße/Ecke Möwenweg gelegt werden. Bezirksstadtrat Jan-Christopher Rämer (SPD) hat dieses Vorhaben unterstützt. Für ihn sei klar, dass es sich um ein Hassverbrechen handele, wenn ein junger Mann einfach mitten auf der Straße erschossen werde – auch wenn noch kein Täter gefasst sei, sagte er am Mittwoch. Ihm seien wegen dieses Gedenkorts auch „richtig eklige Fragen“ gestellt worden – es sei ja bekannt, wer jetzt auch im Bezirksparlament sitze, so Rämer. Die AfD ist dort mit acht Personen vertreten.

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