Aus: Ausgabe vom 29.03.2017, Seite 12 / Thema

Verheerende Aussichten

Der jüngste Klimabericht der Europäischen Umweltagentur fasst den ­aktuellen Forschungsstand zusammen. Es ist längst an der Zeit, sich umfassend auf die ­unaufhaltsamen Veränderungen einzustellen

Von Wolfgang Pomrehn
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Mit steigenden Temperaturen und zurückgehenden Niederschlägen wird die Versorgung mit Trinkwasser vor allem in Südosteuropa zum Problem. Zudem kommt es vermehrt zu Wüstenbildung – ­ausgetrockneter Stausee in der spanischen Provinz Léon im Februar 2008

Der Klimawandel ist in vollem Gange. Im dritten Jahr in Folge wurde 2016 ein neuer Temperaturrekord aufgestellt. Das war das erste Mal seit dem Beginn halbwegs flächendeckender Temperaturaufzeichnungen im vorletzten Jahrhundert, dass gleich drei Rekordjahre aufeinanderfolgten. Für gewöhnlich sind dem Erwärmungstrend zufällig oder periodisch auftretende Schwankungen verschiedener Intensität überlagert, so dass sich die Kurve der über den ganzen Globus gemittelten Temperatur durch ein beständiges Auf und Ab auszeichnet und die Erwärmung erst über einen längeren Zeitraum deutlich wird. Das macht die Häufung der Rekorde so ungewöhnlich.

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) sprach in ihrem letzte Woche veröffentlichten jährlichen Zustandsbericht für das globale Klima davon, dass die über den ganzen Planeten gemittelte Temperatur 2016 bereits 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau gelegen habe. Damit nähert sich das Klima bereits der Grenze von 1,5 Grad Celsius, die nach der Ansicht der großen Mehrheit der Entwicklungsländer nicht überschritten werden sollte. Beim jetzigen Tempo könnte diese bereits in den 2030er Jahren erreicht werden.

Auch ansonsten mehren sich die Alarmzeichen. Letzte Woche berichtete das US-amerikanische Nationale Schnee- und Eisdatenzentrum (National Snow and Ice Data Center, NSIDC), dass das Meereis auf dem arktischen Ozean gerade sein jährliches Maximum überschritten hat. Der vergangene Winter war nördlich des Polarkreises besonders milde ausgefallen. Nicht, dass die Spitzbergener in Badehosen hätten spazieren gehen können. Aber statt der sonst eher üblichen minus 16 Grad Celsius kletterten dort Anfang Februar in der sonst kältesten Zeit des Jahres die Temperaturen für mehr als eine Woche einige Celsiusgrade über den Gefrierpunkt. In den letzten 30 Tagen von Mitte Februar bis Mitte März, als der arktische Winter seinem Höhepunkt und zugleich seinem Abschluss zustrebte, lagen die Temperaturen auf der norwegischen Inselgruppe im hohen Norden immerhin 4,8 Grad Celsius über dem langjährigen Mittelwert für diese Zeit.

Diese Spitzbergener Wetterbeobachtungen sind symptomatisch für die gesamte Region nördlich des Polarkreises. Der vergangene Winter war dort mit Abstand der wärmste je gemessene. Das Ergebnis: Sowohl die Eisbedeckung als auch das Eisvolumen sind so gering wie nie zuvor zu dieser Jahreszeit. Auch hier gibt es zum dritten Mal in Folge einen neuen Rekord. Über dem arktischen Ozean lag die Temperatur der unteren Luftschichten in den drei Wintermonaten Dezember bis Februar 2,5 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel. Über der Barentssee nördlich und östlich von Skandinavien war es im Mittel sogar um fünf Grad zu warm, hält das NSIDC fest.

