Aus: Ausgabe vom 01.04.2017, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Das Malteser »Sangweech«

Teil eins

Von Bill Cardoso
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Hier nun zwei Artikel, die ich schrieb, als ich eine monatliche Kolumne im San Francisco Magazine hatte. Es handelt sich, wie ich finde, um semifiktionale Restaurantkritiken.

Die Idee kam mir, als ich den San Francisco Examiner las. Angeblich hatte das FBI eine verdeckte Ermittlung gegen die Mafia durchgeführt, indem es einige Agenten als Unterweltfiguren posieren ließ, die mit heißer Ware dealten. Bei mehreren Gelegenheiten dienten beide Restaurants als Treffpunkt für das lehrbuchhaft vorgehende FBI.

Und beide Restaurants, das spürte ich, waren wirklich Mafiaterritorium. Der echte Stoff. Ich dachte, wenn ich meine Paranoia ein wenig schweifen ließe, könnte mir das Spaß machen. Außerdem wollte ich mich seit längerem schon respektvoll vor Dashiell Hammett verneigen.

Jimmy »The Weasel« Fratianno besuchte auf seinen Rundgängen jeden Tag Sal’s Espresso Café, den Ort des Geschehens in Teil eins. Es existiert nicht mehr. Und Jimmy auch nicht. Er »plauderte« bei der Polizei und ging später mit einem Buch, betitelt »The Last Mafioso«, an die Öffentlichkeit.

Das Ristoranto Italiano, Ort des Geschehens in Teil zwei, war eine Zeitlang mein Lieblingsrestaurant in San Francisco, auch wenn die Besitzer aus irgendeinem Grund meinen Artikel nie rahmten und an die Wand hängten. Einige Jahre später entließen sie plötzlich alle Kellnerinnen, ersetzten sie durch korrekt gekleidete Kellner, peppten den Laden auf, erhöhten die Preise und verkochten die Calamares.

Während ich auf den Anruf wartete, schwebten Rauchkringel meiner Zigarette durch die Hochhauswohnung, von der aus ich einen schönen Blick auf die sanften Hügel im Süden der Stadt hatte. Erinnerungen an frühere Aufträge sammelten sich in den Hinterzimmern meines Gehirns und trieben dort Blasen, als das Telefon klingelte. Eine bekannte Stimme.

»Wir möchten, dass du über zwei Restaurants berichtest. Wir möchten wissen, was dort vor sich geht.«

»Okay.«

»Lunch in Sal’s Espresso Café, 287 Ellis Street. Dinner im Ristoranto Italiano, 622 Green Street. Wir wollen, dass du dort isst. Nimm den jungen Reporter mit. Morgen. Essen. Genießen. Kapiert?« Ein Knacken. Die Leitung war tot.

Sal’s Espresso Café ist ein spärlich erleuchteter Ort ganz in der Nähe der Taylor Street im Zentrum des schrillen Stadtviertels Tenderloin und bietet »Italian Sangweech«1 und Pizza an. Ein Aufkleber an der Eingangstür verkündet: »Teamsters2 are Progressive.« Im Innern gibt es vier Nischen. Chiantiflaschen hängen von der Decke. Wir betreten um 12 Uhr 59 das Lokal.

Die Wände sind mit handsignierten Fotos von Prominenten tapeziert. Es gibt einen Zigarettenautomaten, eine Espressomaschine und eine Jukebox. Die Theke hat keine Barhocker, und dahinter ist eine kleine Küche. In der Küche stand eine dünne Frau mittleren Alters, die eine Brille trug. Eine gelangweilte blonde Kellnerin saß allein in einer der Nischen. In einer anderen Sitzecke teilte sich ein adrettes junges Paar eine Pizza. Die dritte Nische war von zwei Männern und einer Frau besetzt, offenbar Studenten, die über eine Sammelklage diskutierten, während sie auf ihre Pizzen warteten. Der junge Reporter und ich schlüpften in die leere Sitzecke neben der Theke.

Der junge Reporter ist mein Berater. Er ist ein ehemaliger Football-Profi, spielte im Collegeteam allerdings so schlecht, dass sie in seinem letzten Schuljahr für sechs Homecoming-Spiele gebucht wurden, das heißt, sie dienten als Hackfleisch für Army, Iowa, Houston und drei Conference Teams. Das Spiel gegen Houston fand im Astrodome statt. »Es war, als spielte man in einem Flipper«, gestand er mir einmal. »Nach jedem Spielzug leuchtete die Anzeigetafel auf. Sie schlugen uns 72:6. Wir punkteten mit dem Eröffnungskick, und das war’s dann auch.«

Niemand bediente uns. Das Telefon klingelte. Die Köchin hob ab. Jemand wollte die Kellnerin sprechen. Sie ging hinter die Theke und nahm den Hörer.

