Aus: Ausgabe vom 03.04.2017, Seite 1 / Titel

Der Lügner vom Amt

NSU-Mord in Kassel: Kriminaltechnisches Institut belastet hessischen Ex-V-Mann-Führer Andreas Temme. Er muss den sterbenden Halit Yozgat gesehen haben

Von Claudia Wangerin
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Tatort Internetcafé: Forensische Rekonstruktion mit V-Mann Andreas Temme (l.) vor Halit Yozgats Leiche (hinter dem Tresen)

Der ehemalige hessische Verfassungsschützer Andreas Temme muss die Schüsse auf Halit Yozgat in dessen Internetcafé am 6. April 2006 gehört und beim Verlassen des Ladenlokals den Sterbenden hinter der Theke gesehen haben. Das ist das Ergebnis aufwendiger Untersuchungen eines kriminaltechnischen Instituts mit Sitz in London. Eine Dokumentation der Versuchsreihe, aus der sich ergibt, dass der Beamte vor Gericht und in Untersuchungsausschüssen gelogen hat, liegt junge Welt vor. Im Rahmen der Vorbereitungen auf das »Tribunal« des Aktionsbündnisses »NSU-Komplex auflösen« hatte das Forensic Architecture Institute in Originalgröße den Kasseler Tatort des vorletzten Mordes nachgebaut, der heute dem »Nationalsozialistischen Untergrund« zugeordnet wird. Zwischen dem 6. und dem 11. März stand dieses »Life size model« im Keller des Berliner Hauses der Kulturen der Welt. Institutsleiter Eyal Weizman ließ es am 9. März von NSU-Nebenklageanwälten, einzelnen Medienvertretern und Aktivisten besichtigen. Mit Hilfe dieses Nachbaus und eines Polizeivideos von der Tatortbegehung mit dem V-Mann-Führer Temme, der 2006 kurzfristig unter Mordverdacht gestanden hatte, konnten die Fachleute sein Sichtfeld am Computer rekonstruieren. Außerdem nahmen Experten Schüsse aus einer Pistole vom Typ »Ceska 83« auf und maßen die Lautstärke in Dezibel von dem Platz aus, auf dem Temme nach eigenen Angaben an einem der Rechner gesessen hatte, als der junge Besitzer des Internetcafés erschossen wurde. Auch olfaktorische Experimente mit Schmauch wurden durchgeführt, da Temme als Sportschütze den Geruch kennen musste – und nach eigenen Worten auch kannte.

Er selbst hat mehrfach als Zeuge im Münchner NSU-Prozess und in Untersuchungsausschüssen behauptet, er habe von dem Mord nichts bemerkt, gehört oder gesehen – noch nicht einmal, als er Münzgeld auf die Ladentheke gelegt habe, hinter der Yozgat sterbend lag. Seine letzten Atemzüge hatte der 21jährige in den Armen seines Vaters getan. »Entweder hat Herr Temme meinen Sohn Halit Yozgat getötet oder gesehen, wie er getötet wurde«, sagte Ismail Yozgat im Juni 2015 vor dem Oberlandesgericht München. »Wir wissen alle, dass dieser Mann lügt.« Dies ist nun kriminaltechnisch untermauert. Am elften Todestag von Halit Yozgat sollen die Untersuchungsergebnisse in Kassel detailliert der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Gegen Andreas Temme läuft bereits eine Strafanzeige der hessischen Linksfraktion wegen uneidlicher Falschaussage im NSU-Untersuchungsausschuss 2012. Dort hatte Temme behauptet, er sei vor dem 21. April 2006 nie dienstlich mit der Mordserie an Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund befasst gewesen. Dem Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags liegt jedoch der Ausdruck einer älteren dienstlichen E- Mail zu genau diesem Thema vor, die Temme abgezeichnet hatte. Laut einer aktuellen Telefonliste des Regierungspräsidiums Kassel, in das Temme vom hessischen Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) wechselte, ist er bis heute Beamter. Als V-Mann-Führer des LfV hatte er 2006 nach eigenen Angaben mehrere »Quellen« im Bereich Islamismus und eine im Bereich Rechtsextremismus betreut. Letztere war der V-Mann Benjamin Gärtner, mit dem er ausgerechnet am Tag des Mordes an Halit Yozgat mehr als elf Minuten lang telefoniert hatte.

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