Gegründet 1947 Freitag, 22. November 2019, Nr. 272
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 03.04.2017, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Ein großer Poet

Der Dichter Jewgeni Jewtuschenko ist am Samstag im Alter von 84 Jahren in einem Krankenhaus in Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma gestorben, wie das russische Staatsfernsehen berichtete. »Jewtuschenko war ein großer Poet, sein Erbe ist ein wichtiger Teil der russischen Kultur«, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Einen Namen machte sich der Literat als Dichter des »Tauwetters« in den 60er Jahren. Sein Gedicht »Babi Jar« verknüpft die Erinnerung an den Massenmord der Nazis an Kiewer Juden 1941 mit Warnungen vor Antisemitismus in der Sowjetunion. In der BRD erlangte er mit seinen autobiographischen Romanen »Stirb nicht vor deiner Zeit« (1994) und »Der Wolfspass. Abenteuer eines Dichterlebens« (2000) Bekanntheit.

»Er war einer der herausragenden Dichter der Sowjetunion und Russlands«, erklärte der Direktor des Gorki-Literaturinstituts, Alexej Warlamow, der Agentur TASS. Jewtuschenko hatte an dem Institut in Moskau studiert, war dort 1954 aber geschasst worden. 2001 wurde ihm sein Abschlussdiplom nachgereicht. Der letzte Wille des Verstorbenen sei es, im Moskauer Literatenvorort Peredelkino begraben zu werden, sagte Michail Morgulis, ein Freund der Familie. In Peredelkino befindet sich auch das Grab des Literaturnobelpreisträgers Boris Pasternak (1890–1960). Jewtuschenko, der auch als Regisseur und Drehbuchautor arbeitete, füllte in Russland Hallen und Stadien. Bei aller Kritik brach er nie mit der Sowjetunion. Nach deren Zerfall beklagte er mehrfach die »kommerzielle Zensur«, die er als »McDonaldisierung der Kultur« auf den Begriff brachte. Seit 1992 lehrte er in Tulsa als Gastdozent russische Literatur. (dpa/jW)

Mehr aus: Feuilleton