»Ich habe kein Geld«, sagte sie. »Wann wirst du in der Stadt sein? … Nein, hab’ ich doch gesagt, ich habe kein Geld.«

Sie legte wenige Augenblicke später auf und kehrte in ihre Ecke zurück. Die Tür öffnete sich, und ein Mann von durchschnittlicher Größe und Statur mit einer Hornbrille, einem dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt und einer grauen Hose, kam herein. »Wo ist Sal?« fragte er die Köchin.

»Nicht da«, erwiderte sie. »Kommt irgendwann zurück.« Sie bemerkte uns in der Nische. »Einen Moment noch«, rief sie uns zu. »Ich bin gleich bei Ihnen.«

Der Mann mit der Hornbrille suchte einen Briefumschlag. »Ich brauche etwas, wo ich diese Lohnsteuerbescheinigungen reintun kann«, sagte er zur Köchin.

»Da oben«, sagte sie und verdrehte die Augen.

Er nickte, sah hoch und fand auf einem Regal über ihm einen Umschlag. Er steckte die angeblichen Formulare hinein und legte das Kuvert oben auf den Kühlschrank … für jeden sichtbar. Er bemerkte uns jetzt ebenfalls und begann, hinter der Theke herumzuhantieren. Um nicht seine Neugier zu wecken, wendeten wir unsere Aufmerksamkeit den Bilderreihen an den Wänden zu: Entertainern wie Vaughn Monroe, Frankie Laine, Bob Hope, Sammy Davis, Jr., Robert Blake, Harry James. Und da hingen auch noch Boxer wie Muhammad Ali, Willie Pep, Rocky Marciano, Bobo Olson, Gene Tunney und Pete Herman (das alte Bantamgewicht).

Und in der Mitte, am Ehrenplatz, das größte Bild, der Boss aller Bilder … Frank Sinatra. Meine Erinnerung raste zurück zu einem anderen Auftrag – nach Naples und dem Ristorante California, das wie dieser spärlich erleuchtete kleine Ort geschmückt war mit Fotos von Prominenten. Ein Foto, das Sinatra im Gespräch mit jemand namens Lucky Luciano zeigt, wurde vor wenigen Jahren entfernt. Gino Cuoma, der Besitzer des California, bekam eines Tages Besuch von »einigen Männern, die ich nicht kannte«. Sie sagten, er solle lieber das Sinatra-Foto entfernen. Er gehorchte. Mir dämmerte, dass Sal wirklich gute Beziehungen haben musste.

Der Mann mit der Hornbrille schien sich für uns zu interessieren. Ich weigerte mich, nervös zu werden. »Warum«, grummelte ich dem jungen Reporter zu, »wollen sie unbedingt mich für solche Aufträge?« Der junge Reporter schaute mich eine Weile an, dann beugte er sich nach vorn. »Vielleicht deshalb«, flüsterte er, »weil du Dinge siehst, die die meisten anderen Menschen nicht sehen.«

Die Köchin kam zu unserer Nische. »Was darf’s sein?« fragte sie. Sie schien nervös zu sein.

»Zwei Kaffee«, sagte der junge Reporter. »Amerikanische Mischung. Wir bestellen gleich.« Sie ging wieder. (Zwei Kaffee. Das ist gut. Der junge Reporter ist ein Profi. Isser Harel, Chef des israelischen Geheimdienstes, erklärte mir einmal, wie wichtig es sei, während eines Auftrags keinen Alkohol oder Drogen zu nehmen.) Wir studierten die Menütafel an der Wand über der Theke. Dort stand:

SANGWEECHES

Meatball $ 2.00

Italian Sausage $ 2.00

Eggplant Parmigiana $ 1.75

Veal Cutlet Parmigiana $ 3.00

Roast Beef $ 2.50

Roast Pork & Pepper $ 2.50

Pepper or Melted Cheese 25¢ extra

Pizza: Cheese, Meatball, Combination.

Sicilian, 50¢ plain, 75¢ cheese.