Warme Winter

Doch dieser Winter war kein Ausrutscher. Schon seit langem ist den Klimawissenschaftlern klar, dass sich die Arktis stärker und schneller erwärmen wird. Und dass dadurch bedenkliche Rückkoppelungen in Gang gesetzt werden. Besonders im Sommer zieht sich das arktische Meereis immer weiter zurück. Seit dem letzten Jahrzehnt kommt es immer häufiger vor, dass die bis dato unpassierbaren Schiffahrtsrouten zwischen Atlantik und Pazifik durch die Beringstraße im Spätsommer frei sind. Je weniger Wasser aber vom Licht reflektierenden Eis bedeckt ist, desto mehr Sonnenenergie kann in das Meer eindringen und es erwärmen.

Das wiederum führt nicht nur zu einem milderen Klima auf dem arktischen Festland, wo der einst dauerhaft gefrorene Boden auftaut und Häuser und Infrastruktur im Schlamm versinken. Mit Auswirkungen ist auch in unseren Breiten und bis nach Südeuropa zu rechnen. Die Folgen können ausgedehntere Hitzeperioden und extremere Niederschläge sein.

Um das zu erklären, muss ein wenig ausgeholt werden: Das Wetter in den gemäßigten Klimazonen wie der unseren in Europa wird von Abfolgen durchziehender Tief- und Hochdruckgebiete dominiert. Deren Zugbahnen und auch Geschwindigkeit hängt wiederum von großräumigen Luftströmungen in Höhen von mehreren Kilometern, dem sogenannten Jetstream, ab. Den muss man sich als ein relativ schmales Band von starken Winden vorstellen, die in sechs bis 16 Kilometern Höhe um den Planeten wehen, mal einfach von West nach Ost, mal stark mäandernd von den Polregionen zu den Tropen und wieder polwärts. Auf den entsprechenden Wetterkarten sieht das wie Wellen aus, die sich langsam um den Globus bewegen und manchmal auch stehenbleiben.

An diesen Jetstreams ziehen nun die Tief- und Hochdruckgebiete entlang. Bleiben die Wellen stehen, dann verharren auch die Hochs und Tiefs. Aus einer Folge schöner Sommertage kann dann schnell eine ausgedehnte Hitzewelle werden, wie im Sommer 2003 in Westeuropa, als in Frankreich und Südwestdeutschland Zehntausende Menschen an den Hitzefolgen starben. Oder wie im vergangenen Sommer, als der US-Bundesstaat Kalifornien von einer schweren Dürre getroffen wurde. Ein weiteres Beispiel ist der Sommer 2010, als der europäische Teil Russlands von den bis dahin schwersten Waldbränden seit Menschengedenken heimgesucht wurde und in Pakistan zur gleichen Zeit verheerende Überschwemmungen selten gesehenen Ausmaßes Ernten vernichteten, Häuser zerstörten und an die 2.000 Menschen töteten. Alles Folgen sogenannter blockierender Wetterlagen, die durch den Stillstand in den Wellen der Höhenwinde eintraten.

Meteorologen wissen schon seit langem, dass die Geschwindigkeit dieser Wellen und ihre Amplitude – das heißt: wie weit die Höhenwinde von Nord nach Süd und wieder zurück mäandern – vom Temperaturgegensatz zwischen den Tropen und den Polregionen abhängen. Schwächt sich dieser ab, sollte sich das Tempo der Wellen verlangsamen und die Amplitude vergrößern.

Genau das ist in den letzten Jahrzehnten, in denen sich die Arktis deutlich schneller als die südlicheren Breiten erwärmte, vermehrt aufgetreten. Am gestrigen Montag ist in der Fachzeitschrift Scientific Reports eine Studie europäischer und US-amerikanischer Wissenschaftler veröffentlicht worden, die dies anhand der Wetterdaten der vergangenen 147 Jahre sowie in Vergleichen mit diversen Klimamodellen nachweisen konnte. »Dass der Jetstream sich öfter über lange Zeit stark windet, ist ein recht neues Phänomen – das macht es noch bedeutsamer«, meint Mitautor Dim Coumou von der Abteilung für Wasser- und Klimarisiken an der Freien Universität Amsterdam.

