Aus: Ausgabe vom 01.04.2017, Seite 12 / Thema

Die Zerstörung der Vernunft

Die ungarische Akademie der Wissenschaften will das Georg-Lukács-Archiv in Budapest auflösen. Ein Feldzug gegen »Linke« und »Liberale«

Von Matthias István Köhler
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Protest gegen die Rehabilitierung des antisemitischen Historikers und Politikers Bálint Hóman (1885–1951), dem zu Ehren das Justizministerium der Regierung Orbán 2015 eine Bronzestatue aufstellen lassen wollte (Budapest, 13.12.2015)

Im Vorfeld der offiziellen Feierlichkeiten zum 60jährigen Jubiläum des Aufstands von 1956 überschlugen sich in Ungarn die antikommunistischen Attacken. Ins Visier geriet dabei auch der marxistische Philosoph und Theoretiker der revolutionären Arbeiterbewegung Georg Lukács (1885–1971). Unter Berufung auf ein 2012 erlassenes Gesetz, das die Namensgebung für Straßen und öffentliche Plätze, aber auch Institutionen regelt, gab die Tageszeitung Magyar Nemzet am 21. Oktober 2016 bekannt, Anzeige gegen die Georg-Lukács-Stiftung erstatten zu wollen. Die Stiftung fördert sozial- und literaturwissenschaftliche Forschungsprojekte und besteht unabhängig vom Georg-Lukács-Archiv. Das Gesetz besagt: »Im Namen der Organisation darf nicht der Name einer Person stehen, die in Gründung, Ausbau oder Aufrechterhaltung der despotischen politischen Systeme des 20. Jahrhunderts eine führende Rolle eingenommen hat.« Die Zeitung zitierte auch die Stellungnahme der Akademie der Wissenschaften, die laut dem genannten Gesetz eine Schiedsfunktion in Streitfragen einnehmen soll. Sie stellte zu Lukács lapidar fest, dass seine Beziehung zur Parteiführung zwar von Konflikten nicht frei gewesen sei, er aber »zweifelsohne an Gründung, Ausbau und Aufrechterhaltung des kommunistischen Systems« teilgenommen habe. »Dem Gesetz zufolge darf somit ein öffentlicher Platz nicht nach ihm benannt werden.« Die »wissenschaftliche Qualität« Lukács’, so hieß es in der Einschätzung weiter, sei davon unbenommen, es gehe einzig und allein um die »gesetzliche Sachlage«.

»Kommunistischer Mörder

Einen Tag nach Erscheinen des Artikels legten zwei Politiker der neofaschistischen Partei Jobbik der Georg-Lukács-Statue im Budapester St.-Stephan-Park eine rote Binde um die Augen. Sie solle den »roten Star auf den Augen der ungarischen Gesellschaft, der Politik und der Akademie der Wissenschaften« symbolisieren. Mit der Aktion kündigten sie einen Antrag zur Entfernung der Statue an. Dieser wurde Anfang dieses Jahres vom Budapester Stadtrat angenommen. In einer Mitteilung von Jobbik hieß es dazu, man habe »ein weiteres Stück des mit uns lebenden Kommunismus ausgemistet«. Und weiter: »Wir freuen uns, dass es 27 Jahre nach dem sogenannten Systemwechsel gelungen ist, dass ein kommunistischer Mörder, der zur Zeit der Räterepublik als Volkskommissar den Befehl zur Hinrichtung von acht Menschen gab, als Philosoph der gefeierte Ideologe der Rákosi-Epoche (Mátyás Rákosi, bis 1956 Ministerpräsident Ungarns sowie Generalsekretär der Partei der Ungarischen Werktätigen, jW) war und im Kádár-System (János Kádár, von 1956 bis 1988 Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei und nach 1956 Ministerpräsident, jW) eine Schlüsselrolle in der Kulturpolitik einnahm, endlich keine Statue mehr in Budapest haben darf.« Am vergangenen Dienstag, den 28. März, wurde das Denkmal im Morgengrauen abtransportiert. An seiner Stelle soll eines für den Nationalhelden St. Stephan errichtet werden.