Ah ja, sizilianisch, sinnierte ich. Fünfzig Cents normal, fünfundsiebzig Cents Käse … Was konnte das bedeuten? fragte ich mich. Die Köchin kam mit dem Kaffee zurück. »Haben Sie was mit Schweinfleisch?« fragte der junge Reporter. »Nein«, sagte sie. »Kein Schwein.«

»Ich nehme das Kalbsschnitzel Parmigiana«, sagte ich. Sie notierte. »Für mich auch«, sagte der junge Reporter. Die Tür ging auf, und wir hörten Schritte und Stimmen. Drei Paar hochglanzpolierte teure schwarze Schuhe glitten vorbei. »Hi, Sal«, sagte die Köchin. »Hello, Sal«, sagte die blonde Kellnerin in ihrer Nische. »Sal«, sagte der Mann mit der Hornbrille, der uns beobachtet hatte. Sal schaute zu ihm hinüber. Er gab Sal ein Zeichen. Die anderen beiden, die mit Sal hereinkamen, lehnten an der Theke und warfen Blicke in unsere Richtung. Wir entdeckten ein Foto von Barbara McNair3 und einem bekannt aussehenden Entertainer, der einen halblangen Afro trug. Sein Name lag uns auf der Zunge. Dann fiel mein Blick auf eine Postkarte, die an die Wand geheftet war. Sie war für Sal, und darauf stand: »Gehe nach New
Orleans. Tony Licata4 kämpft Montag abend. Dein Kumpel, Champ Willie Pep5« Was sollte das bedeuten?

Sal ist einer von diesen Typen, die aussehen, als bräuchten sie etwas Schlaf. Große dunkle Ringe um seine Augen. Er schien etwa fünfzig zu sein, war dünn, angespannt und hatte graues Haar und die Andeutung eines Ziegenbarts an seiner Unterlippe. Seine beiden Begleiter trugen Freizeitanzüge. Der eine war klein, fett und hatte schütteres Haar und einen schwarzen Schnurrbart. Sein Anzug hatte winzige Karos in Schwarz und Weiß. Er war wie Sal etwa fünfzig. Der andere Mann war größer, etwa zehn Jahre jünger und besaß die schnellen Reflexe eines Athleten. Er trug einen sehr dunklen, fast weinroten Freizeitanzug.

Plötzlich drängten alle vier Männer an die Theke. In diesem Moment nahmen sie gewisse Merkmale einer Gang an. Wir spürten, wie ihre Blicke auf uns lasteten. Sie begannen alle gleichzeitig zu reden, wobei sie eine Menge Italienisch benutzten. Die blonde Kellnerin verließ ihre Nische und sagte: »Entschuldigung«, als sie versuchte, hinter die Theke zu kommen.

»Hey! Die Arbeiterin will arbeiten«, sagte einer der vier Männer. »Gib ihr einen Ring! Einen Diamanten! Ein Armband! Seht euch bloß mal an, wie sie arbeitet. So ein Engel …« Sie füllte ihre Kaffeetasse nach und kehrte in ihre Nische zurück. Dann rief sie »Sal« und forderte ihn durch einen Wink auf, zu ihr zu kommen. »Ich muss meinen Wagen wegfahren«, sagte sie zu ihm. »Er steht auf einem Dreißig-Minuten-Parkplatz.«

»Okay, Süße, mach das«, sagte Sal. Sie stand auf. Sal und seine beiden Begleiter gingen mit ihr. Die Kalbsschnitzel Parmigiana wurden gebracht. Der Mann mit der Hornbrille steckte etwas Geld in den Umschlag auf dem Kühlschrank. Er rief die Köchin und zeigte ihr den Umschlag. »Schau«, sagte er, »hier ist das Geld. Wenn sie fragen, sag ihnen, dass es bei den Formularen ist. Ich muss los. Ich war nicht hier. Du hast mich nicht gesehen. Klar?«

Die Köchin nickte.

»Dieses Sandwich ist kalt«, murmelte ich. Der kleine fette Typ in dem karierten Anzug kam wieder herein. Er ging vor der Theke auf und ab, starrte uns an. Das machte den jungen Reporter nervös.

»Dies ist ein großartiges Sangweech«, sagte der junge Reporter, laut genug, so dass die Köchin es hören konnte. Sie kam zurück an unseren Tisch. »Alles in Ordnung?« fragte sie. Sie holte die Kaffeekanne und goss nach. Der kleine fette Typ starrte immer noch. Die Köchin schrieb unsere Rechnung. Sie sagte, es sei ihr erster Tag in dem Job. Sie hoffte, die Sandwiches seien gut gewesen. Der junge Reporter machte ihr ein Kompliment. Ich hüllte mich in Schweigen. Erster Tag im Job? Wie bitte? Wer war hier denn vorher Koch? Warum wurde der alte Koch entlassen? Und wo ist er oder sie abgeblieben?

Die Rechnung kam, und wir machten Anstalten aufzubrechen. »Hören Sie«, sagte ich zu der Köchin und zeigte auf das Foto an der Wand von dem schwarzen Entertainer mit dem halblangen Afro: »Wer ist das?«

»Oh«, sagte die Köchin, »das ist Dobie Gray. All die Leute auf diesen Fotos sind hier Kunden. Sie kommen alle hierher. Meistens abends. 19 Uhr 30 bis halb drei morgens. Das ist die beste Zeit, wo man sie hier sehen kann.« Sie nahm das Geld und ging zur Kasse.