Studienleiter Michael Mann von der Staatlichen Universität von Pennsylvania in den USA spricht von einer beunruhigenden Serie von Wetterextremen: »Solche Ereignisse treten öfter auf, als durch die direkte Wirkung der globalen Erwärmung zu erwarten wäre. Also muss es hier einen zusätzlichen Effekt des Klimawandels geben. In Daten aus Computersimulationen wie auch aus Beobachtungen sehen wir Veränderungen, die ungewöhnlich anhaltende, extreme Mäander des Jetstreams begünstigen, und diese wiederum unterstützen das Entstehen von Wetterextremen. Die Menschheit stand schon lange im Verdacht, zu diesen Mustern beizutragen. Aber jetzt entdecken wir einen deutlichen Fingerabdruck der menschlichen Aktivität.«

Mit anderen Worten: Durch die Erwärmung werden Hitzeperioden nicht nur statistisch wahrscheinlicher. Die höheren Temperaturen verändern zusätzlich die Dynamik der atmosphärischen Zirkulation, in diesem Fall den Jetstream, auf eine Art, die das Auftreten von extremer Hitze, Dürren und Starkniederschlägen zusätzlich begünstigt.

An der Untersuchung waren auch Wissenschaftler des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung beteiligt. Die Studie ist Teil einer Reihe vor Arbeiten, mit denen es in den letzten Jahren gelungen ist, besser zwischen natürlich auftretenden Variationen in Wetterabläufen und den Auswirkungen der globalen Erwärmung zu unterscheiden.

Weniger Niederschläge, mehr Hitze

Die Auswirkungen der höheren Temperaturen und des Rückgangs des arktischen Meereises auf die Extremereignisse zeigt, dass es wohl wenige Ecken auf dem Planeten geben wird, die vor den negativen Auswirkungen der globalen Klimaveränderung sicher sind. Was auf Europa so alles zukommen kann, hat im Februar ein umfangreicher Bericht der in Kopenhagen ansässigen Europäi­schen Umweltagentur dargelegt. Mitglieder der Agentur sind neben den 28 EU-Ländern Island, Liechtenstein, Norwegen, die Schweiz und die Türkei. Der Bericht ist keine eigenständige Forschungsarbeit, sondern trägt den Wissensstand der Klimaforscher und anderer Disziplinen über die zu erwartenden Veränderungen und Risiken für das Gebiet der Mitgliedsländer zusammen.

Wasserversorgung

Für den Mittelmeerraum einschließlich Portugals und der Schwarzmeerküsten der Türkei wird zum Beispiel erwartet, dass dort einerseits die Niederschläge zurückgehen, andererseits aber die Temperaturen steigen. Das bedeutet gesteigerte Probleme bei der Wasserversorgung, denn allein schon eine Zunahme der Hitze würde weniger verfügbares Wasser bedeuten. Für die südlichen Mittelmeerküsten gibt es übrigens ähnliche Vorhersagen. Die Wasserversorgung wird also in Nahost noch prekärer werden, als sie ohnehin schon ist, und damit für noch mehr Konfliktstoff sorgen.

Derweil muss in Südeuropa mit der Ausbreitung tropischer und subtropischer Krankheiten, einem Rückgang des Sommertourismus, einem erhöhten Energiebedarf zur Kühlung, Ernteeinbußen, vermehrten Waldbränden und weniger Strom aus den Wasserkraftwerken gerechnet werden. Letzteres ist schon seit Jahren in Spanien spürbar. Dort sind bereits aktuell einige Regionen gefährdet, zu Wüsten zu verkommen.