Den Auftakt zu den derzeitigen Angriffen auf Lukács und mit ihm verbundene Intellektuelle und Institutionen gab jedoch im vorletzten Jahr der Publizist Zsolt Bayer. Das Gründungsmitglied der regierenden Fidesz-Partei und Intimus des Ministerpräsidenten Viktor Orbán ist als »Faust der Partei« zuständig für die derben Töne in der regierungsnahen Publizistik. In Deutschland ist er durch seine rassistischen Äußerungen gegenüber Sinti und Roma sowie Beschimpfungen von EU- Politikern bekannt geworden. Im Juli 2015 beteiligte sich Bayer an einer Debatte über die Rehabilitierung des 1951 verstorbenen antisemitischen Historikers und Politikers Bálint Hóman, der unter Miklós Horthy Bildungsminister und von 1933 bis 1945 Präsident der Akademie der Wissenschaften gewesen war. 1945 war Hóman, der an verschiedenen antisemitischen Maßnahmen beteiligt war, ins Deutsche Reich geflohen und schließlich von den US-Amerikanern nach Ungarn ausgeliefert worden, wo er als Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. 2015 initiierte u. a. das ungarische Justizministerium die Aufstellung eines Denkmals für das »Opfer des Kommunismus«. Im Zusammenhang mit der Rehabilitierung Hómans kam Bayer auch auf den »Kriegsverbrecher« Lukács zu sprechen: »Lukács ist die Ikone Nummer eins der ungarischen Linken und der mit tausend Fäden mit ihnen verbundenen Liberalen, ihre nicht in Frage zu stellende geistige Autorität. Sein Erbe trugen und tragen die Hörer (sic!) der von ihm gegründeten Budapester Schule, die ›Lukácsisten‹, von Mihály Vajda über György Márkus bis hin zu Ágnes Heller. Georg Lukács in irgendeinem Aspekt in Frage zu stellen ist Todsünde in diesen Kreisen und zieht sofortigen Ausschluss mit sich.«

Bayer verwies zunächst auf Greueltaten an der jüdischen Bevölkerung zur Zeit der ungarischen Räterepublik 1919, von ihm als »Rattenaufstand« bezeichnet, um zu zeigen, »wie die mehrheitlich von Juden angeführten Bolschewisten mit Leuten ihresgleichen umgingen«. Im Anschluss daran widmete er sich der Frage, »wie diese Tiere mit Nichtjuden umgingen«. In diesem Zusammenhang erzählt er eine Geschichte, die seit den 1990er Jahren immer wieder auftaucht: Lukács habe während des Krieges zwischen der Räterepublik Ungarn und dem Königreich Rumänien, der sich im April 1919 an den Ersten Weltkrieg anschloss, als Volkskommissar an der Hinrichtung von sieben oder acht Deserteuren teilgenommen oder sie sogar befohlen. Der Wahrheitsgehalt dieser Anekdote wurde mehrfach bezweifelt, zuletzt sehr ausführlich von dem Literaturhistoriker András Lengyel. Es gibt weder Augenzeugen für die Hinrichtung, noch Gräber, noch Dokumente, die die Beerdigungen bezeugen würden. Der Prozess, der 1919 nach dem Scheitern der Räterepublik in dieser Angelegenheit geführt wurde, verurteilte den angeblich ausführenden ungarischen Rotarmisten alleine aufgrund der Tatsache, es sei der gängigen Praxis nach vorstellbar gewesen, dass die Hinrichtungen stattgefunden haben. Pikant an der Sache ist: Lukács kommt in dem autobiographischen Interviewband »Gelebtes Denken« auf das Ereignis zu sprechen und sagt, er habe die Hinrichtung zur Wiederherstellung der Moral anordnen lassen. Falls die Hinrichtungen ausgeführt wurden, war ihr Zweck die Verteidigung der ungarischen Grenze gegen die vom Westen unterstützten rumänischen Truppen. So fragwürdig die Praxis der Hinrichtung von Deserteuren ist, den Soldaten war diese Praxis aus der österreich-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg bekannt. Wäre die Hinrichtung von Horthy oder einem seiner Offiziere befohlen worden, wäre es in den Augen jener, die Lukács nun als Massenmörder bezeichnen, eine aus patriotischen Motiven vertretbare Handlung gewesen.

Bayer nutzte diese Episode nicht nur dazu, den Verteidigern Lukács’, die gleichzeitig den Antisemiten Hóman verurteilen, Doppelmoral zu unterstellen, er kreierte auch ganz bewusst eine Parallele zwischen den »mehrheitlich von Juden geführten Bolschewisten« des Jahres 1919 und den heutigen Verteidigern Lukács’: »Dies ist eine Bekanntgabe: Es reicht mit dem geistigen Terror, und damit, dass diese ›Lukácsisten‹ nun seit einem guten halben Jahrhundert entscheiden, wer in den Pantheon des geistigen Lebens gehört und wer nicht. Und ganz allgemein: Es reicht mit euch.«