Genau, sinnierte ich … Dobie Gray, der Sänger. Natürlich. Sein großer Hit war »The ›In‹ Crowd«. Der junge Reporter stieß mir in die Rippen und nickte in Richtung Foto. »Jemand sollte mit dem Typen mal reden«, sagte er. »Er würde singen.«

Ja, kann schon sein. Vielleicht würden sie alle singen, dachte ich und warf einen letzten Blick auf die Fotogalerie. Aber wir konnten uns nicht an alle dranhängen.

Der junge Reporter ging, in seinen Zähnen stochernd, nach draußen. Zwei Türen weiter, vor einem Drugstore, redete Sal mit einem Mann in einem gelben Jackett. Sie sahen den jungen Reporter und gingen auf ihn zu. Er blieb ruhig stehen und stocherte weiter in seinen Zähnen herum. Sie betraten das Café. Ich tauchte auf, gefolgt von dem fetten kleinen Mann im karierten Anzug. Der junge Reporter und ich schlenderten zur Taylor und Ellis Street und trennten uns dann. Ich ging nach links und lief weiter auf der Taylor Street Richtung Süden. Der junge Reporter ging weiter Richtung Westen, beschleunigte seine Schritte und huschte in eine Telefonzelle. Von dort konnte er den fetten kleinen Mann im karierten Anzug vor Sal’s Café stehen sehen; er schaute nach links und rechts auf die Ellis Street. Der Mann im gelben Jackett kam aus dem Café heraus und ging zur Ecke Taylor Street. Der junge Reporter konnte von der Telefonzelle aus sehen, wie er eiligen Schrittes auf der Taylor Street Richtung Norden lief, wobei er in seiner rechten Hand ein zusammengerolltes Magazin hielt.

Als Vorsichtsmaßnahme hatten wir außerhalb des Bezirks, Ecke Eddy und Taylor Street, geparkt und gingen auf Umwegen dorthin zurück. Es war 13 Uhr 59, als wir uns wieder an dem Wagen trafen. Erst im Auto fühlten wir uns sicher. Der junge Reporter sagte zu mir: »Sie könnten fünf Jahre bekommen für das, was Sie heute getan haben.«

»Wie das?« fragte ich.

»Verdächtig aussehen. Herumlungern. Italienisch sprechen.«

»Ja«, sagte ich und fädelte in den Verkehr ein.

Anmerkungen

1 Bei »Sangweech« handelt es sich um die italienische Aussprache von »Sandwich«, und auch wenn behauptet wird, dass es kein Sandwich ist, so ist es doch ein Mischmasch aus Fleisch und Käse zwischen zwei Brotscheiben. Das Malteser »Sangweech« ist eine Anspielung auf den »Malteser Falken« von Dashiell Hammett, vor dem sich Bill Cardoso verneigt.

2 Gewerkschaft der Transportarbeiter

3 US-amerikanische Sängerin und Schauspielerin, die in dem für Furore sorgenden Film »… aber das Blut ist immer rot« nackt zu sehen war

4 Ein charismatischer Boxer aus New Orleans mit chinesisch-italienischer Abstammung

5 Italo-amerikanischer Boxer, das »Irrlicht« genannt

Bill Cardoso, Jahrgang 1937, wuchs in Boston auf und war Reporter beim Boston Globe. Als freier Journalist schrieb er für Politik- und Kulturzeitschriften wie Harper’s Weekly, Ramparts und den Rolling Stone. Er zählte zu den jungen US-amerikanischen Journalisten, die in den 60er Jahren subjektive Schreib- und Reportagestile entwickelten, die zumeist unter dem Terminus »New Journalism« subsumiert werden. Er war ein Freund des US-amerikanischen Schriftstellers und Journalisten Hunter S. Thompson, für dessen radikal-subjektiven, satirischen und assoziativen Texte er den Begriff »Gonzo« (bizarr, hemmungslos) prägte. Cardoso starb 2006.

In der Edition Tiamat ist kürzlich das Buch »Das Massaker im Goldenen Drachen« erschienen, welches Artikel von Cardoso aus dessen Buch »The Maltese Sangweech and Other Heroes« (1984) beinhaltet. Jenem ist der hier abgedruckte Text in der Übersetzung von Norbert Hofmann entnommen. (jW)

Bill Cardoso: Das Massaker im Goldenen Drachen. Mit einem Nachwort von Klaus Bittermann. Aus dem Amerikanischen von Norbert Hofmann und Franz Dobler, Edition Tiamat, Berlin 2017, 238 Seiten, 20 Euro

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