Mit mehr Hitze, weniger Niederschlägen und verstärkter Waldbrandgefahr muss auch in weiten Teilen Europas mit eher kontinental geprägtem Klima gerechnet werden. Dazu zählen auch der Süden sowie größere Teile im Osten Deutschlands. Brandenburg ist schon jetzt im Sommer oft sehr trocken, aber in einem wärmeren Klima wird sich das Problem erheblich verstärken. In den Wäldern des Landes bemüht sich die Forstwirtschaft bereits seit Jahren um eine Anpassung der Baumbestände an die zu erwartenden Klimaveränderungen. Doch derlei ist natürlich ein langwieriger Prozess. Der Bericht der Umweltagentur rechnet damit, dass die Wälder in den kontinentalen und südeuropäischen Regionen an ökonomischem Wert verlieren werden.

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Die Braunkohletagebaue der Lausitz erhöhen nicht nur die Sulfatkonzentration in der Spree und gefährden damit die Trinkwasserversorgung Berlins. Die ­Verstromung der Kohle belastet auch die Luft mit Kohlenstoffdioxid und Feinstaub – Protest bei Vattenfall im südbrandenburgischen Jänschwalde (11.11.2011)

Für Berlin hat der Klimawandel noch ein besonderes Problem in petto. Die Bundeshauptstadt bezieht einen wesentlichen Teil ihres Trinkwassers aus dem Uferfiltrat der Spree, und die Frage ist, wie lange dies bei zunehmender Trockenheit noch möglich sein wird. Das Problem ist dabei nicht so sehr der Wassermangel, sondern die wachsende Verunreinigung, die durch den Klimawandel verstärkt werden könnte.

In den Braunkohletagebauen in der spreeaufwärts gelegenen Lausitz entstehen nämlich durch die bergbaubedingte Absenkung des Grundwassers Sulfat und Eisenocker. Diese Substanzen werden auf unterschiedlichen Wegen, zum Beispiel durch den Wiederanstieg des Grundwassers oder die Flutung ausgekohlter Gruben, ausgewaschen. Über Bäche und Entwässerungsgräben gelangen sie in die Spree und werden flussabwärts nach Berlin getragen.

Schon jetzt erreicht im Südosten der Hauptstadt die Sulfatkonzentration im Einzugsbereich der entsprechenden Wasserwerke mitunter fast den gesetzlichen Grenzwert, und in Zukunft wird sich der Eintrag in der Lausitz vermutlich noch verstärken. Die Schadstoffkonzentration in der Spree hängt aber auch von den Niederschlägen ab. Je mehr es regnet, desto mehr Wasser gelangt über kleine und kleinste Nebenarme in die Spree und verdünnt das Sulfat. Entsprechend können künftige Dürren im Brandenburger Umland der Hauptstadt ein handfestes Trinkwasserproblem bescheren.

Gesundheitsfolgen

Für zusätzliche Probleme könnte der Algenwuchs sorgen. Das Gelände, durch das die Spree fließt, ist derart flach, dass der Fluss schon jetzt im Sommer mitunter seine Fließrichtung ändert. Wenn in den Seen am Oberlauf der Wasserspiegel aufgrund ausbleibender Niederschläge sinkt, fließt die Spree in Berlin statt zur Havel und damit zur Elbe und zum Meer zurück Richtung Lausitz. Die Spree würde dann fast zu einer Art stehendem Gewässer werden. Ideale Bedingungen für giftige Algenblüten, insbesondere wenn das Wasser auch noch wärmer wird.

Ein Problem, von dem sowohl Süd- als auch Mitteleuropa betroffen sein werden, sind die Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit. Im Hitzesommer 2003 starben in Westeuropa mehr als 50.000 Menschen an den Folgen der extremen Temperaturen. Allein während einer zweiwöchigen Hitzewelle Anfang August 2003 waren es mehr als 33.000, davon knapp 15.000 in Frankreich und 1.400 in Baden-Württemberg. Damit dürfte es sich, schrieb 2008 der Freiburger Medizinmeteorologe Gerd Jendritzky, um die folgenreichste Naturkatastrophe in Europa gehandelt haben, seitdem im 14. Jahrhundert an der Nordsee bei einer schweren Sturmflut mehrere 10.000 Menschen ertranken.