Institution im Fadenkreuz

Es hätte der neuerlichen Bekanntgabe nicht bedurft, die »Lukácsisten« darauf aufmerksam zu machen, dass es Bayer und seinen Leuten reicht. Seit dem erneuten Regierungsantritt Orbáns 2010 sehen sie sich einer üblen Medienkampagne ausgesetzt. Betroffen davon ist auch das Georg-Lukács-Archiv. Es befindet sich direkt an der Donau, nicht weit von der großen Markthalle, in jener Wohnung am Belgrad-Kai, in die Georg Lukács 1945 aus der UdSSR zurückkehrend einzog und in der er bis zu seinem Tod 1971 lebte. In seinem Testament hatte der Philosoph seine mit Raritäten gefüllte Bibliothek dem Philosophischen Institut der Akademie der Wissenschaften vermacht, seine Manuskripte der Bibliothek der Akademie. Der Einfachheit halber blieben sowohl Bibliothek als auch Manuskripte und Briefe nach seinem Ableben, wo sie waren, in jener Wohnung, in der Leo Kofler, Wolfgang Abendroth und Hans Heinz Holz zum Gespräch eingeladen worden waren, in der Rudi Dutschke ihn besucht hatte, in der die Spätwerke »Die Eigenart des Ästhetischen« und »Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins« entstanden, in der Lukács 1956 seelenruhig Zigarre rauchend seine in Aufruhr befindlichen ungarischen Schüler empfangen und in der seine Frau Gertrud Bortstieber, wie Ágnes Heller sich erinnert, fürchterliche kalte Platten serviert hatte.

Das Archiv nahm seine Arbeit inoffiziell gleich nach Lukács’ Tod auf. Seine Schüler machten sich daran, die Frühschriften nach Anhaltspunkten für das von ihm 1956 verkündete Projekt einer »Renaissance des Marxismus« zu durchforsten. 1973 wurde einigen von ihnen wegen »antimarxistischer Machenschaften« der Prozess gemacht. Sie verloren ihre Stellungen, durften nicht mehr publizieren. 1977 verließen Ágnes Heller, Ferenc Fehér und György Márkus das Land. Doch die Arbeit im Archiv ging weiter. Material aus dem Nachlass, vor allem aus Lukács’ Moskauer Zeit, wurde gesichtet und aufbereitet. Die ungarische Gesamtausgabe seiner Werke nahm Gestalt an, und auch der westdeutsche Luchterhand-Verlag sowie andere ausländische Verlage wurden mit immer neuem Material versorgt. In den 1990er Jahren wurde es still um Lukács. Das Archiv publizierte die Schriften seiner Schüler, die zuvor nicht hatten erscheinen können. Zweimal wurde in den 1990er Jahren die Gedenktafel, die daran erinnert, dass in dem Haus der marxistische Philosoph lebte, von der Wand geschlagen. Eine zerbrochene Gedenktafel hängt heute im Eingangsbereich des Archivs. 2012 schmierten Unbekannte »Mörder 1919« unter die draußen neu angebrachte Tafel.

Der Streit um das Archiv, das zwischenzeitlich der Bibliothek und dann wieder dem Philosophischen Institut der Akademie der Wissenschaften unterstellt war, brach schließlich 2010 offen aus. Zuvor schon hatte es den Vorwurf gegeben, von Mitarbeitern des Archivs werde ein zweites Philosophisches Institut aufgebaut. Der neue Direktor, dem Institut von der Spitze der Akademie aufgezwungen, wollte von den 25 Beschäftigten 15 wegen »Untauglichkeit« entlassen, auch den seit 1978 im Archiv tätigen Miklós Mesterházi, der u. a. für die vier Bände umfassende Sammlung zur Rezeptionsgeschichte von »Geschichte und Klassenbewusstsein«, die Korrespondenz zwischen Lukács und Ernst Bloch sowie die Herausgabe der Schriften aus der Zeit der Räterevolution und den 1920er Jahren verantwortlich zeichnete.

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Die Georg-Lukács-Statue im Budapester St.-Stephan-Park – 1985 aufgestellt, wurde sie am 28. März aufgrund eines Beschlusses des Stadtparlaments abgebaut. An ihrer Stelle soll ein Denkmal des Nationalheiligen Stephan I. errichtet werden

Anfang 2011, das umstrittene ungarische Mediengesetz war gerade beschlossen, und Ágnes Heller gehörte zu seinen schärfsten Kritikern, titelte die Tageszeitung Magyar Nemzet: »Hellers ›verforschten‹ eine halbe Milliarde«. Der Vorwurf lautete: »Der liberale Philosophenzirkel, der Konservative fast täglich an den Pranger stellt, ist unter der Regierung Gyurcsány auf moralisch und rechtlich fragwürdige Weise zu annähernd einer halben Milliarde Forint gekommen.« Bei den umgerechnet ca. 1,6 Millionen Euro handelte es sich um Gelder, mit denen über mehrere Jahre die Projekte von etwa hundert Forscherinnen und Forschern von sechs verschiedenen Institutionen finanziert worden waren. Auch das Archiv hatte solche Mittel erhalten.

