Aus: Ausgabe vom 01.04.2017, Seite 11 / Feuilleton

A wie Ausbeutung

Postkapitalismus? Von wegen! Zwei aktuelle Bücher über die schöne neue Arbeitswelt

Von Timo Daum
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Ist das schon Postkapitalismus? Popcorn-Roboter in Bremen

Viel ist heute vom digitalen Kapitalismus die Rede, von Algorithmen, Automatisierung oder Roboterisierung und deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Oder gleich von einer Art Nach-Kapitalismus als Folge der Digitalisierung. Seit Daniel Bell Anfang der 70er die Wissensgesellschaft ausgerufen hat, wird immer mal wieder der Postkapitalismus angekündigt, zuletzt etwa durch den englischen Journalisten Paul Mason (»Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie«, Suhrkamp 2016). Zwei neue Bücher schauen nun einmal genauer hin.

Der IT-Spezialist und Publizist Rainer Fischbach hat sich vorgenommen, Masons schöne postkapitalistische Utopie auseinanderzunehmen. Digitale Güter, »Null-Grenzkosten«, regenerative Energien und »Peer Production« sollen quasi automatisch den Kapitalismus in etwas Neues überführen, wo es dann nachhaltiger zugeht, alle genug haben, und insgesamt weniger gearbeitet werden wird. Dank vernetzter digitaler Technik soll materielle Produktion so einfach erfolgen können wie das »Copy and paste« digitaler Dateien, fasst Fischbach Masons Szenario zusammen. Dem widerspricht er vehement, nicht einmal Software funktioniere so. Wer einmal an Software-Entwicklungsprojekten beteiligt war, weiß ein Lied davon zu singen: Software ist schön, macht aber auch viel Arbeit.

Die gesamte Postkapitalismus-Debatte unterliege dem »Grenzkosten-Fehlschluss«, konstatiert Fischbach. Grenzkosten sind die Kosten, die unter Nichtberücksichtigung der Fixkosten bei der Herstellung eines weiteren Exemplars einer Ware anfallen. Das heißt also nur, dass tendenziell höhere Auflagen zu günstigeren Stückkosten führen, nicht nur Zeitungsverleger wissen das. Grenzkosten sind nicht die Stückkosten. Die können, z. B. wenn Kapazitäten erschöpft sind, auch wieder ansteigen und gehen eben nicht gegen null, schon gar nicht wenn die fixen Kosten signifikant sind.

Fischbach sieht Paul Masons postkapitalistische Utopie nicht als Alternative zum digitalen Kapitalismus à la Silicon Valley. Er sieht sie selbst in der Tradition der kalifornischen Ideologie und von deren Credo, digitale Technologien seien die Lösung für alle Probleme. Fischbach: »Die Kehrseite des hochfliegenden Zeitgeists der kalifornischen Ideologie ist die Entwertung der Natur, in der sie nur noch vernutzbares Material sieht.« Das ist der Kernpunkt an Fischbachs Mason-Kritik: eine technokratische Haltung gegenüber der Natur, ein ganz und gar utilitaristischer Gegenstandsbezug, gerade so, als wäre die Natur nur Information, die beliebig erzeugt, kopiert und übertragen werden könnte…

In der zweiten Neuerscheinung zum Thema wendet sich Matthias Martin Becker den Folgen der Digitalisierung zu, allerdings ganz »down to earth«, nicht im postkapitalistischen Utopia, sondern im Hier und Jetzt der digitalen Arbeitswelt. Becker hat sich neue Varianten der Arbeitsteilung, Unternehmensformen und Ausbeutungsmethoden rund um den digitalen Kapitalismus angesehen.

»Roboter nehmen uns die Arbeit weg.« Wahlweise gewinnt man Muße und Zeit etwa für die Kinder oder verliert den Job. Zeitungsartikel mit diesem Tenor werden, so ist dem Rezensenten aufgefallen, seit Jahrzehnten mit den immer gleichen gelben Robotern der Firma Kuka aus den Lackierstraßen in der Automobilindustrie illustriert. Becker: »Der Kardinalfehler der neuen Automatisierungsdebatte besteht darin, technische Möglichkeiten mit tatsächlichen Arbeitsprozessen zu verwechseln.« Nicht alles, was automatisiert werden kann, wird auch automatisiert. Eine Scheindebatte also.

Schon Charles Babbage (1791–1871), Großvater des Computerzeitalters, Utilitarist und Fabrikherr träumte von automatischen Maschinen, die den Unsicherheitsfaktor »Arbeiter« ersetzen oder zumindest disziplinieren sollten – der alte Traum des Kapitals von der vollständigen Beherrschung der Produktion. Becker beschreibt die neuen technischen Möglichkeiten in vielen Bereichen – Industrie, Landwirtschaft, Büro – und analysiert neue Formen der Arbeitsteilung wie Crowd- und Click-work. Plattformen wie Uber oder Deliveroo versuchen mit ihren Geschäftsmodellen bis auf die Kundendaten wirklich alles outzusourcen, die Auswirkungen auf die Beschäftigten lassen sich so zusammenfassen: mehr Stress, mehr Überwachung, mehr Risiko, weniger Lohn – wen wundert’s.

Becker kennt die Arbeitswelt aus erster Hand, war Produktionshelfer, Callcenteragent und hat bestimmt schon mal im richtigen Moment den falschen Knopf gedrückt. Er schreibt in dieser Tradition über die Automatisierung – von Sharing-Plattformen bis zu Traktor-Sitzen, von Büroarbeitsplätzen bis Industrie 4.0. Automatisierung ist immer auch ein Herrschaftsinstrument, eine Managementtechnik zur Kontrolle der lebendigen Arbeit. Und Arbeit im Kapitalismus ist eine Zumutung, daran ändert auch die Digitalisierung nix.

Die beiden Bücher warten mit einer Fülle aktueller Analysen auf und bestätigen dabei eine alte Erkenntnis: Der Kapitalismus generiert technologische und soziale Möglichkeiten in beeindruckendem Ausmaß, und doch bleibt er weit hinter den Möglichkeiten, die er selbst geschaffen hat, zurück.

Rainer Fischbach: Die schöne Utopie. Paul Mason, der Postkapitalismus und der Traum vom grenzenlosen Überfluss, Papyrossa Verlag Köln, März 2017, 140 S., 12,90 Euro

Matthias Martin Becker: Automatisierung und Ausbeutung, Verlag Promedia Wien, März 2017, 240 S., 19,90 Euro

Am Montag stellen Rainer Fischbach und Matthias Martin Becker ihre Bücher gemeinsam in Berlin vor, Beginn ist 20 Uhr im Café Morgenrot, Kastanienallee 85

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