Ein großer Teil der Todesfälle war seinerzeit übrigens auf das schlecht vorbereitete Gesundheitssystem zurückzuführen. In Frankreich waren die Krankenhäuser wegen der Urlaubszeit unterbesetzt, und auch aus Deutschland gab es verschiedentlich Berichte, dass die Ärzte nicht auf die Situation eingestellt waren. Offensichtlich hatte niemand mit dem Ansturm Zehntausender dehydrierter Patienten gerechnet.

Derartige Hitzewellen, die 2003 noch als außerordentlich seltenes Ereignis galten, werden, wie oben beschrieben, in einem wärmeren Klima gehäuft auftreten. Doch ob sie ähnlich tödlich wie 2003 verlaufen, ist auch eine politische Frage. Bessere Vorwarnsysteme und angepasste Notfallübungen könnten künftig sicherlich viele Todesfälle verhindern und sind damit ein Beispiel von vielen dafür, dass die Infrastruktur dem Klimawandel angepasst werden muss. In welchem Umfang das geschieht, wird oftmals schlicht eine Frage des Klassenkampfes sein: Schon 2003 gehörten die Opfer überproportional den ärmeren Bevölkerungsschichten an.

Ein anderes Problem ist die Ausbreitung von Krankheitskeimen und ihrer Überträger. In Süd- und Ostdeutschland wird bereits die Wanderung von für den Menschen gefährlichen Insekten und Zecken nordwärts beobachtet. Der Bericht geht davon aus, dass künftig verschiedene Zeckenarten, die asiatische Tigermücke und anderer Krankheitsüberträger sich neues Territorium erschließen und besser gedeihen. Damit wachse auch das Erkrankungsrisiko für Borreliose, durch Zecken übertragene Hirnhautentzündung, West-Nil-, Dengue- und Chikungunyafieber sowie Leishmaniose. Die letzten vier Krankheiten sind bisher vor allem aus den Tropen und Subtropen bekannt, treten aber inzwischen zum Teil auch schon in Mitteleuropa auf. Beim Chikungunyafieber handelt es sich um eine durch Viren hervorgerufene Gelenkerkrankung, und Leishmaniose ist eine Infektion, die die inneren Organe oder die Haut von Mensch und Tier befallen kann.

Neben Süd- und Südosteuropa, wo innerhalb der EU die meisten wirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel erwartet werden, gehören auch die flachen Küsten und viele Flusstäler zu den »Hotspots« des Klimawandels. An den Flüssen ist mit erhöhter Hochwassergefahr zu rechnen, wovon es seit Beginn des Jahrtausends unter anderem in Deutschland, Polen, Großbritannien und zuletzt im Juni 2016 in Frankreich einen Vorgeschmack gegeben hat. Von diesen Unwettern betroffen können übrigens durchaus auch Regionen sein, in denen der Niederschlag ansonsten eher zurückgehen wird. Zum Klimawandel gehört nämlich auch, dass es zu einer Umverteilung kommen kann: Es regnet seltener, aber dafür besonders heftig, mit den entsprechenden Folgen für Ernten und Infrastruktur.

Steigende Meeresspiegel

Schlimmer noch wird es die Küsten treffen. Fast überall in Europa steigt der Meeresspiegel. Nur im Norden Skandinaviens sinkt er, weil dort das Land als Spätfolge der letzten Eiszeit immer noch aufsteigt. Einst hatten gewaltige Eismassen den Untergrund mehrere hundert Meter tief in den Erdmantel gedrückt. Seit die letzten Reste dieser Last vor rund 10.000 Jahren verschwanden, hat sich das neue Gleichgewicht noch immer nicht eingependelt.