Nach dem Bericht wurden die Räumlichkeiten von der Polizei durchsucht. Die Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft in Deutschland startete eine Petition zur Bewahrung des Archivs, Jürgen Habermas und der damalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, Julian Nida-Rümelin, riefen in der Süddeutschen Zeitung dazu auf, die Philosophen zu schützen, auch unter dem Hinweis, dass der Ausdruck »liberal« in Ungarn »inzwischen wieder mit der Konnotation der vaterlandslos-kosmopolitischen Gesinnung jüdischer Intellektueller besetzt ist.« Der Vorwurf der Veruntreuung von Forschungsgeldern wurde später als unbegründet fallengelassen, Heller und andere gewannen vor Gericht ihre Klagen wegen Verleumdung. Aber der Rufmord hatte gewirkt. Das Schicksal des Archivs, dessen letzte wissenschaftliche Mitarbeiter 2012 entlassen worden waren, hing in der Luft.

Versuch der Entledigung

Vollkommen überrascht hat es daher niemanden, als am 5. März 2016 die inzwischen eingestellte oppositionelle Tageszeitung Népszabadság berichtete, dass die Akademie der Wissenschaften das Archiv auflösen werde. Die einzig verbliebene Mitarbeiterin Mária Székely war einen Tag zuvor von der Akademie in einer E-Mail über »Umzugspläne« informiert worden. Eine internationale Petition zur Erhaltung des Archivs sammelte in kürzester Zeit mehr als 12.000 Unterschriften, und die Akademie sah sich gezwungen, eine Mitteilung zu veröffentlichen, in der sie betonte, im Einklang mit Lukács’ Testament zu verfahren. Der Umzug diene letztlich der »strengen fachlichen Regeln« unterliegenden Aufarbeitung und Katalogisierung des Nachlasses. Wichtigstes Ziel sei es, das Material den heimischen und internationalen Forschern zugänglich zu machen. Auf einer Pressekonferenz am 20. April sagte der Präsident der Akademie, László Lovász, dass der schlechte Zustand der Wohnung ausschlaggebend für die Umzugspläne sei. Es herrsche Feuergefahr, und es gebe keine Klimaanlage. Zudem würde zur Zeit in der Vágóhíd útca, zu deutsch: Schlachthausstraße, ein Gebäude für die geisteswissenschaftlichen Disziplinen der Akademie gebaut, dort sei auch Lukács’ Bibliothek gut aufgehoben. Auf der Plenarsitzung der Ungarischen Akademie am 2. Mai betonte Lovász erneut, dass es keinen politischen Hintergrund für die eingeleiteten Schritte gebe und dass seiner Meinung nach von einer Auflösung des Archivs nicht die Rede sein könne. Süffisant fügte er hinzu, dass man in diesem Sinne auch seinen Namen unter die Petition gegen die Auflösung des Archivs setzen könne. Es gehe allein um die »seit vierzig Jahren versäumte« Katalogisierung und Digitalisierung und wenn nötig Restaurierung der Manuskripte. Er wolle aber gleichzeitig klarstellen, dass die Akademie keine Gedenkstätten betreibe, auch nicht für ihre herausragendsten Vertreter. Er sicherte jedoch der Lukács-Stiftung organisatorische und technische Unterstützung zu, falls diese eine solche Gedenkstätte in der Wohnung betreiben wolle.

Überzeugen konnte er die sich um das Archiv scharenden Intellektuellen damit nicht. Miklós Mesterházi vermutet, dass sich »die Akademie verdammt gerne dessen entledigen würde, mit Lukács oder der Lukács-Forschung assoziiert zu werden«. Obwohl das Archiv immer zur Akademie gehört habe, sei alles an Technik, »was über die Schreibmaschine hinausgeht«, aus Spendengeldern angeschafft worden, da sich die Akademie niemals auch nur den Anschein habe geben wollen, das Archiv zu unterstützen. Die fachgerechte Aufarbeitung, die der Präsident in Aussicht stellte, sei zum Teil bereits geschehen, und die angekündigte technische Modernisierung hätte längst geschehen müssen. Auch Péter Agárdi, Literaturhistoriker und Kurator der Lukács-Stiftung, meint, es sei zynisch, dem Archiv »vierzig Jahre versäumte Arbeit« vorzuwerfen, da die Akademie die moderne Aufarbeitung der Manuskripte in der Vergangenheit weder initiiert noch unterstützt habe: »Die Akademie konnte in Wirklichkeit nie etwas mit dem Lukács-Nachlass anfangen, und auch mit Lukács nicht, der nach 1918 Marxist war und blieb.« Die geplanten Räumlichkeiten im erwähnten neuen Gebäude der Akademie seien für die umfangreichen Bestände weder ausreichend noch geeignet. Zudem würde mit dem Umzug die gesamte Katalogisierung, die bis heute an der noch von Lukács vorgenommenen Systematisierung orientiert ist, zerstört. Das würde die Benutzung der Bestände auf Jahre unmöglich machen. Die geforderte Modernisierung, der Feuerschutz und auch die Klimatisierung, all dies könne am besten in der Wohnung durchgeführt werden. Agárdi kommt zu dem Schluss, dass die Akademie den Nachlass loswerden will, und »Lukács’ Bedeutung herabzusetzen versucht, um der erinnerungspolitischen Erwartung zu entsprechen, die den Linken Georg Lukács nicht als herausragende Persönlichkeit gelten lassen will«.

Grassierender Antikommunismus

Um die Pläne der Akademie zu verhindern, wurde nun eine neue Stiftung gegründet, die das Archiv an seinem alten Ort retten will. Der Pachtvertrag, den die Akademie für die Wohnung abgeschlossen hat, läuft noch bis 2025. Eine Möglichkeit wäre, dass die Stiftung den Vertrag übernimmt oder dass sie die Wohnung kauft, was teuer wäre und von dem Budapester Stadtbezirk abhängt, dem sie gehört. Bedingung für all das aber wäre ohnehin, dass das Material an Ort und Stelle bleibt. Die Stiftung würde die weitere wissenschaftliche und editorische Forschungsarbeit übernehmen und der Akademie so diese »Schande« ersparen. Für diese Option müssten viele Einzelheiten geklärt werden. Bisher verweigert die Akademie trotz gegenteiliger Aussagen das Gespräch. So oder so, die Stiftung würde für den Weiterbetrieb des Archivs sehr viel Geld benötigen.

Gregor Gysi hat als Vorsitzender der Europäischen Linkspartei ein Gesuch zur finanziellen Unterstützung des Archivs an den Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, verfasst. Ob die EU darauf eingeht, ist fraglich. Sie würde damit scheinbar bestätigen, was die Konservativen in Ungarn ihr ständig vorwerfen, dass sie die Abrechnung mit dem Kommunismus nur halbherzig führe.

Die »Kriminalisierung der Vergangenheit«, so der Historiker Miklós Mitrovits, steht aber nicht im Dienste der Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Ideologie des Antikommunismus ist immer schon gegen Emanzipation gerichtet; würde es keine Kommunisten geben, dann würden welche erfunden. Dass die angegriffenen Philosophen und Wissenschaftler sich zum Großteil längst vom Marxismus und von Georg Lukács distanziert haben, ja, dass gerade ihre Abkehr von Lukács in den 1970er und 1980er Jahren sie zu den ersten Repräsentanten eines neuen bürgerlich-liberalen Antikommunismus in Ungarn machte, verdeutlicht das sehr eindrücklich.

Das zur Zeit diskutierte »Lex Heineken«, das »Symbole der Zwangsherrschaft« auf Konsumprodukten verbieten soll, im Falle der Biermarke Heineken also den roten Stern, ist ein weiteres bizarres Beispiel des außer Rand und Band geratenen Antikommunismus. Die allgemeine Unzufriedenheit im Land und die nicht verstummenden Forderungen nach Veränderung und sozialer Gerechtigkeit, die vielen kleinen Kämpfe, die gegen Korruption, für Gleichstellung der Geschlechter, gegen die grausamen Verhältnisse an der serbischen Grenze und für die Aufnahme von Flüchtlingen geführten werden und die immer offenere Suche nach Alternativen kann sich die ungarische Regierung nur dadurch erklären, dass sie noch nicht genügend über die Verbrechen »des Kommunismus« aufgeklärt hat. Der Kampf gegen dieses Gespenst bietet den Herrschenden eine letzte Möglichkeit, sich im Geiste des Antitotalitarismus als wahrhaftige Demokraten und Wächter der europäisch-abendländischen Zivilisation aufzuspielen.

Matthias István Köhler ist Redakteur der ­ungarischen Zeitschrift Eszmélet. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24.10.2016 über den 60. Jahrestag des Ungarn-Aufstands.

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