Überall sonst aber steigt das Meer. In den letzten beiden Jahrzehnten im globalen Mittel um etwas mehr als drei Millimeter pro Jahr, was 30 Zentimetern pro Jahrhundert entspricht. Dieser Anstieg wird sich mit ziemlicher Sicherheit schon bald beschleunigen. Einige nationale Behörden wie die niederländischen rechnen für ihre Küstenschutzplanungen mit einem maximalen Anstieg von 1,5 bis zwei Metern bis zum Ende des Jahrhunderts. Für erhebliche Teile der Küstenlandschaft Nordwestdeutschlands, der Niederlande, Belgiens und zum Teil auch Südostenglands würde schon ein Meter Anstieg bedeuten, dass sie unter dem Meeresspiegel liegen. Auf jeden Fall werden gewaltige Investitionen in neue und höhere Deiche nötig sein. Wenn sich aber der Anstieg fortsetzen sollte, was ziemlich wahrscheinlich ist, wird ein großer Teil des Landes in den folgenden Jahrhunderten nicht mehr zu halten sein. In anderen Regionen wie dem Nildelta, Südvietnam, Westafrika oder an Teilen der chinesischen Küste sind die Aussichten noch düsterer.

Wie weit der Klimawandel gehen wird, ist offen und hängt vor allem davon ab, wie schnell die weiteren Emissionen der Treibhausgase reduziert und schließlich auf Null zurückgefahren werden. Doch selbst im Falle eher moderater Veränderungen können die ökonomischen Kosten hoch sein, stellt der Bericht fest. Eine Idee davon geben die Extremwetterereignisse der letzten Jahrzehnte. In den Ländern des Europäischen Wirtschaftsraums (die EU plus Norwegen, Island und Liechtenstein) hätten diese seit 1980 wirtschaftliche Schäden in Höhe von 400 Milliarden Euro nach sich gezogen. Und die Tendenz ist eindeutig steigend. Schon seit Jahren stellt die Münchener Rück, einer der global führenden Rückversicherer, bei denen sich andere Versicherungen versichern, fest, dass die durch Unwetter bedingten Schadensfälle und Schadenssummen stark zunehmen.

Ökonomische Gefahren

Doch die vielleicht größeren Gefahren drohen von ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels in anderen Ländern. So könnte zum Beispiel ein Teil der Gasimporte der EU aus Russland durch auftauende Permafrostböden in Nordwestsibirien bedroht werden. Starke Schwankungen der Rohstoff- und Agrarpreise würden die europäische Wirtschaft belasten, und Unwetter und vom Klimawandel induzierte Naturkatastrophen könnten Transportwege und vor allem Hafenanlagen gefährden. Das hätte wiederum seine Auswirkungen auf die Warenströme in einer hochgradig vernetzten Welt.

Andere ökonomische Gefahren sind kaum zu beziffern. So stellt der Bericht der Kopenhagener Agentur fest, dass in der EU noch immer nicht genug zur Sicherung der einheimischen natürlichen Ressourcen getan werde. Zum Beispiel gebe schon jetzt die Verarmung und der Verlust landwirtschaftlicher Böden Anlass zu großer Sorge, und diese Prozesse würden durch den Klimawandel noch verstärkt.

Auch daran wird deutlich, dass es beim Klimawandel nicht nur darum geht, seine Ursachen – die Treibhausgasemissionen – möglichst aufzuhalten, um das schlimmste zu verhindern. Auch aktive Vorsorge wird wichtig. Das immer noch in vielen Umweltfragen verbreitete, dem maximalen Gewinn privater Eigentümer verpflichtete Laisser-faire und die Politik des schlanken Staates, der sich selbst aus so zentralen Aufgaben wie der Gesundheitsversorgung zurückzieht, wird in Zeiten der globalen Erwärmung insbesondere für den ärmeren Teil der Gesellschaft immer gefährlicher.

In der nächsten Ausgabe:

Langer Atem
Seit vierzig Jahren kämpft die PKK für Freiheit und Sozialismus in Kurdistan. Ein Besuch vor Ort
Von Peter Schaber

Wolfgang Pomrehn schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9.6.2016 über steigende Meeresspiegel infolge der globalen Erderwärmung (Land unter)

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Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Umwelt, Erde, Mensch Klimawandel, der Angriff auf die Biosphäre

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